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Full text of "Wilhelm Löhe"

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qßilfeelttt ßi)^e. 



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^atl ^idbner. 



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lDilt)elm Eöt)e. 



IDJUieltn Zö\)2, 



ein Cebensbilb 



pon 



Karl eid)ner 



mit einem Bilbniffe föne's. 



3w2ii2 nuflage. 



Chicago, JIL 

IDartburg Publisbing f)Ouse. 
1908. 






TRANSFE« 

6e 

MOV 28 .5 

Serlal Hecord Wvislon 
Printcb in öermany. 



oö)S 



Dem nnbenken 

t)es Paftors unb ipeilanb Präfes ber Synobe 

von Joroa u. a» St 

D. D. Johannes Deinbörfer 

geipibmet. 









üoriport 




in kurzes unb öod] möglidift allfcitigcs Eebens= 
bilb Don bem grof^en öottesmann Cötie ipurbe 
immer oermif^t Das grolle Quellenroerk 
über fein feben oon bem nadimaligen Infpektor ber 
TIeuenbettelsauer TTTiffionsanftalt J. Deinzer — nadi 
Anlage unb Durdifülirung ein TTIeiftertuerk biogra= 
pbifdier Treue — konnte oline Permittlung nidit 
ber Hilgemeinlieit bienen. So entftanben bie nadi= 
folgenben Blätter in ber nbfidit, bamit einem oft 
gefulilten Bebürfnis zu genügen. 

Die örunblage audi für biefe Arbeit mußte bas 
breibänbigelDerk oon J. Deinzer bleiben: „IDillielm 
Eöbe's Eeben. Aus feinem fdiriftlidien Tladilal^ zu= 
fammengeftellt", erfdiienen zuerft in ben Jatiren 
1873, 1877,80, 1892 unb nunmebr oerlegt oon C 
Bertelsmann in eoterslob. IDertoolle Dienfte leiftete 
ber geiftDolle flbri (^ aus ber Feber bes beimgegangenen 
öberkonfiftorialpräfibenten D. Tl. o. Stäblin in ber 
„Kealencyklopäbie für proteftantifdie Tbeologie unb 
Kirdie", britte Auflage, ll.Banb, Seite 576 bis 586. 
Benutzt ipurben ferner bie einfdilägigen Kapitel aus: 



«Die innere lüiffion in Bayern biesfeits b, Rb." oon 
bem jetzigen Konfiftorialrat (]. Bek, in bem Sciiäfer= 
fd]en Sammeltoerk: ,,Die innere TüilTion in Deutfdi» 
lanb'', (liamburg 1880). Berückfiditigung fanb aud) 
ber oom gegentpärtigen Rektor ber ]Teuenbettels= 
auer Diakoniffenanftalt D. Dr. (], Bezzel in ,,frei= 
munbs KirciilicI] = PoIiti|"cliem TDodienblatt für Stabt 
unb £anb" (Jalirg. 1904 Hr. 33 bis 1905 Rr. 4) ab= 
gebruckte „Überblick über 50 Jalire öefdiidite ber 
Diakoniffenanftalt Reuenbettelsau" oom 9. Hlai 1904. 

Soipeit möglidi, tourben anberipeitige Peröffent== 
lidiungen aus Sammeltperken unb 3eitfd)riften (be= 
fonbers „Korrefponbenzblatt ber Diakoniffen oon 
Reuenbettelsau") zum Dergleidi herbeigezogen. 
Eölie's Sdiriften felbft tpurben babes nidit um= 
gangen, flbgefdiloffen tourbe mit bem Tobesjalir 
Cöbe's. Dk Fortfülirung unb IDeiterentiPickelung 
feiner Eebensarbeit gehörte nidit melir in ben 
Ralimen biefes Bilbes. Bei aller Treue in ber Be= 
nutfung ber angeführten Quellen tpurbe auf Selb= 
ftänbigkeit in Belianblung unb Urteil Radibruck 
gelegt. Das Cebensbllb ipurbe gezeichnet aus üer= 
eftrung für einen großen Hlann unb aus Hebe zu 
einer großen Sache. 

IDelch einem Bebürfnis bas Cebensbilb ent= 
gegengekommen ift, erhellt aus ber Tatfache, baß 
tDenig IDochen nach bem Crfcheinen ber erften 
Ruflage bie Rotipenbigkeit einer neuen Ruflage fich 
herausftellte. Damit toar eine nochmalige Durch= 
arbeitung bes Stoffes gegeben. Wenn auch keine 
burchgreifenben Rnberungen oorzunehmen toaren, 
fo cDurbe boch gebeffert unb erroeitert foireit es 
tunlich erfchicn. Angefügt tourbe ber Rbfchnitt, 



ipcldicr einzelne Proben oon öebanken Cölje's gibt, 
üollftänbig umgearbeitet tpurbe Der fölie's ameri= 
l^anifdie Tätigkeit belianbeinbe Teil unb zipar unter 
Benütfung bes grollen IDerkes oon D. D. J. Dein = 
iiörfer: „öefdiidite ber eoangel.=lutIi. Synobe oon 
Jupa unb anberen Staaten" (Cliicago 1X97), fotoie 
naö} brieflidien Angaben, toelclie Deinbörfer bem 
Perhffer in einem Sdireiben oom 17, Hpril 1907 
zukommen ließ. 

Inzipifdien ift biefer „alte Scbuler föbe's" — 
toie Deinbörfer fidi felbft in bem Briefe bezeichnet 
— als btr letfte oon ben oier örunbern ber JotDa= 
fynobe am 14. TTlai in IDanerly oom lierrn aus ber 
3eit in bie ^ipigkeit abgerufen toorben. Tlodi liatte 
er bem Perfaffer feine grolle Befriebigung über 
bas Cebensbilb bezeugt unb beroorgelioben, roeld] 
eine fcbtuierige Aufgabe es getoefen fei, in kurzen, 
aber klaren TDorten bie oielfeitige TDirkfamkeit 
Cöbe's zu fdiilbern, tuas aber nadi feinem Urteil 
ganz trefflidi gelungen fei. Perfaffer glaubte barum 
einer Dankesp flicht zu genügen, irenn er bie zur 
Perbreitung unter ben beutfdien Eutberanern in 
Amerika beftimmte Auflage biefem treuen unb Diel= 
beipäbrten Diener Cliri(ti getoibmet bat. Hloge an 
biefem Buche ber IPunfch in Erfüllung gehen, mit 
roelchem Deinbörfer ben ercpähnten Brief fchließt: 
„irioge Ihr Buch brüben unb hier oiele auf t>k reich 
gefegnete Arbeit Cohe's aufs neue aufmerkfam 
machen unb oielen Tlutfen fchaffen zum Preife 
öottes, ber Seiner Kirche biefen ITlann gefchenkt 
unb ihm große Treue oerliehen hat bis an feinen 
Tobr 

Tlürnberg, ben 17. Juni 1907. 

Kart etctjnen 



L 



£öt)c's IDcrbcn. 



Soliann Konrab TDilbelm föl]G ipar geboren 
am 2L Februar IXOX in Fürtb, ber TIactibar= 
ftabt ITürnbergs; er entftammte einem diriftlid} 
frommen Burgerbaufe. Sein Pater coar ein Kauf= 
mann unb genoß in ber Paterftabt gro|?es finfetien. 
Da berfelbe aber bereits 1X16 ftarb, fiel bie Crziebung 
ber 6 Kinber, unter roeldien IDillielm bas Dor= 
jungfte cpar, ausfd]ließlidi ber TFIutter zu. Diefe 
toar eine ernftgefinnte unb gläubige Frau, toeldie 
ibre Kinber — oier Toditer unb zcoei Sobne — 
erzog in ber Furdit bes ßerrn unb im Ijaufe 
fcöaltete mit diriftlicber 3udit Frubzeitig ertoacbte 
in ibr ber Cntfcbluß, ibren älteften Sobn IDilbelm 
einen öeiftlicben roerben zu laffen. Der Pater 
iDollte ztoar bei Eebzeiten oom Stubieren nicbts 
roiffen, roeil ibm bie Ausgaben im Pergleidi zu 
benen für bie übrigen öefcbojifter als zu unoerbält^ 
nismäßig oorkamen. Tladi feinem Tobe aber 



10 rororororcjr^r^ro 

fud]te unb wu^t2 öie XOitroe es bodi möglictj zu 
madien. In ber Sdbftbiograpliie, ireldie bis 
zum Jalire 1826 reidit fdin'eb fpäter ber bankbare 
Solin: «Als mein Pater ftarb, füfirte fic aus, ipas 
fie für gut hielt. Ihre Hebe zu fimt unb Kirdie 
madite fie bafür empfänglid], mid], obroolil eine 
TDittoe, einen foldien f ebensberuf ertDäl^len zu laffen. 
Idi l}ab' es il]r taufenbmal zu banken. IDer roeiß, 
ob id] ein Clirift gecDorben ipäre, n7enn idi nidit 
Pfarrer getuorben toäre.« 

Der muntere Knabe befudite im Heimatort zu= 
erft h\2 eiementarfdiule unb bann bie Catein = 
fdiule. Um Sonntag Cxaubi bes Jalires 1X21 cpurbe 
er in ber Tnidiaelskirdie konfirmiert unb empfing 
am Pfingftfeft barauf zum erftenmal bas Sakra= 
ment bes flltars. Tags zuoor überreid]te bie ITIutter 
ihrem Solin einen felbftoerfaßten Brief, ipeidier 
3eugnis ablegt oon bem frommen Sinn ber 
Sdireiberin, flm Schluß h^ißt es: «So nahe Dich 
benn zu Jefu, bes ööttlichen, Tlltare hin unb finbe 
ganz ben Frieben unb Seelenruhe, welche er ipür= 
bigen öäften bei feinem fiebesmahle oerheißen 
hat IDeihe Dich burch basfelbe zu Deinem iDich= 
tigen Berufe unb faffe bk frommen, beften Por= 
fät?e für Dein ganzes £eben, banke bem Heilanb 
für ben bornenoollen Pfab, ben er auch Dir zum 
Beften gegangen ift, unb bleibe ftets feiner Hebe 
eingebenk unb feines herrlichen, eblen Eebens, 
roelches er Dir zum Beifpiel hinterlaffen hat. 



unb folge ibm burdi Dein ganzes Eeben nadi.** 
Eölie meinte fpäter tpotil: «Die 3eit ift un= 
tpieberbringlidi batiin, ^l^ fcftöne Jugenbzeit! Idi 
roünrcfte [12 nidit coieber; aber bie Konfirniations= 
zeit bie Hbenbmablsftunbe - bie beroeine icfi, 
baß Id] l\2 nidit ipieber neu erleben kann. Tldi, 
es ift bodi fdion, ba(? es foldie Feiern gibt toie 
ipir im Cbriftentum liabenl öott eroig Eob, baß idi 
in feiner Kirdie geboren unb auferzogen bin! Die 
Sunbe hatte fid] zur 3eit meines Konfirmanben= 
unterridites fdion mäditig geregt ba reichte mir ber 
lierr Kräfte, bie midi nidit untergeben ließen, bie 
midi im Strubel jugenblidier Eitelkeit Uerfudiung 
unb Sunbe bielten unb retteten.»» 

IPie zu ertuarten ftanb, roar ber begabte 
Sdiuler äußerft fleißig. Cr begnügte fidi nidit nur 
mit bem, ipas er für bie Sdiule zu lernen batte, 
fonbern ipar eifrig bemübt in Prioatftunben fidi 
cpeitere Kenntniffe zu era7erben. Seine fdinelle T!uf= 
faffungsgabe bradite es mit fidi, baß ibn ber geroobnte 
Unterridit allein n\(^t befriebigte, feine geiftigen Tln= 
lagen trieben ibn zu immer eingebenberem Eernen. 
Balb nadi ber Konfirmation kam er nadi Hürnberg 
in bas bortige 6 y m n a f i u m. Die Habe beiber Stäbte 
ermöglidite es, baß er menigftens Sonnabenb unb 
Sonntag im elterlidien fjaufe toeilen konnte. Diefe 
Tage boten ibm immer Stunben befonberer Cr= 
bolung unb Crquid^ung. Fludi in ber nürnberger 
Sdiule zäblte er zu ben beften Sdiulern. Illebr« 



mals crtuarb er fid] Preisbudier. Dem bamaligen 
Rektor bes öymnanums trat er felir nalie unb be= 
kannte ftets: er fei ibm Dank fdiulbig bis ins 
ecDige feben. C L Rotl] — fo bieß nämlidi ber 
Rektor - fdirieb bem 17jäl]rigen Jüngling unter 
ein Don ilim gefüfirtes ferientagebudi bie IDorte: 
„Optimam viam non discendi modo sed etiam 
vivendi te invenisse puto." (Id) glaube, baß Du 
nidit allein ben rechten IDeg bes Eernens, fonbern 
audi bes febens gefunben l}aftO Perfcftiebene 
nufzeidinungen bes eymnafiaften laffen freilidi er= 
kennen, ba|^ ber lieranreifenbe junge TFIann burdi 
manche innere IDanblung fidi burdikampfen mußte. 
Die ilim eigene Selbftänbigkeit bes Urteils fülirte 
zu tief[ter ^rfaffung ber einzelnen £ebenserfci]ei= 
nungen. Pon oielem, toas ihm geboten rourbe, un= 
befriebigt, febnte er fidi nadi liöljerem unb Cirigem. 
es toar eine 3eit bes IDerbens unb IPadifens aud] 
für il]n. Unreifes unb Unnatürlid]es mußte abge= 
ftoßen toerben. Klares unb Sidieres mußte er= 
kannt tuerben. fölie roar inbeffen kein greifen» 
liafter Knabe, fonbern ein frifdier Jungling. Frub= 
zeitig prägte fidi bei ihm ber Sinn für bas Sdiöne 
aus. IDanberungen burd] öottes freie TIatur - 
toenn moglidi in öemeinfdjaft mit Ultersgenoffen — 
boten ihm audi innere Stärkung. Im red]ten 
nugenblid^ gab er mohl ber Freube Raum unb 
nod] fpäter erinnerte er fid) gern fo mandi 
fröhlidien Beifammenfeins mit jugenblidien Spiel= 



genoffen, öefliffentlid] liielt er fidi zurück oon 
jeber Unbebaditfamkeit ober gar Unart. 3u feft 
liatte er bas 3lel feines febens im Huge, als baß 
er tüiffentlid] in irgenb ein Unredit gecoilligt bätte. 
«Idi ipill meiner THutter«, fo fdirieb er als öym= 
nafiaft «bie freube machen, foDiel als moglidi 
einen oollkommenen Pfarrer an mir zu felien, ba 
fie biefen Stanb fo febr oorzielit.» 

Im September 1X26 ojar für IDilbelm Eöbe 
bie öymnafiallaufbaiin burdimeffen. «Ift ein Jüng= 
ling oon großer flusbauer in allen Arbeiten unb 
oon einem burdiaus reblidien unb feften IDillen 
für bas Gute befeelt. Iiieburdi liat er feine Fällige 
keiten oorzüglid] ausgebilbet unb in allen fädiern 

einen trefflichen Crfolg errungen Cr oerläßt 

bie Tlnftalt mit bem Cobe eines burdiaus tabellofen 
unb mufterliaften Sdiülers unb fdieint nur baran 
erinnert toerben zu muffen, baß er nidit burdi 
allzu ftrenge 3urückgezogenl}eit fidi übereile, ein 
Stubengelehrter im engften Perftanbe zu toerben», 
fo befagte bas Sdilußzeugnis. fölie felbft toar frob, 
baß er aus ber Cnge bes öymnafiums hinaustreten 
burfte in bie Freiheit akabemifchen Eebens. 
Cr roar toeit entfernt, fich ettoa beshalb zu freuen, 
toeil er als Hlufenfohn fo recht austoben konnte, 
fonbern biefe Freube entfprang feinem Verlangen 
nach freier Betätigung unb felbftänbigem Schaffen. 
Als Stubent führte er ein fehr zurückgezogenes 
Eeben. Das Treiben oft allzu übermütiger inufen= 



cMCP'TCMCMC?ic?'TCMCM 14 rorcjrar<Dr«3rc3ror<3 



föline war \\}m bamals fdion oerfiaßt. öernc rodlte 
er in ftillem Freunbeskreis, um roiffenfcfiaftHciien 
Stubicn ober religiöfer Erbauung fid] Einzugeben. 
Regelmäßig befudjte ber arbeitfame Jüngling, 
roeldier oon jeber «bas Auskaufen ber 3eit'» 
ipolil übte, bie Dorlefungen. Hebender ging eifriges 
einzelftubium. flllem ooran ftanb bas regelmäßige 
f efen ber ^eiligen Sdirift. Die fymbolifdien Bücl]er 
unb Cutters Schriften, audi IDerke älterer lutöerifdier 
Dogmatiker tourben fleißig burdiforfdit. erbauungs= 
büdier oon Kempis, flrnbt, öerbarb unb Cebens= 
befdireibungen berühmter kirdilidier Perfönlic!]= 
keiten (3inzenborf, Comenius) boten immer neue 
Anregungen. Cin eifriges öebetsleben Ijeiligte unb 
oertiefte tk aus ber f ekture gecoonnenen Cinbrücke. 
So toar fölie barauf bebadit, fid] eine gute 6runb= 
läge für fein fpäteres Berufsroirken zu fdiaffen. 
5ier ipurbe zur IDabrlieit, ipas er in jener 3eit 
gefcö rieben: «Das Ceben ift mir eine Porbereitung 
zum Pfarrerleben geirefen unb ift es bis jet?t nod].» 
In bie Stubienzeit fiel bas IDieberercpactien 
diriftlidien ölaubenslebens. Der angebenbe Stubent 
oerfcbloß fidi bem nidit unb trat ben eben ge= 
grünbeten öefellfcftaften bei, roeldie bie Perbreitung 
diriftlidier Scftriften beztoeckten. Der Begrünber 
einer biefer öefellfdiaften, ber um bie Hebung 
bes kird}lictien f ebens in Bayern oerbiente Pfarrer 
Branbt eririberte ein Sdireiben, in tpeldiem Cobe 
ibm ben Dank ausfpradi für beffen ernftlidie Be« 



müliungcn, bas Reidi Clirifti zu förbern, fo baß 
audi in feinem Paterlanb ber Cifer fürs eDan= 
gelium ipieber lebenbig roerbe, mit ben IDorten: 
«freuen Sie fidi, lieber Freunb, auf bie 3eit, in 
ber Sie ins Amt treten iperben. Cs ift jet?t eine 
angenelime 3eit. flllentl]alben ein tieißes üerlangen 
nadi ber lauteren Hlildi bes Coangeliums unb ein 
fdiönes Felb zur flusfaat für ben treuen Diener 
bes göttlid]en IDortes. öberlin ift ein koftlidier 
Spiegel für uns. Der Herr madie uns zu fo tuditigen 
IDerkzeugen in Seiner Hanb. ll]m fei unfere Kraft 
unb unfer feben geroeilit; fo lang es Tag für uns 
ift, ipollen mir freubig unb frölilid] für fein Reid] 
cDirken!» ITlit großer Genugtuung begrüßte Colie 
bas erfcfteinen ber eoangelifdien Kirdienzeitung oon 
liengftenberg im Jalire 1S27, toeldie zur TIeubelebung 
pofitio=lutt]erifclien öeiftes cpefentlidi beitrug, eine 
religiöfe Reife, toeldie überrafcbt trat bei \\}m fcljon 
bamals zu Tage. Cr arbeitete fid] — oerl]ältnis= 
mäßig balb — zu einem fidieren religiöfen Stanb= 
punkt liinburd]. Derfelbe mar oon Anfang an ein 
ausgefprodien lutlienTcber. Im Jalire \Z36 fcbrieb 
Cölie in einem Brief: «Obroolil bei öottes IPort 
aufgezogen, oon öottes önabe nie perlaffen, banke 
idi bodi, menrctilid] zu reben, mein geiftlidies 
Eeben einem reformierten Ceftrer, flerrn Profeffor 
Krafft in erlangen, eben berfelbe, bem idi 
annodi in berzlidier Hebe anhänge, ftat, oline 
es zu tpiffen, meine Hebe zur lutl]erifcl]en Kirdie 



16 rorororcarararora 

grol^gezogen, ba ich fic oon Kinbesbeinen an in 
mir trug.» 

ein Semefter ber Stubienzeit (Sommer 1S2X) 
ocriebte fölic in Berlin, mit einem Freunbe cnar 
er über Bayreutb, Qof, burdi bie reußifdien £anbe 
- in Cbersborf ipurben bie Brubercpolinungen, ber 
Betfaal unb öottesacker ber bortigen Brübergemeinbe 
befiditigt — roeiter über 6era, feipzig — liier ipurbe 
oor allem ber Jotianniskirdiliof unb öellert's örab 
aufgefudit — Bitter felb, Treuenbriezen unb Potsbam 
nadi Berlin in 12 Tagen geroanbert In Brief auf= 
fcliriften bezeichnete föbe cpobl Berlin als «Patmos» 
unb in feinem Tagebud] bekannte er: «l^err, um 
üid] unb Dein lieil zu finben, bin idi aus meines 
Paters (jaufe, aus meiner freunbfdiaft unb aus 
meinem üaterlanbe gezogen.» ein Jabr roar für 
ben flufentbalt in Berlin in flusfidit genommen, 
aber er roar frob, als er bereits nacb einem balben 
Jabre — bem TDunfdie ber ITlutter folgenb — cDieber 
in feine liebe (jeimat zurückkehrte. In Berlin zogen 
ibn bie bamaligen bebeutenben Prebiger ber Re= 
fibenzftabt, Sdileiermadjer inbegriffen, an unb oon 
befonberem IDert rourben ibm bie Prebigtübungen 
in einem bomiletifdien Seminar. Die übrige 3eit 
lag er in Erlangen ben tbeologifdien Stubien ob, 
CDO befonbers ber oben eripäbnte Profeffor Krafft 
einfluß auf ibn geroann. Dazroifdien oerfudite 
er fidi bereits im Prebigen. Seine erfte Pre= 
bigt \}k\t er am Sonntag nadi IDeihnacliten 1X28 



1 7 rarorararararara 

über !]ebräer 13,X in Poppenreutl], unroeit förtli 
gelegen. Tim 7. Juni 1830 wnv Die Unioerfitätszeit 
abgefdiioffen. Dom 17. bis 24. Oktober Des gleichen 
labres unterzog fidi IDillielni Cöbe in ber mittel^ 
fränkifdien Kreisbauptftabt flnsbadi ber tbeologifdien 
flufnabrnsprufung unb beftanb biefelbe mit 
beftem Erfolg. Für bie Cxamensprebigt tpar ibm ber 
Text 1. Job. 1,8 aufgegeben. Diefe Prebigt blieb 
nidit ganz untDiberfprodien, man fanb fie zu berrn= 
butifdi unb myftifdi. Profeffor K. o. Raumer, Cöbe's 
oäterlidier freunb, tpunfdite bk Prebigt zu lefen 
unb ipar oon beren Inbalt bocbft erbaut. Freubig 
betpegt kebrte IDilbelm Cöbe oon Tlnsbadi nadi 
l]aufe zurück. Das 3iel tuar erreicht. Aber nodi 
kam eine ftille TDartezeit, bis er tpirklidi als Pfarrer 
bes (jirtenamtes roalten folltc. 



cg!& 



eiOiner, lötje. 



IL 



Eölje's IDirken 




1. Die crften Ial)re im geiftlidjcn Amt 

ie nnftellungsoerbältniffc toarcn bamals in 
Bayern nicht befonbers gunftig. So kam es, 
baß ber eben geprüfte Prebigtamtskanbibat 
nod] nidit fofort üerroenbung fanb. Das bebruckte 
niemanb mehr als föhe jelbft, toeldier fo brannte, 
feinem lierrn im geiftUdien Amt zu bienen. «Das 
ift mein gröj^tes Kreuz, baß id) ftumm fein muß unb 
licentiam concionandi (Crlaubnis zu prebigen), für 
bk idi examiniert bin, nirgenbs üben kann. IDenn 
bie ölocken zufammenfdilagen, roeint mir bas fjerz, 
baß id] nicht prebigen folL So trifft bie öärtners« 
hanb bes hinnmlifchen Paters jebe Pflanze auf 
erben, roo fie es am a7Cnigften meint, nötig zu 
haben, wo es am fchmerzlichften ift»» Trotjbem 
blieb Eöhe nicht müßig, er oeroollftanbigte fein 
theologifches IDiffen. Im eigenen Familienkreis 



unb unter Freunben legte er öottes IDort aus ober 
fudite an Kranken^ unb Sterbebetten zu matinen 
unb zu tröften. Pon ber öemeinfdiaft mit Kranken 
äußerte er fdion in jener 3eit: «Id] babe melir öeiftes»^ 
gemeinfci]aft mit ben Kranken, an beren Bett idi 
ftelie, als mit meinen lieben gefunben Freunben, 
roir finb zu luftig miteinanber. mit ben Kranken 
iperbe ich innerlicher,*» Um Kranke zur letzten 
Kommunion oorzubereiten, ftellte er aus Bugen= 
hagen unb Cutber einen Traktat zufammen unb gab 
benfelben in Druck. IDöclientlidi zp7eimal hielt er 
Kränzchen ab, bas eine lüal ein ITIiffions«, bas 
anbere lüal ein Crbauungskränzchen. Befonbers 
bas lüiffionskränzchen, fchon im Jahre 1827 oon 
ihm gegrunbet, nahm aus kleinen Anfängen einen 
gefegneten Fortgang. Uls bie Büchfe zum erften= 
mal geöffnet rourbe, fanb fleh 1 öulben 30 Kreuzer 
Inhalt. «Dafür follte IDolle angekauft unb Strümpfe 
geftrickt unb ber Crlös baoon ber Bafeler Uliffions» 
anftalt zugeroenbet roerben.« Daneben prebigte 
föhe in Pertretung oor ber öemeinbe, fo in ber 
Pfarrei Streitberg, Unterleinleiter unb Tluffeß, 
letztere beibe in nächfter Tlähe oon Streitberg in 
ber fränkifchen Schcpeiz gelegen. 

Seine erfte Perroenbung follte er in ber 
Paterftabt felbft finben als PriDatoikar bei einem 
älteren öeiftlichen. flm 25. Juli 1X31 rourbe er in 
Ansbach orbiniert. Diefer Tag blieb oon ihm un= 
pergeffen unb ipurbe alljährlich feierlich begangen. 

2* 



flm örbinationstag fdirieb er an ben öeiftlidien, 
toeldiern er fur's erfte als Pikar beigegeben roar, 
einen Brief. Diefes Schreiben legt ebenfo 3eugnis 
ab Don bem tiefen Crnft bes örbinanben tDie oon 
feiner ausgeprägt lutberifdien Haltung, fjier finbet 
fidi bas bebeutungsooUe Urteil: «Die Religion ber 
Sdirift ift es allein, tüeldie für bie IHenfdien paßt, 
ibre inneren, etoigen Bebürfniffe ftillt, bie Sunbe 
austilgt, bas etoig IDalire, öute unb Sdiöne in 
ibnen zum Ceben unb fortgebenben öebeiben unb 
fie ricbtig unb getoiß zu ibrem eroigen 3iele bringt. 
Unb biefe beilige, für ben lüenfcben allein unb 
ganz paffenbe Religion baben bie Reformatoren 
riditig oerftanben unb famt ibren Sdiülern in ben 
fymbolifdien Bucbern nicbt in bunkeln, fcbtoebenben, 
myftifcben Husbrucken, fonbern in klaren, beutlicben, 
jebem 6ottesmenfcben oerftänblidien Begriffen 
niebergelegt.»> Die Orbinationsfeier, bei ireldier 
außer einem freunbe audi bie ITIutter unb zcpei 
öefcbcDifter zugegen iparen, machte auf Eöbe's 
gläubiges öemüt einen nacbbaltenben Cinbruck. 
Cr bekannte: «Idi fpüre eine Befeftigung meines 
Glaubens feit meiner örbination.»» In bem Eebens= 
lauf, roeldien er bem Brauche gemäß eigenbänbig 
in bas örbinanbenbucb eintrug, ließ er beutlldi 
feine ölaubensftellung zu Tage treten, ipenn er u. a. 
fdirieb: «Die flugsburgifcbe Konfeffion, toenn mir 
firmen biefe IDorte erlaubt finb, ift aucb meine 
Konfeffion, bie übrigen mit ber Hüguftana über= 



einftimmenben fymbolifdien Büdier ber eoangelifdi» 
lutlicrifdien Kirche finb audi mir norma normata 
(fefte Riditfdinur). ITIit Gottes fiilfe roill idi bie 
cpalire Celire prebigen unb nid)t oerftummen, bis 
ber fierr felbft midi, feinen friebliebenben Solbaten, 
aus ber ftreitenben Kirdie in bie beilige Stille ber 
triumpbierenben Kirdie aufnimmt. Desgleidien foll 
es mein ernftes Bemüben fein, baß mein Ceben 
meinem Glauben äbnlidi fei, bamit idi nidit, ipäb= 
renb idi anberen prebige, felbft oerroerflidi toerbe.» 
Die Pikariatszeit in Furtb coäbrte nur eine 
kurze 3eit. 3ipeiunbeinbalb Jalire (21. Oktober 1831 
bis 26. Februar 1X34) roirkte Cöbe als PrioatDikar 
in bem am fu(?e bes fiditelgebirges gelegenen 
niarktfled^en Kirdienlamit?. Cs ipar ibm bier eine 
fdiöne unb reidigefegnete IPirkfamkeit befdiieben, 
bie er felbft gern «bie (jodizeit feines febens»» 
nannte, liier fanb er ein großes flrbeitsfelb oor, 
tueldies feiaen reidien öaben entfpradi. Seine 
Prebigten zogen bie immer zablreidier roerbenben 
lijörer gar febr an. In ber Sdiule roirkte er mit 
großer Oebe unb Umfidit. Cs roar bies um fo not= 
roenbiger, als bamals bie Cebrer in ben Sdiulen 
gar oft einfadie Qanbiüerker toaren, toeldien bas 
redite Perftänbnis für Crzieliung unb Bilbung ab= 
ging. Der üikar mußte barum erft Unterridit im 
Sdireiben unb anberen gemeinnützigen Kenntniffen 
geben, tpenn er bie Sdiüler geiftig lieben unb religiös 
beeinfluffen tooUte. Damit ging lianb in Iianb eine 



ausgebelinte Seelforge, coeldie fidi aber nidit bloß 
auf Kranke unb Bebruckte erftreckte, fonbern irirk= 
lidi ben Seelen nachging, oor allem aud) ben jun= 
gen Eeuten. So fammelte er Sonnabenb flbenbs 
\i\z Jünglinge unb Sonntag nadimittags bie Jung= 
frauen um fidi unb fudite biefelben für bas kirdi* 
lidie f eben zu intereffieren, befonbers aber in ber 
ITadifolge Jefu zu beftärken. IPeiter grünbete er einen 
Bibeloerein unb oerroirkIici]tein jener 3eitfdiongeipiffe 
örunbgebanken feiner fpäteren paftoralen TDirk= 
famkeit. Siditlidi liob fid] bas geiftlict]e Eeben in 
ber öemeinbe. Unter ben Umtsbrübern felbft ge= 
noß Eölie tpegen feiner emften Eebensfülirung unb 
tiefgeipurzelten Frömmigkeit mannigfaches Per= 
trauen. Trotf ber großen Urbeitslaft fanb er nodi 
muße zu fdiriftftellerifdien Arbeiten. Heben mel}= 
reren nuffät?en oerfaßte er liier ben Traktat «Dina. 
IDiber bie Jugenbluft.» Dem arbeitsfamen üikar 
foUte es freilidi nictjt an Feinbfdiaft in bem ober= 
fränkifcben Ularktflecken feblen, roeldien er barum 
0701)1 fdierzcpeife «Kirdicnjammeritf« nannte. Be= 
fonbers roar ibm ein Canbrid]ter, coeldier roie oiele 
feiner 3eitgenoffennocl] bem Rationalismus(Pernunft= 
glauben) ergeben roar, bort luenig geroogen. Die 
Prebigtroeife Cöbe's toar biefem unb feinen öetreuen 
unbequem unb manche fühlten fich perfönlich be= 
troffen. Sogar bie Sicherheitsbehorbe hatte ein 
Rüge auf ;ben jungen öeiftlichen. So melbete ein 
Brigabier zu Fuß bem kgl. Kompagniekommanbo, 



baß -zu KJrdienlamit? lieitnlidie 3ufammenkunfte 
in melireren Häufern ftattfinben. Desgleidien köm= 
men im Pfarrliaufe in ber IPolinung bes lierrn 
Pfarroikars föbe ballier bie männlidie Jugenb im 
Tllter zu 14-18 Jahren öfters in ber IDoclie näcl]t= 
lidier 3eit zufammen unb ilir Treiben ift Beten 
unb Singen.« Cin lanbgeric!]tliclies Sdireiben for* 
berte weitere Auskunft über bie Perfammlungen, in 
roeldien «zum Beften ber lieibenmiffion einige 
Frauen unb Sonntagsfdiulerinnen fpinnen unb 
ftricken*», infonberlieit «an toen bie gefertigten flr= 
beiten abgeliefert roorben finb, unb tper bie Samm= 
lung ber Beiträge für hk Hliffionsanftalt unb beren 
weitere Beförberung im Königreiche beforgt unb 
leitet?*» £ölie ließ ficll keinestpegs einfcbüditern, fon= 
bern tuußte In beftimmter IPeife gegen alle fln= 
griffe, lueldie bie bamaligen kirdilicfien Perliältniffe 
am beften kennzeidinen, fidi zu oerteibigen. Sein 
alter Pfarrer, bk öemcinbe, Brüber unb Freunbe 
ftanben \\}m treulich zur Seite, flllein feines 
Bleibens roar nidit melin Die oorgefet?te Beliörbe 
ftanb noch unter bem Einfluß bes 3eitgeiftes 
unb oerfügte bie fibberufung. föhe irar in ihren 
Hugen zu myftifch unb pietiftifch. Sein TDeggang 
rief unter ber ihm ftets zugetanen öemeinbe große 
Teilnahme h^roor unb geftaltete fich höchft ehren= 
Doll. Im Jahre 1X37 befuchte föhe noch einmal 
bie Stätte feiner jugenblichen IDirkfamkeit unb 
freute fich ober bie unoeränberte fiebe ber öe= 



mdnbe, roennglcidi bie öel)äffigkcit ber Gegner ( 
felbft bamals nodi nidit zur Rufte gekommen tuar. j 
Die IDirkfamkeit in Kirdienlamitj unb bie Angriffe,/ 
bie Eölie toegen berfelben erfuhr, finb jebenfall? 
nidit nur ein intereffanter nbfdinitt in feinem Eeberi 
fonbern audi eine diarakteriftifdie Cpifobe in t>(irl[\ 
bamaligen Kampf zroifdien bem alternben Rationalis= 
mus unb bem neuerroaditen kirdilidien ölaubei^s« 
leben, föfte felbft oertrat mit jugenblidiem Feiier 
unb tiefem Crnft feinen ölaubensftanbpunkt, be= 
tonte ebenfofelir bie Riditigkeit ber feftre ber lutlie= 
rifdien Kirdie, roie er hk TTotirenbigkeit einer per= 
fönlidien lieilserfaftrung gebüftrenb fteroorftobi In 
einem Brief aus bem Jalire 1X33 fcftrieb er: «ITlan 
fpridit unb tiort eoangelifdie IPorte roie z. B. bas 
IDort «önabe» ftunberttaufenbmal mit gleidigültiger 
Rufte an; aber roas für ein ganz anberes IDort 
ift es bem, ber an önabe meinte oerzipeifeln zu 
muffen unb nun ftort: er fei begnabigt — bie 
önabe fei fein febenl IDer ein eoangeiifcftes IDort 
aus Crfaftrung erkannt ftat, ift reicfter, als wer 
ben 3ufammenftang ber Ceftre oom Reicfte öottes 
präcfttig überfcftaut unb erzäftlen kann - oftne £r= 
faftrung. IDas nut^t mir öottes Reicft, roenn icft 
Jelbft es, obgleicft mir bargeboten, bocft nicftt faffe.»» 
üacftbem Cofte ficft kurze 3eit in Fürtft aufge= 
ftalten unb einige IDocften an ber ITIartftakircfte in 
Hurnberg ben öeiftlicften oertreten ftatte, rourbe er 
zum Pfarroertpefer an ber St. flgibienkircfte in 



25 roraror^r^rororo 

Tlurnberg ernannt. Um 15. Juni 1S34 trat er 
biefe Stelle an unb roar bis 16. fipril 1835 an biefer 
Kirdie. Die 3eit in Hurnberg bebeutete einen 
ölanzpunkt in feiner nmtstätigkeit. Seine oiel= 
feitigen öaben entfalteten fidi in ibrer ganzen Fülle 
unb kamen ben polieren unb nieberen Stäuben in 
gleicher IDeife zu gute. Die bebeutenbften TTlänner, 
Kektor Rotl], Burgermeifter Hlerkel unb anbere 
fcbloffen fidi ihm an unb oiele Beziehungen rourben 
geknöpft irelche in feine fpätere Hmtstätigkeit 
hineinbauerten. Bei ben Anfängen bes niiffions= 
tperkes in Bayern, tpelches alsbalb oon bem Kreis 
Tlürnberger IlTiffionsfreunbe ausging, toar Cöhe in 
heroorragenber IDeife mitbeteiligt. Befonbers ein= 
brucksDoll toaren feine Prebigten, in roelchen er zu= 
tueilen cDie ein Prophet bie Sünbe ohne Unfehen ber 
Perfon ftrafte. Einmal beantragte fogar ber Stabt= 
magiftrat roegen einer Prebigt Eöhe's Abberufung. 
Aber bas Konfiftorium Ansbach toies bies Anfinnen 
als oöllig kompetenzcoibrig zurück. In Bibel= 
ftunben fuchte Cohe bas IDort öottes feinen f reunben 
nahezubringen. In jener 3eit gab er bie «fieben 
Prebigten»> foroie bie «üaterunferprebigten» heraus, 
fchrieb ben oortrefflichen Traktat: <*Pom göttlichen 
IDorte als bem Eichte, bas zum frieben führt» fo= 
tüie ben anberen: «Die Tochter ber lierobias»>. Cr 
nahm fich ber jungen Ijanbiperker an, inbem er 
fie zu biblifcher Betrachtung toöchentlich oereinigte 
unb zur Rechnungsablegung über bie oon ihnen 



oerbreiteten religiöfen Sdiriftcn aufforberte. Pro« 
feffor V. Sdieurl, ein bebeutenber Reditsgelebrter, 
äußerte fid] u. a. über lobe: «Das jugenblidie 
niter, in bem er ffanb, madite fidi nur in [ber 
frifdie, ber febbaftigkeit unb Ceiditigkeit roomit 
er jebe Berufsaufgabe beiPältigte, unb in ber Be= 
fdieibenbeit bemerkbar, [ipomit er filteren unb 
f}öberftebenben gegenübertrat: Die Reife, bie Sid^^ 
beit Rübe unb ;Befonnenbeit, ber Crnft unb bie 
TDurbe feines ganzen TDefens unb Auftretens ließ 
ibn toie einen geftanbenen Tilann erfdieinen, Obne 
baß ibm feine gefällige UFormen ober befonbere 
öetpanbtbeit bes Umgangs Jeigen geirefen tpären, 
ipar bodi bie eble 3artbeit unb Sdiicklidikeit feines 
Benebmens, feine audi im öefprädi beroortretenbe 
Rebnergabe, feine öemütstiefe, bie fidi roobl aud} 
mit treffliebem (]umor oerbunben zeigen konnte, 
gecDinnenb unb anziebenb genug. Aber toas alles 
anbere überragte unb beberrfdite, unb toorin bas 
eigentlidie öebeimnis feiner fo mächtigen unb aus« 
gebreiteten IDirkfamkeit fcbon in jener früben 
3eit lag, bas ipar fein beftänbiges Ceben in öott, 
feine üerfenkung in bie Ctoigkeit, bie Feftigkeit unb 
Stärke feines cbriftlicben Glaubens, burd] ben er 
bereits bamals zu bem oollen Frieben ber Redit« 
fertigung burdigebrungen wnr, unb in bem er auf 
bem TDege ber Heiligung geroiffen Trittes obne 
Wanken unb Sditoanken einberfcftritt.« 

Die Uerroefungszeit in ITürnberg mar zu Cnbe. 



3unäcl]ft leifteteCöbebem erkrankten Pfarrer in bem 
Orte Bebringersborf, ungefähr ztuei Stunben 
Don Tlurnberg entfernt ^\2 oerfprodiene flusliilfe. 
Cr konnte in ber Stabt irolinen bleiben, coas ilim 
l)öd]ft roillkommen ipar. Damals konfirmierte er 
in ber örtskirdie oon Beliringersborf am Pfingft= 
montag lielene Tlnbreä, obne zu alinen, baß tk^ 
felbe fpäter feine Cebensgefälirtin irerben follte. 
Die Schülerin ftammte aus Frankfurt unb ipohnte 
mit ihrer Tüutter längere 3eit in Tlurnberg bei 
Ueripanbten in bem l]aufe, in toeldiem fid] bamals 
feine IDobnung befanb. Inzipifdien ipar auch bie 
Vertretung in Behringersborf erlebigt unb föhe 
fchickte fich — ber allgemeinen Sitte gemäß — zu 
ber fogenannten Tinftellungsprüfung an, 
toelche oom 2, bis zum E. nuguft 1&35 in Ansbach 
ftattfanb. Die ITlußezeit nach bem cDohl beftanbenen 
Cxamen oeriranbte er zu fchriftftellerifchen Arbeiten. 
Pom 5. bis 20. September oertoefte er bie zcoeite 
Pfarrftelle in f auf bei Hürnberg; hierauf übernahm 
er weitere Pertoefungen unb zroar oom 22, September 
1835 an in ber ehemaligen nurnbergifchen Uni= 
oerfitätsftabtTlltbörf, oom 22. fipril bis 19. ökto= 
ber 1X36 in Bertholbsborf im Tlurachtal, un= 
roeit oon TIeuenbettelsau, unb oom 1. Tlooember 
1X36 bis 27. Tllärz 1837 in Tllerkenbörf, einem 
oon Bertholbsborf etroa brei Stunben entfernten 
Stäbtchen, beffen Pfarrfprengel ebenfalls zum Kapitel 
TDinbsbach gehörte. 



Das IDanberleben eines bayerifdien Pfarroer= 
ipefers Iiatte föl)e auf biefe Weife zur Genüge 
kennen gelernt; man konnte es ibm nidit oerbenken, 
ipenn er nadi einer PfarrfteUe fidi felinte. «Tlicbt 
tpaljr, idi bringe es l}od],» fcbrieb er an einen 
Freunb beim Aufzug nad] Hlerkenborf, «idi wnn- 
bere auf meine ztoölfte Stelle, roill felien, ob es 
mit einem Dut^enb genug ift ob idi Don Tüerken^ 
borf einen Ort finbe, wo id) bleiben, anbaltenb 
unb nad)brud^lidi unter öottes Segen lebren kann,*> 
Die Kürze ber jeipeiligen Tlufentlialtsbauer bradite 
es naturgemäß mit fidi, baß Eöbe mit feiner Arbeit 
nidit fo tief in bas öemeinbeleben einbringen 
konnte. Dodi überall erroarb er fidi bie Rditung 
unb Hebe ber öemeinbe. In flltborf burfte er 
einigen Jünglingen, bie im bortigen Seminar für 
ben £el]rerberuf oorgebilbet ipurben, ber Führer 
zum Jf^ilanb cperben. einer berfelben bekannte, 
baß etlidien unter ibnen föbe ein geiftlidier 
Dater ipurbe, «Bei jebem Befudi,» beißt es in 
einem Briefe, «trat uns fein tiefer Crnft tüie fein 
freunblid] oäterlidies Entgegenkommen an bk 
Seele; es toaren Stunben gefegneter öemeinfdiaft, 
ein förbernber Hufentbalt für Erkenntnis unb ölau= 
ben obne pietiftifdies Drängen.»* In biefen lDanber= 
jabren bielt er ben Derkebr mit feinen nürnberger 
Freunben aufredit, oon benen ibn gar Diele an 
feinem jecoeiligen IDirkungsort befudjten. Da föbe 
als Dertpefer einen felbftänbigen Qausbalt führen 



29 raroraror^DTor^ro 

mußte, befdiloß er, ficil zuerft ohne cpeiblidie Be= 
Dienung zu bebelfen, inbem er einige Knaben oon 
Kirdienlamit? zur Beforgung bes l^auslialtes an= 
[teilte. Cr getPälirte biefen Knaben als Entgelt 
Unterbau unb bereitete fie für bas Seminar in 
nitborf oor. Dod) fab er balb ein, baß es fo nicht 
ging, unb nabm eine alte ITIagb in Dienft, roar 
aber fcbließlid] frob, als feine lüutter in Bertbölbs= 
borf unb Hlerkenborf bie Fubrung bes l^ausbaltes 
ubernabm. fin fcbriftftellerifdien Arbeiten ent= 
ftanben in biefer 3eit: «Einfältiger Beid]tunterridit 
für Cbriften eoangelircb=lutbenTd]en Bekenntniffes*» 
unb bas «♦Beidit= unb Communionbüd]lein für 
eoangelifcbe Cbriften», bekannter unter bem Hamen 
«Prufungstafel». 

Scbon in ben erften Jabren feiner flmtstätig= 
kcit bekunbete f öbe eine b^roorragenbe Ceiftungs= 
fäbigkeit unb eine erftaunlidie Sdiaffensfreubigkeit. 
Körperlidie öebredien uberroanb er mit größter 
3äbigkeit. Cr litt öfters an oorübergebenben öbn= 
maditen unb an b^ftigen 3abnfcbmerzen. öegen 
Cnbe feines Kircbenlamit?er Tlufentbaltes mußte er 
fidi einer fcbmerzlicben unb nid]t ungefäbrlidien 
Operation am Oberkiefer ber linken lüange unter== 
zieben. Seine Cebensireife tpar einfach unb mäßig, 
öeiftigen Getränken roar er abbolb. In ber Tagesein= 
teilung liebte erOrbnungunbRegelmäßigkeit. In feinem 
ganzen Huftreten trat eine diarakteroolle öefinnung zu 
Tage, roelcbe im CDangelium oon Cbrifto wurzelte. 



30 



Tim beften kennzeichnen biefen nbfdinitt Eölje's 
eigene IDorte aus bem Cebenslauf, cpeldier oor= 
fdiriftsmäßig bei ber Tllelbung zum ztoeiten Examen 
einzureichen tpar. fiier beißt es: «Idi babe eelegen= 
beit gebabt in allerlei Praxis bes Amtes in meinen 
oerfcbiebenen Unftellungen, burcb ben Umgang mit 
erfahrenen öeiftlicben unbburdi von öott gefcbenktes 
3utrauen oieler Tnenfcben mandie Crfabrung zu 
fammeln, bie mir bas geiftlidie Tlmt in feiner 
IDurbe ipie aucb in feiner Burbe beutlidi zeigt, 
leb babe mein Ceben unb bie roenige Kraft bem 
praktifcben fimt gecDibmet, tuie gefcbrieben ift: 
«eins bitte icb oom Ijerrn, bas bätte icb gerne, baß 
ich bleiben möge im Haufe bes l^errn mein Eeben 
lang, zu fcbauen b\2 fcbönen öottesbienfte bes fjerrn 
unb feinen Tempel zu befucben.« (Pfalm 27, 4.) 



roc^i 



2. Der Pfarrer von Tleuenbettetsau. 

nis Peripefer oon Bertbolbsborf toar Cölic zum 
erftenmal nadi Tleuenbettelsau gekommen. Als er 
bes Ortes anfid]tig tpurbe, meinte er: «Tlidit tot 
mödit' idi in bem Tiefte fein-. Damals fdion er= 
fcftienen lüänner ber öemeinbe bei \\}m mit bem 
Porfdilag, beim etiraigen Abgang ilires Pfarrers an 
beffen Stelle zu treten. Der üercDefer gab bie 
flntroort: «IDenn Idi zur 3eit ba €ure Pfarrei 
oakant toirb, nodi keine anbre Stelle habe, fo roill 
id) midi um bie Stelle bewerben». Diefer fall trat 
roirklidi ein. Cr melbete fidi beim Kirdienpatron, 
bem f reilierrn oon Cyb unb toar nidit roenig über= 
rafdit als il]m eine 3ufage gegeben roarb. Um 
1. Ruguft 1X37 ubernal)m Eöbe bie Pfarrei TIeu en = 
bettelsau unb am Sonntag barauf, ben 6. fluguft 
l}ielt er feine flntrittsprebigt über £uc. 11, 28: 
«Selig finb, bk öottes IDort boren unb beipabren.» 

fim 25. Juli zuDor, feinem örbinationstage, 
roar ber junge Pfarrer in ber Katbarinenkirdie zu 
Frankfurt am Hlain feiner einftigen Konfirman= 
bin Qelene flnbreä=l]ebenftreit angetraut toorben, 
um beren Hanb er im flpril besfelben Jabres an= 
gebalten batte. eiud^lid] zogen bie beiben Pfarr= 
leute In Tleuenbettelsau ein, um fortan in berzinniger 
riebe ibrer 6emeinbe ein leuditenbes Dorbilb zu 



32 rorarcararararorca 

geben. Cölie felbft alinte bamals wd\)\ nidit Im 
entfernteften, baß er in Tleuenbettelsau bie ganze 
3eit feines weiteren febens zubringen ipürbe, ja 
baß gerabe burdi il]n biefes «Tieft», toie er fidi einft 
ausgebruckt, zu einer Stabt iperben füllte, oon 
toeldier bie fegnenben Strahlen barmherziger Hebe 
auf zroei IDeltteile ausgegangen finb. <*TIeuen= 
bettelsau felbft*>, fdirieb er, «bat keine befonbere 
Oeblidikeit für midi» Der Ijerr bat midi bi^rber 
berufen, bas madit mir bie öemeinbe lieblidi.« Tln 
biefem einfamen, abgefdiiebenen Ort follte er feine 
fd]öpferifd]en Kräfte In ftaunenstoerter TDelfe zur 
Entfaltung bringen. Piermal badite Eöbe fpäter 
baran, bas ftllle Dorf zu oertaufdien mit bem lauten 
Stabtgetriebe, er melbete fidi um Pfarrftellen In 
flugsburg, nitftabt=Crlangen, Fürtb unb Tlürnberg, 
aber oergeblid]. Dom Jabre 184X ab fcblug er fidi 
jebes Fortgeben aus bem Sinn, öbtoobl er einige 
ber b^rrlidiften öegenben ber Crbe gefeben batte, 
fanb er Tleuenbettelsau bod) fdiön unb ipußte in 
bas bortige Ceben einen reidien Kranz gefd]iditlidier 
Erinnerungen, an roeldien es ber ganzen öegenb 
nidit feblt, zu oerroeben. Im Diakoniffenkalenber 
für 1X64 fdirieb er oon feinem Dettelsau: «Ein 
roeiter Blid^, ein großer liorizont, ein ftrablenbei- 
flimmel, eine Flur doII feierlldier Stille, ipie roenn 
fidi ba ein immera7äbrenber Sabbatb bes fierrn 
gelagert bätte. Tönt bann etroa oom Kirditurm 
bie Betglod^e In bie tiefe Stille, fo kann es oöllig 



SabbatI} unb bas fierz zum f rieben unb zur f reube 

geftimmt roerben Cs fd)läft rings umlier 

in biefer Stille eine eble Pergangenlieit. SieJift bu 
beim Blick nadi Süben ben fpil^igen Kirditurm? 
Dort ift Stabt Cfdienbad], oon ipelclier IDolfram 
Don Cfdienbad], ber Diditer bes Parcioal, feinen 
Hamen l}at . . . . Süboftlidi oon Dettelsau finbeft 
bu, etroa nodi einmal foroeit als Cfctjenbadi, Tlben= 
berg. Dort ragt auf boliem Fels nodi jetft eine 
große mäditige Burgruine, eine Stammburg ber 
königlidien liöbenzollern, eine Ijaufung ber berülim= 
ten örafen oon Abenberg. Habe ber bodigelegenen 
Burg, auf einem liügel im Tal ftebt ein Kirci]lein 
unb in bemfelbigen unoerfelirt bas 0rab einer 
gräflichen Toditer oon nbenberg, ber oon Päpften 
feiig gefprodienen Stilla .... Idi konnte nodi 
ireiter oerfudien, bie ftille öegenb burdi Uertoeifung 
auf hk Tläbe bodiberübmter öräberzu oerberrlidien. 
Das ehemalige Ciftercienzerklofter Heilsbronn, 
triefenb oom Hnbenken bes großen Bifdiofs Otto 
oon Bamberg, bie örabftätte ber Hobenzollern unb 
ber Hlarkgrafen oon Hnsbadi, burdi ben Hbt 
Sdiopper ber Ausgangspunkt ber mittelfränkifdien 
Reformation, könnte meinen 3toecken bleuen. 
THein ferner fdiroeifenber Blick fänbe bie öegenb 
oon Ijelbenbeim unb bas Hnbenken IDunibalbs unb 
feiner Schtoefter, ber großen Diakoniffin lDalpur= 
gis — , bie öegenb oon gerrieben unb bas öebäcl]t= 
nis St. Deokars. Ja, ich könnte, obtoohl mein Blick 

eid)ner, Cöbe. 3 



nadi IDcften bin burd] Den IDalb befdiränkt ift 
bennod] mit meinem öeifte zum Stifte bes beil. 
öumbert in finsbacb roanbern unb Don ber TDirk= 
famkeit feiner Perfon unb Stiftung bis berab nach 
Dettelsau reben, ba aucb bie biefige Hikolaikirdie 
im Bereid) feiner Stiftungen liegt.»» Heuenbettelsau, 
bamals fd]on ein ganz anfebniidies Dorf, liegt 
bekanntlid] auf einer einfamen fiodiebene, zcpifdien 
ben Tälern ber fränkifdien Rezat unb fluradi, un= 
ipeit ber fränkifdien Kreisbauptftabt flnsbadi in 
norböftlidier f]immelsriditung. Die Pfarrkirdie ift 
bem b^il. Tlikolaus oon ITIyra (flpoftelg. 11, 5) als 
Patron geireibt. Sd]erzbaft meinte föbe zua7eilen, 
ber beil. Tlikolaus irerbe roobl jet?t erft nadibem 
eine ganze Kolonie oon Unftalten ber Barmberzig= 
keit bier erblübt fei, iriffen, toarum er zum Patron 
ber Dettelsauer Pfarrkirdie eriräblt roorben fei. 
Hikolaus gilt bekanntlidi im finbenken ber Kirdie 
als IDobltäter ber nrmen unb Befdiütjer ber Kinber. 
nis ba^rum im Jabre 1X62 bas ITeuenbettelsauer 
Rettungsbaus feiner Beftimmung übergeben toerben 
follte, nabm £öbe bie Cinireibung am 6. Dezember, 
bem öebäditnistag bes beil. Tlikolaus, oor. 

flls Cöbe im Jabre 1X37 bas Hirtenamt in 
TTeuenbettelsau übernommen batte, fanb er in ber 
öemeinbe reges geiftlidies Eeben por, roeldies ber 
eben abziebenbe Pertoefer zu toed^en gewußt batte. 
TTIit aller Kraft arbeitete ber nunmebrige Orts« 
Pfarrer in ber oon ibm erprobten IDeife a7eiter. 



nidit nur in Den geroolinten gottcsbienftlidien Per= 
anftaltungen fudite berfelbe ber öemeinbe nal]ezu= 
kommen, fonbern toar audi bereit burd] befonbere 
€rbauungsftunben in ber Kirdie ober im Pfarrhaus 
bie geiftlidi öecDeckten zu ftärlijen unb zu oertiefen. 
€s ipar fölie eine £eicl]tigkeit biefe freiipillig über= 
nommene flrbeitslaft zu tragen roie bie pflicl]t= 
mäßige Aufgabe in größter öeroiffenliaftigkeit zu 
erlebigen. Dazu roar er oon öott mit feltener 
Kebegabe unb berounberungstuurbiger Arbeitskraft 
begnabet. Cr leiftete gerabezu Crftaunlidies fdion 
auf bem begrenzteren öebiete eines örtsgeiftlidien. 
Die Preb igten, roeldie aus ber Tiefe perfönlicli= 
fter ölaubensüberzeugung tieroorquolien, oerrieten 
proplietifdie Kraft. Sid] ftreng auf bas Bibeliport 
aufbauend babei aber alle Eebensoorgänge unb 
3eitereigniffe oerroebenb iparen bie Prebigtzeug« 
niffe oon überipältigenber IDirkung. Cble Sprache 
unb ausbrucksDoller Portrag gaben benfelben faft 
biditerifdien Sdiipung. Sie floffen tuobl baliin in 
leiditer oolkstümlidier form; bann aber hoben fie 
ben fjörer hinauf zur Betrachtung göttlicher Dinge, 
nieifterhaft ipurben Bilber unb öleichniffe oer» 
ipoben, packenb ITIahnungen unb Belehrungen 
angebracht. So fagte Cohe einmal in einer IDochen- 
prebigt über ben Spruch: «Opfere öott Dank unb 
bezahle bem liöchften beine öelubbe u. f. cd.»» — 
nachbem er bargetan, n7elch' materielle Opfer ber 
Ifraelite brachte mit feinen Tier= unb Räucheropfern 



— fidi plöt^lidi an bie !]örer toenbenb: «Unb Du, 

— roas opferft benn Du? Du gibft Deinem öott 
gar nidits? Du fpeifeft iftn mit IDorten ab, unb 
bas liältft Du nadi Art mandier Proteftanten für eine 
Anbetung im öeift unb in ber IDalirlieit. Ober ja 

— Du gibft oielleidit wenn Du gerührt roirft einen 
Pfennig, unb toenn Du im Uberfdiipang ber T!n= 
bac!]t bift legft Du einen 3ipeier ein, unb toenn Du 
einmal in ber Hot bift, bann gelobft Du ein paar 
Kerzen unb bringft bann ein paar Dinger balier, 
fo bünn, tpie RegencDürmer u. f, ip.»> Urn ben 
niüttern ben Befudi bes öottesbienftes zu ermög= 
lidien, richtete er im Anfang eine Kleinkinberfdiule 
ein. 3u bem 3cDeck ftellte er ztpei Bauernmäbdien 
an, ipeldie in ber unteren Stube bes Pfarrliaufes bie 
Kinber berjenigen IHütter beauffiditigten, ipelctie in 
ber Kirdie roaren. Bilbete bie Prebigt ben n!ittel= 
punkt bes öottesbienftes, — baß fölie an einem 
Sonntag brei bis oiermal in gleicher Frifche 
prebigte, betuies feine gro(?e Eeiftungsfähigi^eit - 
fo toar es ihm auch um bie rechte unb roürbige 
liturgifche flusgeftaltung nicht toeniger 
zu tun. Die öemeinbe follte nicht nur hören, 
fonbern auch mittätig fein. Hier tüurbe Cöhe bahn== 
brechenb unb es roar ihm eine fichtliche Freube, 
ba|^ ber liturgifche öefchmack in ber Dorfgemeinbe 
ipuchs. <*Sie haben ein liturgifches Uolk»>, fagte ein 
Frember, welcher fich auf biefem öebiete ausbannte 
unb einem Hauptgottesbienft in ber Dorfkirche an= 



roolinte. Darum rubmte fpäter Profeffor oon 3ezrd]= 
tpit?: «fölie roar eine pricftcrlid]e Seele. Cr 
konnte auf ber Kanzel unb am flltar nidit cDalten, 
obne baß fein öbem ausftrömte wk eine Flamme. 
Das tDar keine Hlanier, keine angenommene Art 
bei ibm, es roar bie flamme ber Seele, bie fidi 
öott opferte im Hmte.» Unb Rektor Friebridi 
UTeyer, ber Tladifolger Colie's in ber feitung bes 
Diakoniffenmutterliaufes, gab älinlidien öebanken 
flusbruck in ben IDorten: «Der Tlltar mit feiner 
heiligen Feier unb feinem öebetsopfer roar bie 
Quelle, iporaus alle Kraft floß für bes Seligen Tun 
unb IDerk. Daß er ein fo gefalbter Prebiger roar, 
bas bankt er feiner inneren Stellung zum Tlltar 
unb feinem Sakrament, Seine feelforgerlidie IDeis= 
lieit, feine Kraft als l]irte, feine Gabe zu organi= 
fieren, feine Scl]önl}eit in ber Form, wo kam bas 
alles anbers lier, als oon feiner inneren Stellung 
zum (jeiligtum? Cr ruar lieimifdi im Ijeiligtum.»» 
Bilbete im gottesbienftlidien feben bie Feier bes 
lieiligen Hbenbmalils ben Höliepunkt, fo erroudis 
einem tieffrommen Ulann roie fölie baraus eine 
neue unb fdiipierige Aufgabe, nämlidi hk red]te 
!]anbliabung ber Beidite. So felir Colie immer 
ber allgemeinen Beidite unb llbfolution bas lOort 
rebete, fo einbringlidi feine fogenannten Beiditreben 
tuaren, es fdlien ilim bk Betonung ber PriDat= 
beidite unb bie öelegenlieit zu berfelben eine TIot= 
roenbigkeit, burd] roeldie ber Segen ber Sakraments« 



feler für ben einzelnen erl}ölit toerbe. Diefe Pnoat= 
beidite kam Inidit etira ber katftolifdien öliren= 
beidite gleid}, fonbern follte es bem einzelnen 
ermöglidien, in eigenen Worten unb unter oier 
Tlugen bem Beiditoater bas Qerz auszufdiutten. 
nis bie oier Beftanbteile jeber orbentlidien Beictjte 
bezeidinete er: Bekenntnis ber Sunben, Bekenntnis 
bes eiaubens, Bitte um flbfolution unb Perfprediung 
ber Befferung. Pon ber Prioatbeidite tpurbe in ber 
öemeinbe balb reidilidi öebraucb gemadit. Die 
Befdieibenbeit unb 3urücklialtung, tpeldie Cöbe be= 
obaditete, foroie ber ^eilige Crnft unb bie oäterlidie 
öute, ipeldie er an ben Tag legte, eriparben ibm 
allfeitiges Pertrauen. 

Dem gecDiffenbaften IPirken innerhalb bes 
öottesbaufes ging zur Seite ein treues Dienen 
aul^erbalb ber gottesbienftlidien Stätte. Seine oolle 
geiftlidie Fürforge galt ben Kranken unb Sterben^ 
ben, Gebrückten unb Bekümmerten, Ulubfeligen unb 
Belabenen. einem jeben nadi feinem Beburfniffe 
ben Troft ber göttlidien önabe zu fpenben, barauf 
ipar auch l)ier fein Bemülien geriditet. öern roeilte 
er an Kranken= unb Sterbebetten, es kam bamals 
iPöl}l kaum oor, baß er im Falle ber erkrankung 
eines öemeinbegliebes nicht gerufen ipurbe. Bei 
Tag unb TIacht toar er bereit, zu kommen. Der 
IPeg in bie entfernteften eingepfarrten orte wüx 
ihm nicht zu cpeit, regelmäßig befuchte er bie 
Kranken unb wu^\2 ihnen reidien geiftlichen 3u= 



fprudi zu bieten. Den Sterbenben roar er gern 
bis zum letften Atemzug nahe. Daß es itim öabei 
oergönnt roar, fo mandien Sdiiuerkranken burdi 
bie Kraft bes öebetes zur öefunblieit zu oerbelfen, 
muß als eine befonbere diarismatifdie Begabung 
getuertet roerben. Huf örunb oon Jak. 5J4 irar 
fölie ber feften 3uü2v\\(i]t, baß bem öebet ber 
fllteften an Krankenbetten eine große Perbeißung 
gegeben fei. Die öemeinbe bielt bas Tlmtsgebet 
in Cbren unb begelirte es fleißig. Den Tirzt toies 
er babei in fein oolles Recht. Cin gern oon ibm 
ben Kranken gegebener Kat lautete: 1. «Braudie ben 
flrzt, er ift oom lierrn, 2. Sei gebulbig, 3. Derföbne 
Didi mit allen TTlenfclien, 4. Por allem laß Didi 
oerföbnen mit 6ott.»> Der Triumpli aller Kranken= 
feelforge roar ibm, bie Sterbenben focoeit zu 
förbern, baß fie fröblidi, ja getroft bem Tob ent= 
gegengingen. «IPer fröblid] fterben kann« — fagte 
er einmal in einer Ceidjenprebigt, «ber kann oiel: 
roer's lebrt, ber lebrt bas Befte. Das ift berrlidie 
Probe gelungener Flmtsfübrung eines Seelforgers, 
roenn es beißt: Bei bem ftirbt man gern.» Hls 
Seelforger befaß Tobe befonbere Begabung, er 
batte über bie öemüter eine feltene lüacbt; nodi 
in jüngeren Jabren äußerte er, baß er oor biefer 
niadit bisiueilen felbft fidi fürdite. Pon bem Amt 
bes Seelforgers meinte er zroar in einem Brief an 
feine Sdicciegermutter: «ö luie klein ift ein Seel= 
forger, toie gar nidit nad) ben Ijoffnungen ber 



IDelt. V)k toenig kann er - unb bodi toie köftüdi 
fein Amt!« Cr coar fidierlid] gro|^ in biefem Amt 
unb feine Tätigkeit oon tiefem Cinflul^. 

IDie Cölie ben eriuachfenen öliebern feiner 
öemeinbe in Prebigt unb Seelforge ein rediter 
Seelenliirte getpefen, fo fudite er mit bem einfetten 
feiner ganzen Perfönlidikeit bem tierantoadifenben 
öefdiledit ein treuer f ehr er zu fein. Cööe befaß 
eine große Hebe zu ben Kinbern unb liatte eine 
oft betpunberungsipürbige öebulb für fie. Die 
EieDe Clirifti trieb ilin aucli l)ier, bem kinblidien 
Perftänbnis natie zu kommen unb bas kinblidie 
f}erz für bas Coangelium empfänglidi zu machen. 
In ber Sdiule unb in ber Cl]riftenlebre roar es 
Eölie barum zu tun, an ber lianb bes kleinen ICa= 
tediismus bie fernenben in ben reichen Sdiatf 
diriftlictier i]eilsipal}rlieiten einzufubren. Seine Ka= 
tediismusarbeiten, allen ooran «(iaus=, Sdiul= unb 
Kird]enbuc!i»> geben beute nodi baoon 3eugnis. 
Eutbers Katediismus fanb in ibm einen begeifterten 
fobrebner. «Der kleine lutberifcbe Katediismus», 
fdirieb er, «kann burdiaus mit betenbem (lerzen 
gelefen, gefprodien, kurz: gebetet roerben. Das 
kann man oon keinem anberen Katediismus fagen. 
Die beftimmtefte febre, coeldie jeber Derbrebung 
miberftrebt, entbält er - unb bodi ift er nidit 
polemifd): es toebt bie reinfte friebensluft burdi 
ibn bin. Die mannbaftefte, geojorbenfte Erkenntnis 
fpridit fidi in ibm aus - unb bodi oertragt er hk 



feligfte Befdiaulidikeit bes öemüts. Cr ift ein Be= 
kenntnis ber Kirdie unb zipar unter allen bas 
bekanntefte, allgemeinfte, in ipeldiem bie Kinber 
öottes am meiften mit bewußtem Glauben zu= 
fammentreffen; aber bies allgemeinfte Bekenntnis 
rebet bod] im lieblidiften Tone bes Id]. Innig, 
herzig, kinblid] — unb bodi fo männlidi, fo mutig, 
fo frei rebet bier ber einzelne Bekennen Dies Be= 
kenntnis ift unter allen, tpeldje bie Concorbie pon 
15X0 umfallt, bas jugenblidifte, ber b^^Ufte, burd]= 
bringenbfte Ton in bem liarmonifdien öeläute ber= 
felben, unb bodi runb, fertig, unmil^oerftänblidi 
ipie irgenb eins. Ulan könnte fagen, es erfdicine 
in il]m bie feftefte öbjektioität in öeftalt ber lieb= 
lidiften Subjektioität.« Große IDiditigkeit maß Tölie 
bem Konfirmanbenunterrid}t bei, befonbers bem 
ztoeiten Teil, bem fogenannten SedisiPodienunter= 
ridit, toeldier nadi alter Dettelsauer Übung nadi 
bem nfdiermittroodj begann unb bis zum meißen 
Sonntag ipälirte. In biefer 3eit fpradi er oon Taufe, 
Konfirmation, Beidite unb nbenbmatjl unb bemühte 
fidi oornelimlidi, bie Konfirmanben zur Teilnahme 
am kirdilidien unb fakramentalen feben aufzu= 
muntern. Überliaupt ging er feljr barauf aus, — 
unb betonte bies bei ber Konfirmation ausbrüd^lid] 
— in bie Kinberberzen ein kird]lid]es Pfliditberoußt= 
fein zu legen unb fie zur Treue gegen Gott unb 
ben lieilanb im fpäteren feben zu malinen. Cr 
ließ es aud] an ber Fürforge für bie konfirmierte 



lugenb nidjt fclilen. Beffer als Der Jünglingsoerein 
gebicl} bcr Jungfrauenoercin, Cölie ließ fidi nid]t 
entmutigen, immer coieber in neuer Form auf bie 
fd}ulentlaffene Jugenb erzielierifd} einzuroirken, 
roenn es oft audi ilin fdimerzlid) berühren müßte, 
tüie fö Diele bie Konfirmation als «Cntlaßfcliein aus 
ber Kirdie» betrachteten unb mandie nadi bem 
Cnbe ber Cliriftenlebre fidi feinten, um teilnehmen 
zu können an ben Vergnügungen ber TOelt Die 
ganze feelforgerlicl]e Hebe zu ben Konfirmanben 
bat Cölie in bem Büdilein «Conrab, eine öabe für 
Konfirmanben*» zum Husbruck gebracht. Befonbere 
Bead}tung oerbient fteute nod] ber flbfdinitt: «öuter 
Rat fürs £eben.»> Sdion finb oor allem jene IDorte: 
«Jebe Feier, an ber man oon f^erzen teilnimmt, 
erbebt bas öemüt unb gießt einen rofigen Sdiein 
fußen f ebens in basfelbe. Tiber es gibt auf Crben 
keine Feier, beren Cinbruck nicbt mit ber 3eit ge= 
fcbcDädit, beren erhabene Cmpfinbung nicht roieber 
oon ber Tllltagsftimmung biefes febens oerbrängt 
ipürbe. Tlud) bie Seligkeit ber Unbadit befudit uns 
auf erben nicht, um bei uns zu bleiben, fluf ben 
bödiften öipfeln cDobnt man nicht, aber man fteigt 
zuipeilen hinauf, um coieber h^^rabzufteigen: roer 
broben bleiben toollte, ipürbe aufgerieben. Die 
Woche hat nur einen Sonntag, bas Jahr nur brei 
hohe Fefte: iper alle Tage öftern feiern a7ollte, 
roürbe, toeil er ber Freuben zu oiel genöffe, balb 
keine mehr fo ftark finben, baß er burch fie er= 



fjoben ipürbe. In ber Cipigkeit iperben tüir für 
ecDige Freuben empfänglidi fein; auf Crben ift alles 
lierrlidie oon kurzer Dauer unb in Augenblicke 
zufammengebrängt Cs muß fo fein, burdi ben 
IDedifel von Freub unb feib, regem Eeben unb 
tiefer Stille irerben roir für bie Cipigkeit erzogen, 
merke bies, mein Kinb, auch für bk Konfirmation, 
fange liaft bu bidi oorbereitet, eine abnungsreidie 
3eit baft bu burcblebt, mit jebem Tage zitterteft 
bu mebr beinem Freubentage entgegen, beine Cr= 
tpartung roar groß, oielleidit bat bie Erfüllung 
beine Crtoartung übertroffen, unb öott bat bid) 
mit IPolluft beilig<2r Freube getränkt, ipie mit einem 
Strome. Tlun ift es Dorüber. üielleidit tritt eine 
Ceere, eine traurige, tränenreidie feere ein, oiel= 
leicbt ergreift eine jammernbe Sebnfucbt nadi ber 
entfcbipunbenen fcbönen 3eit bein öemüt. Damit 
erfäbrft bu an beinem Teile bie IDabrbeit beffen, 
CDas oben gefagt ift. Aber aus ift es besbalb mit 
beinem Bunbe nidit, benn bein Bunb ift ja nid]t 
ein Bunb bes Füblens, fonbern bes ölaubens unb 
öeborfams, unb bie freubige unb feierlidie Stimmung 
beiner Seele irar nur eine fcböne Beigabe. - Tludi 
beine Sebnfucbt nad} ber entfdiipunbenen 3eit roirb 
oergeben, bu roirft bid] an bie öegenipart getDöbnen, 
beine Seele toirb ftille toerben. Ijüte bid] nur, baß 
bu nid]t aus Uberfd]ät|ung ber geiftlid]en Freube, 
toelcbe bid] beimgefucbt bat, bas TIad]laffen ber 
öefüble zu fd]iper empfinbeft. erinnere bid] toobU 



baß bie fjauptfadie bdn öelübbe unb öottes Per= 
lieißung tpar. Dein öelübbe belialtc im Fluge, 
Gottes Perlieißung faffe oline IDanken ! Jage nad] 
bem oorgefteckten 3iel ber tiimmlifdien Berufung! 
faß burd] aller Tage ITIülie unb öefcbick bein lierz 
befeftigen unb becDäbrt werben im öiauben unb 
öeliorfam. So gelift bu eroigen Freuben entgegen, 
cDeldie nicht toerben oon bir genommen toerben 
— unb audi tjier fdion, toäbrenb beiner Pilgrim= 
fdiaft, ipirb ber Ijerr bir zuroeilen toieber Freuben« 
ftunben geben, coeldie burdi ben Dorfdimad^ bes 
l]immels zu befto größerer Treue im Kampf unb 
fauf nadi bem ecoigen Freubenreid) ermuntern.»» 
Das innere IDadistum ber öemeinbe ftanb für 
Cölie im Dorbergrunb feines raftlofen IDirkens unb 
Betens. IPenn im Dorfe alle Ciditer längft er= 
lofd]en roaren unb bunkle Tladit fid] ausbreitete 
über bie ftille fjodiebene, faß er nod] bei Kerzen= 
fdiein an ber Arbeit Dor ITIitternadit ging er feiten 
zu Bette. Unabläffig roar er bemüht, feinem öeifte 
neue öebankenftoffe zuzuführen, fein geiftiges Be= 
fit?tum zu ercDeitern unb zu bereidiern, um ba= 
burd] Der öemeinbe zu bienen. müßig ipurbe er 
nie gefeben. Aber £öbe hatte aud] einen zu aus= 
gefprodienen örbnungs= unb Sdionheitsfinn, als 
baß er nidit empfunben hätte, roie bie ipürbige 
nusftattung heiliger Stätten roefentlid] zur 
(jebung ber flnbadit beiträgt. Daraus erklärte fidi 
feine ftete Fürforge für bk Perfdionerung ber ba= 



mals fdion ziemlidi baufälligen Pfarrkirdie unb 
ber Filialkapellen. Jalir um Jatir traf er Crneue= 
rungen, Perbefferungen ober Tleuanfcliaffungen. 
Durdi feine eigene öpferipilligkeit gab er ein 
leuditenbes Porbilb unb fanb immer toieber 1iöcIi= 
herzige Hadialimer. Cin eigenes Sdiulgebäube 
rourbe erriditet, bas Pfarrhaus tpefentlidi umge= 
baut. Im Jalire 1839 kaufte er öftlidi oom Dorf 
gelegen einen flcker, ließ 30 Fu|^ ber Umfaffungs= 
mauer lijerftelleri unb fcbenkte bas örunbftück ber 
öemeinbe als Kirdiliof. IPenn biefe Stiftung fürs 
erfte nidit ben erhofften Cinbruck beroorrief, es 
erfüllte fich bodi, ipas er bamals feiner Sdicoieger^ 
mutter fcftrieb: «Diefe IDodie habe idi ber biefigen 
öemeinbe einen fdionen Kirdibof gekauft, es madit 
oielleidit auf XAz öemeinbe einen red]t guten Cin= 
brück unb id] mödite gerne aus bem Kirctjliof ein 
ftilles Parabies madien.« In biefem «ftiHen Para= 
bies« fanb folie nadi fünfunbbreißigjäliriger reicti= 
gefegneter IPirkfamkeit als Pfarrer oon neuen= 
bettelsau feine letzte irbifcöe Rubeftatt. 



3. ernfte Selten» 

fölie toar ein treues ölieb feiner Kirche, in 
ipeldier er nad] Urtikel VII ber Huguftana bie Per= 
fammlung aller Gläubigen erblickte, unb beren 
fjauptmerkmale für ibn barum bie Prebigt bes 
reinen Coangeliums unb bie fcbriftgemäße üer= 
ipaltung ber Sakramente bilbeten. 3roifclien ben 
forberungen, tpeldie burdi bas Bekenntnis geftellt 
roerben, unb ben tatfädilidien 3uftänben in ber 
bamaligen f anbeskirdie nabm er aber eine bebauer= 
lidie Spaltung cpalir. Cr empfanb nad] bem XXVIII. 
Artikel ber Tluguftana («man foll bie ztoei Regiment 
geiftlidi unb toeltlidi nidit in einanber mengen 
unb iperfen»>) bas coeltliclie Summepifkopat in ber 
bayerifdien Eanbeskirdie als einen mißlidien 3u= 
ftanb. öödift peinlidi berülirte ihn, bqß bamals 
im Kirdienregiment gleichzeitig ein Reformierter 
Sitf unb Stimme hatte unb baburch bie TITöglichkeit 
zu Kollifionen unliebfamfter Art gegeben roar. Cr 
glaubte, es leibe bie Bekenntnisfrage barunter, in= 
fofern bie Bekenntnistreue bei ber Perpflichtung 
ber öeiftlichen auf bie Symbole abgefchroächt roerben 
könnte, Crnfte öeipiffensbebenken bereitete ihm 
bie Tlbenbmahlsmengerei, fo baß Cutheraner unb 
Reformierte gegenfeitig zu einanber zum Sakra= 
ment gingen unb fo ber Unentfchiebenheit im Be= 



kenntnis unb bcr Eaxbeit im Eeben ein ipeiter 
Spielraum gefdiaffen CDurbe. (Diefe gemifdite 
nbenbrnablsgemeinfcbaft kam inbcffen nur feiten 
Dor unb bann meift nur in ber Diafpora. Das 
beiberfeitige gottesbienftlidie feben fehlen ilim ba= 
burdi jebodi beeinträditigt.) Tlotipenbig bünkte ilin 
eine Perfdiärfung ber Kirdienzudit, ipeldie nadi 
Kräften bemübt ift, ungläubige unb unrourbige 
ölieber abzuflößen. Daß gerabe in ben Jabren 1X48 
bis 1E52 bie Fragen brennenb rourben, bing mit 
ben 3eitoerbältniffen zufammen. Die Sturme bes 
Jabres 1X4X gingen audi an ber Kirche nicht fpur= 
los ooruber unb trieben zur Cntfcheibung, zur 
Sichtung. 

Cöhe fah in ber Perfaffung ber apoftolifchen 
Kirche, beren Stubium ihn in biefer 3eit oiel be= 
fchäftigte, bas Uerfaffungsibeal für feine Kirche.*) 



*) In bcm «üorfd)lag zur ücrcinigung lutlicrifdier Ct)riftcn 
für aportolifdics Ecbcn» pcrtrat Cöljc für feine 3eit unb beren 
6tnigungsbeftrebungen bie ilin bepegenben Keformgebanken, 
ipeld)e auf einen engeren 3ufanimenfd)lufi ber lebenbig gläu= 
bigen, betrufiten ©lieber ber Kirdje brangcn unb eine neuge= 
ftaltung ber öemeinben nad) bem ITIufter ber apoftolifdien Kirdie 
nidit nur nadi Seite ber Cel]re unb üerfaffung, fonbern audi 
nad) Seite tzs Gebens (Bel?enntnis unb 3ucl)t) forberten. lDci= 
tere Kreife braditen biefem 6ebanken Teiinalime entgegen, be» 
fonbers angeregt burd} ben «Katediismus bes apoftolird)en Cebens», 
ipenngieidi bie gebad)te Uereinigung lutlierifdier Cliriften für 
apoftoiifdies Eeben nidit in biefer Form ins Ceben trat. Sein 
3ui^unftsibeal a7ar bie epifkopal perfa^te Bruberkirdie lutberi» 
fdien Bekenntniffes. 



Der einheitliche Beftanb ber feparierten, ftreng lu= 
tfierirdjen Kirdien in Preußen (im öegenfatf zur 
Unionskirdie) tuar ilim beutlidier Beroeis, baß «bei 
oorbanbener Einigkeit im ölauben unb Bekenntnis 
es einem roalirliaft kirdilidien Regiment aud] ohne 
ben Stecken bes Treibers b. li. oline ben geipal= 
tigen Hamen eines irbifcben Königs an einigenber, 
zufammenlialtenber Kraft unb Rutorität nicht felile.» 
Cs ipar ihm bas eintreten für t\2 burdi Schrift 
unb Bekenntnis fich ergebenben forberungen eine 
toirkh'che lierzensfache, «Ireue gegen Jefum unb 
bie Kirche brängt mich,« fchrieb er an bie Pro= 
fefforen l]ofmann unb Thomafius in erlangen, 
«aber nicht minber bie £iebe zu ben Taufenben 
Doii armen Schafen, bie Chriftus mit feinem Blute 
erkauft hat, unb bie oon faifchen fehrern oerführt 
unb zum etoigen Perberben gebracht coerben.» 
Dabei oertrat £öhe nicht ettua eine überfpannte, 
einfeitige Anficht Don bem IDerte ber Bekenntnis= 
fchriften, fonbern ftellte ben Satf auf: «Ich nehme 
an, cpas in ben Bekenntnisfchriften bekennenb (be= 
kenntnisipeife) gefagt ift. Cs fällt mir nicht ein, 
am Buchftaben zu kleben unb mir eine Sym= 
bolölatrie zu fchulben kommen zu laffen. Ich 
unterfcheibe im Konkorbienbuche, ipas bekennenb 
gefagt ift, unb ipas nicht alfo gefagt ift — unb ich 
unterfcheibe noch mehr - geroiffe einfeitige, fich 
einanber befchränkenbe unb ergänzenbe Stellen 
ber Symbole unb Artikel, bie im Streite ber Kirche 



nidit vöWIq erIcMgt finb.*» Keinesroegs lebte er in 
öem Ibeal einer fleckenlofen öeftaltung ber fici]t= 
baren Kirdie, als einer öemeinbe oon tDirklidien 
Qeiligen, toenn er fcbrieb: «IDir toerben unb muffen 
Immer (jeudiler, niauldiriften unb Bofe baben, rolr 
iperben burdi kein mittel bie Kircbe bi<^r auf 
erben zum oölligen nbbilb jener Kirche machen 
können. Tiber eine «societas eiusdem evangelii 
et doctrinae« («öemeinfctjaft besfelben CDangeliums 
unb berfelben febre« Tlpol.), eine «congregatio, in 
qua evangelium recte docetur«, («Perfammlung, 
In tpelcber bas Coangelium rein gelehrt cDlrb» Rüg,) 
kann unb foll unb muß fle fein ober fie ipirb für 
Ihre Kinber unb bie braußen nichts fein unb nichts 
leiften.»» 

Cöhe ftanb mit feinen finfchauungen unb 
3ielen nicht allein, ein ftattlicher Kreis treuer Be= 
kenner geiftlichen unb nichtgeiftlichen Stanbes ftanb 
ihm zur Seite in ben fehleren Kämpfen, roelche 
baruber nun entbrannten. Crnfte 3eiten kamen 
für ben mutigen Porkämpfer, fo ernft, baß er 
jahrelang baran bachte, ber bayerifchen £anbes= 
kirche ben Rüd^en zu kehren, fo fchroer es ihm 
aud] mit ber Uerroirklichung bes öebankens roerben 
cDollte. «ts gilt ein Stüd^ Sterben,»» meinte er roohl 
in anfechtungsreidier Stunbe, «tuie manchen Tropfen 
IDermut roerbe ich zu genießen bekommen.» Tohe 
ging jebod] bebaditfam Dor, beriet fleh mit ben 
bebeutenbften Vertretern ber lutherifchen Kirchen 

eidjner, £6t)e. 4 



in Preußen, roie gleidigefinnten freunben, tDcldi 
letztere bauptfädilidi in Hürnberg ficil zu crnften 
Befprediungen bes öfteren oereinigten. Profefforen, 
wk !iöfmann, Tbomafius unb Delitffdi legten fidi 
ins niitteL Der offenbare Brudi rourbe immer 
cDieber oerzögert unb unterblieb zuletjt. £öl}e er= 
kannte im faufe ber bebeutfamen Perlianblungen, 
ba(^ erft alle georbneten TTlittel unb IDege zur flb= 
ftellung ber kirdilidien Übelftänbe oerfudit toerben 
mül^ten, elie ber äu(?erfte Sdiritt getan tuerben 
burfte, unb baf^ es ratfamer fei, innerhalb ber 
Eanbeskirdie eine Befferung ber 3uftänbe lierbei= 
zufuhren unb bem lutberifdien Bekenntnis zum 
Redit unb zu tatfädilidier öeltung zu oerlielfen. 

€s iparen beiße öefedite, roeldie bamals aus= 
getragen tourben. Auf ber bayerifdien öeneral= 
fynobe oon 1E49 kam es zu ernften Perbanblungen 
über eine oon Cobe oerfaßte unb mit Dielen Unter« 
fdiriften oerfebene Eingabe. Die tbeologifdje Fakultät 
in erlangen nabm eine oermittelnbe Rolle ein. Das 
öberkonfiftorium ließ auf bie oerfdiiebentlidien 
Kunbgebungen feine Crlaffe ergeben, in ipelcben 
basfelbe ebenforoobl ben Befitfftanb zu roabren 
fucbte, als audi bie Porftellungen zu rourbigen 
roußte. Tladibem einigermaßen bie Bekenntnis« 
frage geklärt roar, — bie frage bes ipeltlicben 
Summepifkopates ließ Eöbe alsbalb fallen - fpitjte 
fidi freilid) ber Kampf auf bie Frage ber Tlbenb« 
mablsgemeinfdiaft oon futberanern unb Refor« 



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mierten zu unb brolite eine bebenklidie IDenbung 
anzunelimen, ba Cobe unb feine f reunbe erklärten, 
in ber Kirdie bleiben zu ipollen mit bem Porbe= 
Öalt baß fk biejenigen öeiftlid]en unb öemeinbe= 
glieber nidit für lutlierifd} halten können, lueldie 
irgenbtoie in gemifdite nbenbrnatilsgemeinfcbaft 
uerroickelt feien. Cs kam fogar zu einem Sus= 
penfionsantrag gegen £ölie. Cs roar ein kritifdier 
Augenblick. IDenn fdiließlid] eine frieblidie föfung 
erzielt rourbe, fo roar bies fl. v, []arleß zu banken, 
roeldier am 29. September 1S52 bie feitung bes 
öberkonfiftoriums auf IDunfdi bes bamaligen Königs 
THax II. übernommen hatte, (jarieß brachte eine 
reinliche unb friebliche Sonberung ber lutherifchen 
unb reformierten Kirche zutoege; ein felbftänbiger 
lutherifcher Kirchenkorper ipurbe gefchaffen, neben 
welchem auch bie reformierte Kirche erft zu ihrer 
oöllen Selbftänbigkeit gelangte, finbere h^ilfanie 
Reformen rourben fofort in Angriff genommen unb 
allmählich burchgeführt. So fchuf bie öeneral= 
fynobe oon 1S53 u. a. bas neue bayerifche öefang= 
buch; bie neue örbnung unb Form bes liaupt= 
gottesbienftes, brachte ben flgenbenentipurf unb 
führte eine Tleugeftaltung bes gottesbienftlichen 
Eebens ber lutherifchen öemeinben Bayerns herbei. 
£öhe ^unb feine Anhänger konnten mit ben 
erfolgen zufrieben fein; hatten fie audi nicht alles 
erreicht, fo wnv ihr Porgehen boch nicht umfonft, 
fonbern hatte zur Cäuterung ber kirchlichen üer= 



ftältniffe beigetragen. Der nachmalige öberkonfi« 
ftorialpräfibent oon Stä\}\m fdirieb fpäter: «Cs ipar 
ein großes öluck für bie Eanbeskirdie, baß ibr ber 
fdiroere Riß erfpart unb eine Kraft n7ie bie Cöbe's 
erbalten blieb, aber audi ein unoerkennbarer Segen 
für £öbe, baß er nidit in bie Cnge ber Separation 
gebrängt ipurbe. Die £anbeskird]e allein bot ibm 
Raum für bie oolle Entfaltung feiner Kräfte.» Hn 
feinben unb Tlnfeinbungen bat es bem treuen 
Eutberaner nidit gefeblt. IPenn in einer 3eitung 
oom 30. Rpril 1X49 Pfarrer föbe gebranbmarkt 
CDurbe als «ber pietiftifdie Cborfübrer, ber feiner= 
zeit in einer oon ibm in Tlurnberg gebaltenen 
Prebigt fcbon in bem trüben Blick ber öcbfen ben 
Betoeis ber Crbfünbe babe finben roollen» (es irar 
auf eine Prebigt über Rom. 8, lX-23 im Jabre 1834 
bezug genornmen, lueldie oiel Staub aufwirbelte 
unb in ben Sieben Prebigten abgebruckt ift) unb 
als «ein arroganter Burfdie oon feinem Dorfe in 
unfere Stabt gelaufen,*» fo ift baraus erficbtiidi, mit 
roeldi einer Hit?e ber Kampf gegnerifdierfeits ge= 
fubrt cDurbe. föbe beobachtete babei eine ge= 
mäßigte lialtung, toeldie Flnerkennung oerbient, 
unb rechtfertigte fein Ijeroortreten aus bem ftillen 
IDirkungskreis in ber Dorfgemeinbe mit ben IDorten: 
«IPir finb ölieber am Eeibe unb Knechte im l)aufe 
bes l]errn ; burch beiberlei unztueifelhafte Beziehung 
lüirb uns nicht nur bas Recht, fonbern auch ^l^ 
Pflicht ber Ciebe unb JTlitforge für ben ganzen 



Ceib, für bas ganze liaus bes Herrn übergeben . . . 
es ift unfre Bruberpflicht unb überbies unfre Amts» 
pflidit für bas öanze zu leben. Unb bann - ift 
benn nicht bie einzelne öemeinbe, an ber ein 
jeber arbeitet ein Teil bes Ganzen? Krankt unb 
leibet fie bodi mit bat fie bodi faft unb Übel ber 
öefamtbeit zu tragen. IPir können bie einzelne 
öemeinbe nidit als ecclesiola in ecclesia, fo los= 
geriffcn oom öanzen, fo oöllig obne Ruckfid]t unb 
Beziebung aufs öanze betrachten, fo ganz ohne Einfluß 
bes öanzen leiten unb ipeiben, ba|^ fie gleich einer 
glücklichen öafe in ber IDüfte, cpie eine ausertDählte, 
abgefonberte Schar ihr eigenes, feiiges Schickfal hätte. 
IDir können nicht unb ob roir's ipollten ober täten, 
ipie fchnell roürbe man uns mit oollem Rechte tuehren! 
So kommt's benn, baß toir, ein jeber in feiner öe= 
meinbe, mitten in ben Übeln fit?en. lebe öemeinbe 
ift Don ber allgemeinen Tlot berührt oom allgemeinen 
Perberben ergriffen - unb es roirb mit ihr, folange 
fie im Komplex bes öanzen ift nidit burchgreifenb 
beffer werben, roenn nicht bas öanze beffer mirb.» 
Hoch einmal im Jahre 1856 brohte eine Fort= 
fetfung bes Kirchenftreites. Die Einführung bes 
neuen öefangbuches, roelche burch Kgl. Cntfchließung 
Dom 1. Februar 1854 begutachtet rourbe, ftieß bei 
ben freiheitlich gefinnteren Proteftanten auf IDiber= 
fpruch. Die unter bem 2X. Tllai 1X55 gutgeheif^ene 
fakultatioe Einführung eines neuen ?lgenbenent= 
iDurfes, bes fogenannten flgenbenkerns, oerurfachte 



in größeren Stäbten, roie TTurnberg, einen Sturm; 
roeitere ina(?na!]men aus bem Jalire 1856, als 
•»IDieberlierftellung ber Kirdienzudit« u. a., fülirten zu 
einer Illaffenkunbgebung an ben König, in tpelcber bie 
ünterzeidiner Befditperbe erl]oben<*ipegen Uerletfung 
ihrer oerfaffungsmäßigen unb l^irdilidien Redif e burdi 
Übergriffe ber geiftlidien öetoalt.*» Der König oer= 
fpradi fürbieöeneralfynobeoon 1857 eine abermalige 
Prüfung berbetreffenben Crlaffe, fo baß eine Berul}i= 
gung ber öemuter eintrat, f öbe unb feine öefinnungs= 
genoffen füblten fidi burd) biefes öebaren ipiber= 
diriftlid] gefinnter Kreife in ihrem öeiriffen beengt 
unb oerlangten eine freiere, geroiffermaßen aus= 
nebmenbe Stellung im lanbeskirdilidien Ganzen. 
Audi hier coar es fl. o. Qarieß, toeldier burdi 
bruberlidien ITIeinungsaustaurcb Cölie zu befd]ipid]= 
tigen tpußte unb bamit ernfteren Konflikten oor= 
beugte. 

Damit trat Eöbe überbaupt zurück oon bem 
Scbauplat? bes öffentlidien kirdilidien Cebens. 
Seine anberipeitigen Berufspfliditen, oor allem feine 
Tätigkeit auf bem öebiete diriftlidier Ciebestätigkeit 
unb ber furforge für bie beutfdien Amerikaner 
ftellten ibn oor neue, im Augenblick größere fluf= 
gaben. Tiber in biefem Kirdienkampf batte er fidi 
als kübnen Recken betpiefen. Cr füblte fidi in feinem 
öeiDiffen gebunben unb barum bielt er mit feinen 
Bebenken nidit zurüd^. Cr oertrat bas Intereffe 
bes perfönlidien fjeilsbebürfniffes unb bas Red]t 



55 rararororarorcaro 

eoangelifdier freilieit THandie feiner freunbe 
zogen fictl tuolil zurück, roenn fie ilin fo kampfes« 
mutig oorcDärts bringen faben. Cr aber badite an 
bas IDölil ber lutlierifcben Kirdie, roenn er nidit 
fofort zum Rückzug zu betoegen luar. Sein örunb= 
fal? war: «Die Kirdie allezeit unb alleirege ooran.» 
Cr kämpfte als ein ziclbeipul^ter futlieraner unb 
baburdi geroann fein Kampf roeitge^enbe Teilnahme. 
3og er aus bem Streit aud] nidit als alleiniger 
Sieger, bie fegensreidien Folgen feiner tatfäci]lidien 
Crrungenfdiaften blieben nid]t aus. Daß cDobl audi 
er in biefem Kampfe gefehlt, barüber roar er fidi 
fidier am klarften. Audi er roar kein Heiliger, aber 
er liatte fid] becpälirt als ein eoangelifcöer Clirift, 
er trar ein treuer l)irte ber eDangelircb=lutlierircf]en 
Kird]e unb ein Vertreter, ja Porkämpfer ber lutlie= 
rifcben Richtung. Falfd) ruäre es, zu meinen, Cöl}e 
fei ein unoerfölinlidier f einb ber Reformierten ge= 
roefen. Im Gegenteil, er hatte in ber Sdicpeiz mit 
Reformierten brüberlidi oerkehrt, ipie foldie aud) 
öfter längere 3eit in TIeuenbettelsau fid] aufhielten. 
Diefe Toleranz hat er fpäter bei ber Frage bes 
3ufammenfchluffes ber Diakoniffen = HTutterhäufer 
ber eoangelifchen Kirche in bie Tat umgefetft. Cs 
tDurbe ihm bies zirar oerbadit, er aber ftellte ent= 
fdiieben in nbrebe, als ob barin eine flbbiegung 
feiner grunbfät?lidien Tinfdiauungen zu erkennen 
fei. Die Befdiid^ung bes Kaifersroerther Diakoniffen= 
tages follte lebiglidi ben flustaufdi ber Erfahrungen 



auf bem öcbiete bcr Diakoniffenarbcit beztpecken, 
tPöbei CS oon Dornbereln fcftgefe1?t toar, konfcffio« 
nelle Dinge gar nicht zu berühren. Cr fcfirieb 
bamais: -IPas id] aber ipollte unb noch roill iff 
weiter nichts als ben Beroeis h'efern, baß ber Qerr 
auch meine, ber Tlugsburgifchen Konfeffion fozu= 
fagen angeftammte öeimat unb uns arme f utheraner 
beshalb, ba|^ roir bas Fähnlein ber ungemifchten 
flbenbmahlsgemeinfchaft emporhielten, toeber oon 
ber inneren miffion noch oon ber heiligen Diakonie 
bes 19. Jahrhunberts ausfchüeße, fonbern uns 
trot? allen IDiberftanbes Don nah unb fern förbern 
könne unb tperbe.« 

üaß es im Jahre 1X60 boch noch zu einer 
Suspenfion föhe's oom nmt für ixsqX nionate kam, 
hing mit einem kafuellen Falle zufammen, ipobei' 
lohe's Derhalten h\^ kirchlichen Staatsgefet?e zu 
befchränken brohte. föhe hatte fich geweigert, ein 
^emeinbeglieb, bas coegen bostoilliger Perlaffung 
ber Frau rechtskräftig gefchieben roar unb \>\q. er= 
Jaubnis zur IDieberDerehelichung erhalten hatte, zu 
trauen beztp. einen anberen zur Trauung zu be« 
vollmächtigen, föhe bachte an ben Austritt, feiner 
TIeigung nach hätte er fich am liebften oom Pfarr= 
amt zurückgezogen. Seine Hebe zur öemeinbe 
unb ber IPunfch feiner Freunbe ließen ihn oon 
biefem Porfat? abfehen. er übernahm fein Amt 
roieber, um es mit neuer Kraft zu führen. Cr follte 
feinen fauf in ber fanbeskirche oollenben. 



Die kirdiljcticn Kämpfe brachten es mit fidl, 
baß Eöbe fidi, roie er felbft fagtc, «manchen Untüillen 
unb bie Erkältung manches lierzens»> zuzog, aber 
man toirb einem 3eitgenoffcn recht geben, roelcher 
anläßlich ber Streitfrage über bie oon Cöhe einmal 
angetpanbte Krankenölung (Jak. 5,14) betonte: 
«f öhe ift ein ITIann, bem man oieles nachfehen muß, 
bem man einen moglichft freien Spielraum ge= 
iDähren muß, bamit bie reichen ihm oerliehenen 
öaben fich frei entfalten können.» Keiner hat 
fchiperer getragen an biefen ernften 3eiten als föhe, 
tpelcher eben feine 3eit beffern tpollte. Das laffen 
auch bie IDorte aus bem Schriftchen: «Jüeine Sus= 
penfion im Jahre 1X60« erkennen. «Cs ging mir 
gerabe fo toie mit bem Sterben, bas man auch 
rorausfieht, oorausfagt unb mit aller Ruhe baoon 
fpricht bas aber bennoch ernfte 3eit bringt, roenn 
es kommt. Cs ging burchaus nicht, cpenigftens für 
mich burchaus nicht, bie Suspenfion auf bie leichte 
FIchfel zu nehmen, fie als bas bequemfte fluskunfts= 
mittel für ben böfen Fall zu faffen; ich fanb auch 
gar nichts Tröftlicfjes barinnen, baß es auf bem 
IDeg ber Bureaukratie nicht anbers kommen konnte, 
unb fo ruhig unb gebulbig ich mich fügte, fühlte ich 
boch toieber einmal recht ftark \Az Caft ber lanbes= 
kirchlichen üerhältniffe. Ich konnte nicht anbers, 
ich mußte mich bei ber Suspenfion auf ben erz= 
hirten unb Bifchof ber Seelen berufen, burch beffen 
öeift ich bas (jirtenamt überkam, unb nach beffen 



rororcaror^r^roro 



Sinn es mir in meinem Falie nidjt genommen 
roerben l^onnte. Idi füiilte ben ooilen öegenfatj 
ber Kirdie, irie fie roar unb ipie fi^ f^in foüte.*» 





mm 



4. Die furforge für Die lutt)erf fctjen Deutfdien 
In Tloröamerika* 

Im Jalire 1X41 roar föl]e ein Aufruf in bie 
[jänbe gekommen, toeldier uberfdirieben war: «nuf= 
ruf zur Unterftütfung ber beutrcti=proteftantifclien 
Kirdie in Tlorbamerika.'» In bemfelben rourbe bie 
kirdilicf]e Hot ber eoangelifcben Deutfcben gercftilbert, 
ipeldie Jabr um Jabr in bie neue IDelt ausipanber= 
ten unb bort ibr Auskommen fucbten, aber nun in 
ben IDälbern unb Prärien roie Sdiafe obne Wirten 
gingen. Der kircblidie Tlotftanb unter biefen ?lus= 
roanberern fei erfcbrecklid). l]ilfe, oor allem 3u= 
ipeifung oon geiftlicben Arbeitskräften fei bringenb 
not. Cöbe las biefen Beriebt mit innerfter Be* 
ipegung unb oeröffentlicbte alsbalb in bem oom 
Pfarrer IDucberer b^rausgegebenen «Hörblinger 
Sonntagsblatt« eine «Tlnfpradie an bie fefer», in 
roeldier es u. a. bieß: «Unfere Bruber manbeln in 
ben Cinöben TTorbamerikas obne Seelenfpeife. IPir 
legen unfere Qänbe in ben Sdioß unb oergeffen 
ber Ijiife. Defto eifriger naben fidi h\2 Diener bes 
Papftes unb Eiebbaber ber Sekten. Tlucb ihre fiebe 
fdieint billig; bie ITotleibenben oerfcbmäben fie 
nicbt. Sie ercpibern bie Ciebe, fie roenben ficb mit 
ibren Kinbern zur römifcben Kirdie, zu ben Sekten. 
Den Durftenben fcbeint trübes, unreines, ungefunbes 



IDaffer immer nodi oorzugljdier als ber Tob burdi 
oölliges Perfdimaditcn. Unb ipir foUten nidit liilfe 
leiften? IPir folltcn zufelien, wk unferc ölaubens= 
genoffcn aus TTIangel an flirten oerfülirt roerben - 
zufeben, tuie fidl bie eoangelifdie Kirdie norb= 
amerikas auflöft? Sdimad) über uns, roenn tpir 
hier nicf]t täten, tpas cpir können! Die fleiben^ 
miffion unterftut?en toir, unb bie oorlianbenen öe= 
meinben laffen toir untergeben? Taufenbe laffen 
roir oerfdimaditen, ba toir uns fooiel TFlülie geben, 
um einzelne zu getoinnen? IDir beten, baß fidi 
ber flerr eine eroige Kirdie aus ben Reiben fammle, 
unb gefammelte öemeinben laffen irir ber Per= 
fübrung zum Preis? Die uns fo nal)e ftelien, oer= 
geffen tnir unb ftrecken uns nach benen, bie nod] 
ben öötfen bienen? Cins follte man tun unb bas 
anbere nicht laffen! Ruf, Brüber, laffet uns helfen, 
fooiel roir können!« 

Der fluffaty tuar nicht ohne Crfolg; es floffen 
reichlich öaben, IDährenb IDucherer unb £öhe fich 
über bie zroeckmäßigfte Percpenbung biefer öelb= 
fpenben berieten, kam berSchuhmachergefelle fibam 
Crnft aus Öttingen zu feinem früheren Seelforger, 
bem Pfarrer IDucherer, unb bat, man möchte ihn aus= 
bilben laffen unb nach llorbamerika fenben. Cr 
hatte nämlich in flfch in Böhmen, iro er arbeitete, 
ben Aufruf gelefen, unb ba er fchon lange mit bem 
öebanken, zur IHiffion zu gehen, fich getragen, 
coanbte er fich an ben Dresbener üerein für bie 



61 



lutberifdie Kirdie in Tlorbamerika, erliielt aber ben 
Befdieib, er follte Heb in feiner eigenen Ijeimat 
umtun, ob er nictit öelegenlieit fänbe, fictl für ben 
Dienft in nmeril^a ausbilben zu laffen. «Tlun Ratten 
wir», fdirieb Colie im Redienfdiaftsberidit oon 1X47, 
«einen unoerkennbaren IDink empfangen, bie Sadie 
felbftänbig zu treiben, tüir taten alfo oon außen 
gebrungen, toas zu tun coir nicht begehrt batten.» 
es gefeilte fid] nodi ein ztoeiter Sd]u!er, öeorg 
Burger aus Horblingen bazu unb fo toar ber Anfang 
gemadit zu bem oerbeißungsoollen TDerk ber immer 
ipeiter fid] ausbebnenben^TTeuenbettelsauerlTIiffion.'» 
Eöbe übernabm ben Unterridit ber beiben 
3öglinge, toeldie nadi TIeuenbettelsau überfiebelten, 
unb fudite fie foroeit zu förbern, baß er fi<^ ani 
IL Juli 1S42 nadi nmerika zieben laffen konnte. 
Sie follten als diriftlidie Sdiullebrer ber z. T. obne 
Religionsunterridit auftoadifenben Jugenb bienen 
unb babei, toenn nötig, ibr früheres öefdiäft be= 
treiben, fim 5. fluguft fdiifften fidi bie Senbboten 
in Bremen ein, nacbbem fie zu Fuß bortbin ge= 
toanbert toaren, unb am 26. September lanbeten 
fie in TIeir=york. £öbe nannte in bem Brief an 
einen Freunb in l^annooer biefe beiben Tlotbelfer: 
«ztoei Körnlein Salzes für ein Brofamlein Gottes, 
für etlidie oerlaffene ölaubensboten in TTorb= 
amerika.*» Sie tourben freunbüdift aufgenommen, 
Crnft übernahm alsbalb eine neu errlditete beutfdje 
Sdiule in Columbus (Ohio), toäbrenb Burger zur 



CSIOlCMCS-lty-lCS-lCMCM 62 



r^r^r?3ivDrarof.53r<5j 



weiteren nusbil^ung in bas bortige tlieologifdje 
Seminar eintrat, um oollenbs fOr bas Prebigtamt 
Dorbereitet zu roerben. RucJ, Crnft Dertaufdjte nadj 
kurzer 3eit ben feljrerberuf mit bem Prebigtamt, 
ba ber Prebigermangel bies erljeifdite. 

följe Ijatte ben beiben jungen feuten einen 
empfelilungsbrief mit auf ben Weg gegeben roe!» 
cfter gerabezu ein meifterftü* apoftolifdier IPeisljeit 
genannt tuerben barf. In bemfelben Wm es z B - 
"Il)r möget nun aber im priefterlicijen ober im 
Sdjulamt arbeiten, fo gebt ibr uns burdj Cure 
namensunterfdjrift, foroie burd) bargereidjte Bruber» 
Ijanb bas Gelöbnis, Cudj ftrenge zu ber apoftoli= 
fdien, nun in ber 3eit iljres Kampfes eoangelifd)= 
lutijerifd) genannten Kirdie zu Ijalten unb jebe 
kirdilid]e öemeinfcliaft anbern Hamens unb IDefens 
zu meiben. Um ber Perfaffung, um bes äußeren 
IDanbels ihrer eiieber roillen ziebet l?eine anbere 
öemeinfdiaft, l^eine Sekte ber Kirdje por. Da ift 
bie Kircbe, roo man bas Wort unb bie lieiligen 
Sakramente oljne 3u= unb Abtun feftliält. Bei ber 
bleibet! - Hur för iljren Dienft haben roir Cudi 
bisher unterftüt?t, nur für Re werben roir euch 
ferner unterftüt?en. - niöget Ihr bie erften Schroalben 
fem, bie einen reichen Frühling Derkünbigen ! mögen 
aus ben gefegneten beutfchen Sauen Scharen oon 
eoangeliften, begabt mit mancherlei Gaben, aus= 
ziehen, auf baß auch flmerika zu ben fanben Der= 
fammelt roerbe, pon benen roir fingen, baß fie 



Seiner Clire ooll finb.« Aus bem ziemlid] umfang» 
reidien Begleitfdireiben rebete ein heiliger Cifer für 
\A^ Sadie ber Cutberaner in Amerika unb eine 
oäterlidie, berzlicöe Ciebe für bie erften Senblinge 
Tleuenbettelsaus. 

InzcDifdien roar ber beutfd]=amerikanifcl]e eeift= 
lidie IDyneken, beffen flammenber Aufruf fölie zur 
UTitarbeit in ber furforge für bie beutfdien Cutlie= 
raner jenfeits bes Ozeans begeiftert hatte, felbft 
nadi Deutfdilanb gekommen, um feinem fiilferuf 
burdi perfönlidie Bezieliungen weiteren Tladibruck 
zu Derleilien. Zx kam auch mit Eöhe zufamrnen, 
treldier gleichzeitig burch bie öhiofynobe in 
Columbus — in berfelben iraren bie lutherifchen 
öemeinben jener öcgenben zufammengefchloffen — 
fchriftlich gebeten irorben toar, ipeiter für ?ius= 
fenbung entfprechenb ausgebilbeter junger Tllänner 
in bie bortigen öemeinben Sorge zu tragen, foroie bie 
Bereicherung ber Seminarbibliothek oon Columbus 
mit guten theologifchen IDerken zu betreiben. In 
Hurnberg fanb eine Beratung oon Freunben biefer 
Reichsgottesfache ftatt unb man einigte fich, bie 
IDünfche ber öhiofynobe nach Kräften zu Derroirk= 
liehen, einige Senbboten, \yi^ fich nach THichigan 
cDanbten, fchloffen fich ber kleinen lüichigan» 
fynobe, in roelcher Cingetuanberte aus TDürttem= 
berg meiftens oereinigt roaren, an. Cöhe fah biefe 
Derbinbung nicht ungern, ba in ben Kreifen biefer 
Synobe bereits üeranftaltungen getroffen roorben 



64 rororarororar^oro 

iparen, ben Damals nodi zal^lreidien Inbianern In 
ITfidiigan bas eoangclium zu bringen. 

3ur finanziellen Sidierftellung grünbete föbe 
bie «tcirdilidien lüitteilungen aus unb über norb= 
ameril^a»», tpeldie im Jabre 1843 zum erftenmal 
erfdiienen unb in ben erften Jaliren ein ftattlidies 
Keinerträgnis abroarfen. In l^annooer, Sadifen unb 
Illecklenburg fcftloffen fidi befreunbete Kreife bem 
kirdilidien Tlliffionsiperke an, beffen lDeiterfül}rung 
unb Ceitung Cölie auf ausbrücklidien IDunfd) ber 
Freunbe übertragen blieb. So tourbe er für ge= 
räume 3eit «ber perfönlidie Hlittelpunkt aller in 
Deufcblanb fidl regenben Beftrebungen für bie 
amerikanifcfte TTIiffionstätigkeit.»» In ben nädiften 
Jahren zogen weitere ITotbelfer aus, unter ilinen 
aud] eine finzalil akabemifd) gebilbeter Hlänner. 
Im Dom zu Sdiirerin tourben im Jalire 1X45 zum 
erftenmal zipei TIeuenbettelsauer Senblinge orbi= 
niert, tDOzu ber öroßlierzog feine Erlaubnis er= 
teilt hatte. Im gleichen Jahre oeröffentlichte föhe 
einen «3uruf aus ber Ijeimat an bie beutfch^ 
lutherifche Kirche Tlorbamerikas», melcher oon nahe= 
zu 1000 Hamen unterzeichnet mar. lüit Bezug 
barauf fchrieb ber Perfaffer: «mannigfaltig, roie 
bie ftreitenbe Kirche öottes oor bem Qerrn fteht, 
ftehen biefe Hamensunterfchriften oor ben Augen 
bes Eefers. Iiirten ber Qerben unb ölieber ber 
gerben, hochgelehrte unb meife unb ungelehrte, 
hochgeftellte unb niebrige Brüber unb Kinber öottes, 



finbet man öier bdfammen. Ilir Ja unb Tlrnen 
madit ben 3uruf zu einer roalirbaftigen Stimme 
aus ber öemeinbe (Deutfcblanbs) an bie öemeinbe 
(Horbamerikas).« 

Aus konfeffionellen örünben, bann aber audi 
aus nationalen - es brol}te bie flnglifierung bes 
Seminars in Columbus - löften bie Heuenbettels^ 
auer Senbboten bie anfänglidie Uerbinbung mit 
ben Synoben oon öliio unb lüidiigan auf unb 
fuditen nadi föfte's IPeifung Fühlung mit ben aus= 
geipanberten fädififdien futlieranern im Staate 
Jlliffouri. So entftanb im Jabre 1S47 bin iniffouri= 
fynobe, tüeldie fidi balb zu einer anfebnlidien 
Kirdiengemeinfdiaft entcDid^elte. ein Jabr zuoor 
toar ein eigenes Prebigerfeminar gegrunbet tporben, 
tpeldies alsbalb ber Ricbtung biefer Synobe bienen 
follte, unb zroar in Fort IDayne. £öbe unb feine 
Freunbe brachten zum großen Teil bie Tllittel auf, mit 
roeldien man in ber Habe ber Stabt Fort IDayne ein 
örunbftuck famt öebäulidikeiten erroerben konnte. 
Dortbin rourben nadi kurzer Porbereitung bie jungen 
HTänner gefdiickt , roelcbe fid] in Deutfdilanb zum Dienft 
berKircbeinTIorbamerika anboten. Dodi traten bann 
aud) aus ben bortigen öemeinben folcbe ein, roeldie ficb 
zu Prebigern ober f ebrern ausbilben laffen toollten. 

£öbe übergab ber Synobe bas Seminar unb 
oerfpradi roeitere kräftige llnterftul^ung. Um nun 
bies neue Seminar - fo redit eine örunbung 
föbe's unb feiner Freunbe - befto reicbüdier mit 

Cid) n er, Cöl)e. c 



Sdiülcrn füllen zu können, coeldie einigermaßen 
vorbereitet unb zum Dienft ber Kirdie tauglid] er= 
funben toaren, ipurbe um biefelbe 3eit (1X46) in 
üurnberg bie fogenannte «TITiffionsDorbe = 
r e i t u n g s a n ft a 1 1» erriditet. Der Begrunber ber= 
felben toar ber Kanbibat Friebrid] Bauer, roeldier 
bamals in Tlürnberg an einer ber polieren Sd]ulen 
bas FImt eines Katecheten bekleibete unb ein be= 
fonberer freunb Eölie's irar Cin ftattlidier Kreis 
Don iniffionsfreunben forgte für bie flerbeifdiaffung 
ber nötigen öelbmittel. Die flnftalt beftanb in 
freier Form bis zum Jabre 1X49, in roeldiem burdi 
bie pon Cöbe b^^rbeigefübrte örünbung ber «öe= 
fellfdiaft für innere Hliffion im Sinne ber lutlieri= 
fcben Kircbe in Bayern»» bas ganze amerikanifdie 
ßilfscperk eine feftere öeftalt bekam. Friebridi 
Bauer(f 1 X74) tourbe zum Infpektor berflnftalt innüm= 
berg beftellt. Die letztere rourbe im Jabre 1853 nach 
Tleuenbettelsau oerlegt unb bilbete oon ba ab bie 
3öglinge meift oöllig oor, flls Illiffionsrcbule — in 
ber IDibmung bes Budies «Der eoangelifcbe öeift= 
lidie»» nennt jie fö!)e eine «Pfianzfcbule» — ipar 
biefelbe mietroeife in bem fiaufe bes Infpektors 
untergebracht, bis fie im Jalire 1X67 ein eigenes 
unbiPürbigesQauserliielt. Cine große Flnzabl tüchtiger 
öeiftlidier ging aus ber Tinftalt beroor unb f öbe konnte 
fid] über beren TDeiterenttuicklung aufrichtig freuen. 
Daß es im Jahre 1X53 auch zu einer fos= 
trennung oon ber Hliffoufifynobe kam, empfanb 



67 rororororor^rora 

niemanb fcbmerzlidier als Tölie felbft. «Im Fanatis= 
mus kirdilidier JITelnungen unb bes Unbankes«, 
wld Eöbe felbft fagtc, l}atten fid] bic eigenen 
Sdiüler toegen feiner letztere zu bierardiifd) bünken= 
ben nnfcbauungen oom kirdilidien fimt, befonbers 
audi Don ber örbination, losgefagt. Die iniffoun= 
fynobe oertrat mehr ben Stanbpunkt einer faien= 
gemeinbe, toeldie ilire (jirten wn\}\t unb orbiniert, 
fölie roies bagegen tlin auf ben göttlidien Faktor, 
roeldier bem kird]lichen nmt unb ber Orbination 
ilire IDeilie gibt, unb liielt an ber göttlidien Be= 
rufung feft, roeldie ben Umtsträger oor ber IDillkur 
ber Cinzelgemeinbe fd)üt?t. In bem Eanbe «aller 
diriftlidien unb kird]lidien Freilieit*» ipar fold] ein 
lüeinungsaustaufcl] nid]ts Seltenes unb eine neuer= 
lid]e Eostrennung nid]ts flbfonberlidies. In bem 
ztDifdien folie unb ber Synobe ausgebrodienen 
febrftreit rourben lange üerbanblungen gepflogen, 
ausgebebnte Korrefponbenzen geführt. £öl}e tuurbe 
zur perfönlidien Prüfung ber Perbältniffe unb munb= 
lidien flusfpradie oon ber Hliffourifynobe einge= 
laben. Da er gerabe in biefer 3eit anberroeitig in 
Tlnfprud] genommen tpar, ipurben ztoei Pertreter 
ber Synobe nadi Deutfdilanb gefanbt, um ben 
«alten, treueften Freunb ber lutlierifdien Kirdie 
Tlorbamerikas, ben berebteften Furbitter berfelben 
tuenn nidit oor Gott, fo bodi bei ben Brubern, In 
roeld]em bie ITIiffourifynobe red)t eigentlid] ibren 
geiftlidien Pater zu oereliren l]abe,»> toieber zu ge« 



roinnen. Inbeffen bie Trennung ließ fid) nict}t auf« 
lialten. es bilbeten ficil anbere Differenzpunkte 
heraus, toenngleidi Cölie unb feine Freunbe biefer 
Perfdiiebenlieit ztpar nid]t bie Bebeutung beilegten, 
baß um ibretCDillen bie Kircliengenieinfd]aft aufge= 
l}oben unb alfo bie Kirdie zerriffen iperben müßte. 
Als aber ber Präfes ber Tlliffourifynobe an ilin bas 
Perlangen ftellte, bas im Jabre 1X52 zu SaginaiD= 
City gegrunbete Sdiullebrerfeminar entroeber ber 
Synobe zu übergeben ober ganz aufzulöfen, fonft 
müßte es als eine fdiismatifdie flnftalt, b, b. eine 
foldie, tpeldie eine Spaltung anrichte, betrachtet 
roerben, ba fab Tobe ein, baß ein frieblidier flus= 
gleich nicht mehr möglich fei, unb ftimmte ber 
Trennung bei. Schmerzlicher noch als bie Eöfung 
oon ber Hliffourifynobe traf ihn bie bamit gegebene 
Tlbfage ber fränkifchen Kolonien in Saginatp=Cöunty. 
In einem oon heiligftem Crnft erfüllten unb in tieffter 
IDehmutgefchriebenenBriefefagteerbiefenöemeinben 
febetpohl. Csroar bamals gerabe feine hochbetagte 
Hluttergeftorben, fo baß er auf fchroarz geränbertes Pa= 
pierfchrieb, nicht bloß beshalb«fonbern auch weil»» - 
fuhr er fort - «biefer Brief eine Art nbfchiebs= unb 
Sterbebrief für mich in einem anberen Sinne ift Be= 
finnt euch, wie es mit ben SaginaiD=Kolonien nach 
unb nach geiporben ift, unb es toirb euch auch ein= 
fallen, ipie nahe mein lierz unb meine Ijanb biefen 
Kolonien geroefen ift. Iieute nimmt nicht mein fjerz,. 
aber meine Ijanb oon ben Kolonien flbfchieb.» 



69 ror^rorarororaro 

5wQ\ Der TIeuenbettelsauer Senbboten — ö. 
öro^mann, cDcldier bas Eebrerfeminar in Saginato 
leitete, unb J. Deinbörfer, Paftor In ber fränkifcben 
Kolonie Frankenliilf — rieten, bie amerikanifdie 
IDirkfamkeit in ben fernen IDeften zu oerlegen. 
föbe ging auf biefen üorfcftlag ein unb gab bie 
TDeifung: «Auf nad] Joroal» So kam es im ök= 
tober 1X53 zur Uberfiebelung öroßmanns unb Dein= 
börfers nadi Joipa, tpo man fieti zuoor nad] einem 
geeigneten Platy zur Tlieberlaffung umgefelien hatte. 
Mit ihnen zogen außer ztuei Seminariften nod) 
eine finzal]! anberer lutlierifdier Cliriften, unter 
roeldien ber örunber ber Kolonie Frankenl}ilf öott= 
lob Amman fidi befanb. Unter oiel Illulien unb 
Cntbebrungen oollzog fid) bie Tlieberlaffung. öro|^~ 
mann kam balb zu ber Überzeugung, ba|^ Dubuque, 
eine Stabt am Tlliffiffippi, ber paffenbe ort für bas 
Seminar fei, oon too aus audi bas Tlet? bes CDan= 
geliums nadi oerfd)iebenen Seiten hin ausgeroorfen 
roerben könne, tuährenb Deinbörfer mit fimman 
Clayton = County als geeigneten Punkt für eine 
Flnfiebelung hielten. Diefe Tlieberlaffung rrurbe 
nadi bem öottesboten, ber in alten 3eiten bas 
Coangelium in bie öegenb oon Tlürnberg bradite, 
St. Sebalb benannt. 

Das Cehrerfeminar, toeldies zuerft in Hliete, 
bann in einem eigenen f]eim zu Dubuque (jetft 
befinbet fidi an ber Stelle Pfarr= unb Sdiulhaus 
ber St. Johannisgemeinbe) untergebradit tpar, — 



bie öefellfdiaft für Innere Tlliffion im Sinne Der 
luttierifdien Kirdie in Bayern madite es ber Sy= 
nobe im Jal}re 1X55 zum öefdienk - ipurbe als= 
balb in ein Prebigerfeminar umgeiranbelt. Da fict] 
ber Unterl}alt in einer Stabt zu teuer ftellte, tpurbe 
bie flnftalt in ben Bereidi ber öemeinbe zu St. 
Sebalb oerlegt. Dort cpurbe eine Farm angekauft 
unb ein zroeiftöckiges öebäube aufgeführt toeldies 
im Jal}re 1X57 am Reformationsfeft als Seminar« 
gebäube eingeroeilit ipurbe. Dasfelbe erhielt ben 
bebeutfamen Hamen: «lDartburg=Seminar», hierüber 
bieß es im «Kirdienblatt» : «Das Seminar ftebt auf 
einer Unböbe, auf bem bödiften Punkt in ber 
ganzen Umgebung; gegen Suben unb nodi mebr 
gegen IDeften breitet fidi zu feinen fußen eine 
ipeite, oiele Hleilen betragenbe Prärie aus unb 
malint fo bas liaus auf feiner f]öl]e, mit feinem 
gen liimmel ragenben Kreuze toeitbin fiditbar, alle/ 
bie in feine Habe kommen, bie lierzen oon ber 
Crbe bimmelipärts zu kebren. . . . IDie roir nun 
am Dank= unb freubenfeft bes billigen IPerkes 
ber Reformation unfere TInftalt ganz in öottes 
fijänbe nieberlegten, luie ber TIame <*lPartburg»> uns 
immer mabnt fo oerleib uns öott ba(^ fie je mebr 
unb mebr eine fefte Burg coerbe, barinnen tapfere 
Streiter Jefu gebilbet cperben, bie mannbaft ibres 
Qerrn Kriege fübren unb allezeit toacbenb balten 
ob bem Kleinob unferer Kirdie, bem teuren Be= 
kenntnis unb beiligen Crbe unferer Pater.»» Im 



£aufe Der Jalire eripiefen fidl bie Raumlidibciten 
zu klein unb ein Tleubau erfdiien bringenb not= 
ipenbig. Der Synobe ipurbe in Hlenbota (Illinois) 
um oerbältnismäl^ig billigen Preis ein größeres 
leer fte^enbes Tlnftaltsgebäube angeboten. Jüan ent= 
fdiloj? fiel] zum Rnkauf unb im Jaljre 1S74 l]ielt 
bas Seminar in bem neu liergeriditeten Bau feinen 
einzug, bis bann im Jalire 1SS9 bie flnftalt, cDeldie 
fidi immer melir oergroßerte, in Dubuque ein 
abermals größeres (jeim fanb. Das Seminar war 
nun ipieber, wo es zuerft getpefen. In ben Beginn 
ber fediziger Jahre fiel bereits ber finfang bes 
lUartburg=Kollegium, einer Art Porfdiule für bas 
Prebigerfeminar, tpelcfjes aber zugleidi jungen 
feuten uberliaupt eine allgemeine bösere Bilbung 
im diriftlidien Sinne oermittelt. 3u biefen beiben 
Celjranftalten gefeilte fidi bann im Ijerbft 1S7X 
ein lDartburg=rel}rerfeminar zur üusbilbung oon 
öemeinbefdiullebrern. 

3ipei kleine öemeinben — bie St. Jol]annis= 
gemeinbe in Dubuque, bie St. Sebalbusgemeinbe 
in Clayton - batten fidi gebilbet. nis bann im 
Jabre ]X54 aus ber Tlfiffionsanftalt zw2\ lueitere 
Arbeiter nadigefanbt ipurben unb bas Sdiullel]rer= 
feminar in ein Prebigerfeminar umgeiuanbelt toorben 
n7ar, glaubte' man, zu einer fynobalen örgani« 
fation fdireiten zu können, üier Bruber (6. eroß= 
mann, J. Deinbörfer, S. fritfcbel unb HI. Sdiüller) 
toaren es, ipelcbe am 24. Auguft 1E54 im Pfarr* 



72 rorardrororaroTQ 

baufe zu St. Sebalb bie eoangeUfd) = lutt]c = 
rifdieSynobe oon Joroa grunbeten. £öl}e fdirieb 
Don il]r in einem fluffat? in ben kirdilidien MU 
teilungen fünf Jalire fpäter: «Die Tlbfidit bes Da= 
feins ber Joirafynobe ift keine anbere als unfere 
eigene Richtung eines auf alter Bafis immer doII= 
ftänbiger [läf) erbauenben, immer fegensreidier 
roirkenben futbertums in flmerika zu repräfen= 
tieren. fern oon amerikanifdier Boxerei unb Klopf= 
fectjterei, im Beroufitfein einer IDalirbeit, bie nicht 
zu übertuinben ift ftark in ber Tbefis, gebulbig 
gegen Cxtraoaganzen anberer lutherifdier Ricli= 
tungen, foll fie berufen, fammeln unb erleuchten, 
mas öott ber Ijerr ihr gibt.« «Die Synobe,« fuhrt 
Deinbörfer aus, «ftellte fich bei ihrer örunbung 
auf bas ganze IDort öottes Alten unb TTeuen Tefta= 
ments unb auf bas ganze Bekenntnis ber eoan= 
gelifch=lutherifchen Kirche, roie es im Konkorbien= 
buch Dom lahre 15X0 niebergelegt ift, iporauf jebe 
lutherifche Synobe ftehen muß, bie biefen Hamen 
mit Recht tragen roill. IDas bie lutherifche Kirche 
in ihren Bekenntnisfchriften als ihren Glauben in 
ben oerfchiebenen Artikeln gegenüber allerlei Irr= 
tümern aus öottes klarem IDort bekennt unb lehrt, 
bas roollte auch fie bekennen unb lehren. Da= 
gegen trollte fleh bie Synobe keine zweifelhaften 
Cehrmeinungen, über roelche fich bie Gelehrten 
ftritten unb ftreiten, als Glaubenslehren aufbringen 
taffen unb oon ihrer Annahme bie Kirchengemein= 



fdiaft abliängig madien, trie man es in ber 
niiffourifynobe erfahren batte. Unb nadi bem 
aus eottes klarem IDortc gcfcböpftcn Bekenntnis 
ber lutlierifcöen Kirdie follte nidit allein gelehrt 
fonbern aud] gelebt unb geöanbelt iperben. Die 
eemeinben, roeldie gefammelt kirdilid] oerforgt unb 
In bie eiiebfdiaft aufgenommen toerben roollten, 
füllten auf biefem örunbe ftelien, unb nur foldie 
eiieber, roeldie bem Bekenntnis ber lutöerifdjen 
Kirdie ergeben roaren ober basfelbe aus Uber= 
Zeugung annahmen, follten in bie öemeinben auf= 
genommen toerben. In ben öemeinben follte nadi 
bem IDort bes ßerrn audi 3udit gegenüber ungött= 
lidiem £eben unb Treiben geübt unb infonberlieit 
foldie eiieber, tDeldie in Ungeliorfam gegen öottes 
IDort unb Gebot fielen unb bies nidit buj^fertig er= 
kennen unb abtun toollten, oom lieiligen Ilbenbmalil 
fern gelialten unb fdiließlidi nadi Tllattli. IX, 15-18 
oon ber öemeinbe ausgefdiloffen iperben.» 

Cölie unb feine öetreuen, roie Fr. Bauer, fr. 
IDudierer, eb. Stirner, konnten mit biefer TIeuge= 
ftaltung zufrieben fein. Denn bie einmal in Segen 
begonnene IDirkfamkeit in flmerika aufzugeben, 
roer liätte fidi bazu ernftlidi entfdiließen können? 
In bem großen Eanbe gab es neben ber iniffourt= 
fynobe Raum genug zu miffionierenber Arbeit, 
tDurbe bodi bie 3alil ber kirdilidi nodi unoerforgten 
eiaubensgenoffen burdi bie fortgelienbe einroan^ 
berung aus Deutfdilanb immer größer, «^s irar 



ein armfeliger Anfang - ber Unfang biefer Synobe« 
- l}elßt es in bem großen IDerke: «öefdiidite ber 
eDangel.=lutli. Synobe von Joira u. a. Staaten.» - 
»Die oier TTIänner iparen nodi jung unb unerfahren 
in ber Arbeit bie oor il)nen lag; ilire erfahrenen, 
gereiften freunbe roaren in toeiter Ferne unb 
i^onnten ihnen toenig raten. Sie hatten ein Semi= 
nar, aber keine eigene fjeimat bafur unb keine 
mittel zur Crftaltung besfelben. öemeinben tuaren 
erft CDenige oorlianben, anbere ipenige erft im 
IDerben. IDenn bies geringe Samenkorn bennod) 
zu einem Baume fterangeroadifen ift unter oielen 
IPiberroärtigkeiten unb Stürmen, ber feine flfte unb 
3ipeige jetft ausbreitet fo gebülirt um fo melir bem 
lierrn allein Cbre unb Preis.« Im Jalire 1X64, als 
bie Synobaloerfammlung in St Sebalb tagte unb 
zugleich bie Feier bes zehnjährigen Beftanbes ber 
Synobe beging, zählte biefe bereits 42 öeiftliche, 
Profefforen unb TUiffionare unb um 60 öemeinben, 
unb ein Jahr nach Eohe'sTob roaren in berfelben oer= 
einigt 100 öeiftliche unb über 150 öemeinben. Cs 
tpar alles auf ölauben gebaut roorben, aber bk 
lioffnung lie|^ auch hier nicht zufcbanben roerben. 
Durch heiße TInfangsnöte roaren bie beiben erften 
öemeinben hinburchgegangen. Cohe trug bas neue 
IDerk auf betenbem l]erzen unb teilte auch hier 
reblich bie materiellen Tlote unb Sorgen. «IDir finb 
immer bie firmen oon Cyon», fagte er ipoht «ein armes 
IDaffer Siloah. IDenn ber ßerr uns nicht fegnen 



ipollte, cDurben wir gar oertrocknen.« Cs gelang 
ilim Immer toieber, bie öemeinben für bie Sadie 
zu begeiftern, junge Ceute in ber Uliffionsarbeit 
Ijeranbilben zu laffen unb nadi Amerika auszu= 
fenben. öline Eölie unb bie eefellfdiaft für innere 
miffion im Sinne ber lutberifcben Kirdie in Bayern 
iDürbe bie Joroafynobe nidit fo rafd) zu ilirer nun= 
melirigen öröfie unb Bebeutung enradifen fein. 
Um ihres Urfprunges roillen trägt bie Synobe nodi 
il)ren Tlamen oon bem Staate Joroa, roietDolil fie 
inzroifcben in einer ganzen Reibe oon Staaten öe= 
meinben gefammelt unb außer in ben roeftlidien 
Staaten floroa, Illinois u. a.) namentlidi aud] im 
öften (inidiigan, öliio u. a.) feften fuß gefaßt liat. 
Im lalire 1866 burfte Cofte bas fünfunb= 
zroanzigjälirige Jubiläum ber amerikanifcben TTlif^ 
fionstätigkeit feiern. Cr tat bies am 20. S. n. Ir. 
aus Anlaß bes eoangeliums (Hlattli. 22, 1 -- 14). So 
felir er fidi über ben gefegneten Fortgang ber 
Jotoafynobe freuen konnte, fo blieb es ibm bodi 
ein brennenber Sdimerz, baß bie Hliffourifynobe 
oon ilim fidi abgeroanbt hatte. Der öebanke baran 
zog fid] «tpie ein Ton ber lOehmut aud] burd) 
feine feftprebigt unb feftrebe am Tfadimittag bes 
gleidien Sonntags burdi.« TDar freilidi nidit alles 
erreidit, mandies fogar mißlungen, ein Segensroerk 
cDar bodi oollbradit, bas zu Coben unb Danken 
genug Anlaß bot. Unter öottes gnäbiger Durdi= 
hilfe roar erreidit bas, roas Cobe unb feine freunbe 



76 rararoror^raroro 

Ginft zur Furforge für bie luttierifcbcn Deutfdien in 
Tlorbamerika Gntflamtnt liatte, unb bcm er am 
Sdiluffe ber erroäljnten feftrebe flusbruck oerliel) 
in ben IDorten: «IDas aber bas Herrlidifte Ift 
immer nodi geben bie Boten mit bem Coangelium 
eines eipigen friebens in bie IDälber flmerii^as, 
immer nodi iperben hk 3erftreuten gefammelt, 
öemeinben gegrünbet Kinber getauft unb unter= 
riditet, Sterbenbe getröftet — ber Segen bes IDorts 
unb ber Sakramente ift geblieben. Piele finb von 
unfern Senblingen auf bie IDege bes Friebens ge= 
fülirt cDorben, nicht bloß für Jefum, fonbern audi 
für ein kirdiüdies öemeinroefen auf Crben ge= 
iponnen toorben. Die ftille Tätigkeit bes anfangs 
ift nodi ba, fie ift bas einzige, toas nodi geblieben 
ift unb fie cpirb fortgefet?t roerben unb gefegnet 
bleiben, unb um ibretirillen mit ben reidiften 
Früditen gekrönt baben roir beute Redit unb Pflidit 
zu jubilieren. Ilidits ift gegangen, ipie irir CDoUten, 
aber alles ift fo gegangen, baß Jjeil unb Segen uns 
mitgefolgt ift bis auf biefe Stunbe, unb baß ber 
fierr oon bem IPerk unferer Hänbe feine ßanb 
nidit abgezogen bat» TTIan tuirb Eöbe's Furforge 
für bie lutberifdien Deutfdien in Tlorbamerika obne 
3roeifel «ein kirdiengefdiiditlidi bodibebeutfames 
Stud^ feiner Eebensarbeit» nennen bürfen, in roeldiem 
fein Tiame fortlebt bis auf biefen Tag. 



5* Kotonifatfon unD Inbianermifffon. 

IDie bereits angebeutet, befdiränkte fictl föl}e 

nidit auf bk Fürforge für bie eoangelifdien 

Deutfdien in Tlorbamerika, fonbern begann im 

3ufammenliang bamit bas TDerk ber Kolonifa= 

tion. Überall in beutfdien Canben madite fidi um bie 

niitte bes 19. Jalirliunberts eine große IDanberluft 

über ben Ozean bemerkbar; aud) in ben fränkifdjen 

öegenben Bayerns zeigte fidi unter ber länblidien Be= 

oölkerung foldi ein IDanbertrieb in b\2 neue IPelt. 

Eöiie erblickte in biefer flusiranberung eine IDoliitat 

für bie Polksgenoffen, roeldie im eigenen Uaterlanb 

kein PorcDärtskommen finben konnten ober einem 

fozialen unb fittlidien Clenb zufteuerten. In einer 

im laöre 1849 erfdiienenen Brofdiüre über bie 

fränkifdien ITieberlaffungen in Saginaip=County 

fdirieb er: «Piele Taufenbe oon armen Deutfdien 

oerfallen babeim bem Proletariat. Cs ift für Per= 

eine toie Staaten unmöglidi, bie fdired^üd) an= 

ipadifenbe Perarmung zu bämpfen ober audi nur 

aufzubauen.« Da burd] bk bamalige öefet?gebung 

ber ärmeren Beoölkerung bie Cbefdiließung febr 

erfdiroert roar, batte bk Hrmut bebenklidje fittlidie 

öefabren zur Folge, beren Befeitigung nadi föbe's 

Rnfdiauung burd) eine riditige Kolonifation ipefent= 

lidi erleiditert rourbe. «Kolonifation unb ?lus= 



tpanberung*», betonte er, «finb fo alt ipie bie IDelt, 
unb es ift beibes, kurzfiditig unb oergeblidi, il}nen 
3iel unb Cnbe fet?en zu roollen. ITIan fuge fidi 
in ööttes fugung, aber man fet?e bie Kinber bes 
Canbes nidit aus, man laffe fie unter flirten unb 
Seelforgern in bie neue Ijeimat ziel}en.»> Bei biefen 
flusroanberungen hatte nämlid] f ölie eine zipei= 
fad]e Sorge, einmal, ba|^ bie flusroanberer ilirer 
einlieimifdien Kirdie nidit oerloren gingen, fobann 
bau ^^r lieimatlidie Sinn nidit inmittten oon fremb= 
fpradilidier Umgebung erfturbe. Cr toarnte barum 
oor einer 3erftreuung ber flnfiebler unb begünftigte 
beren gemeinfame Tlieberlaffung. Huf feine flnre= 
gungen Iiin ipurben fo in lüidiigan am SaginatD= 
fluß eine Reilie oon lutlierifdien Kolonien gegrun= 
bet, beren Hamen, n7ie frankenmut, Frankentroft, 
Frankenluft, Frankenfiilf bie BetDobner an ilire 
alte lieimat erinnern follten. IDar ibm bie geift= 
lidie Derforgung im Sinne ber einlieimifdien Kirdie 
befonbers am ßerzen gelegen, fo roar biefelbe 
burdi bie Perbinbung mit ber ITIiffourifynobe, 
ipeldier bie Heuenbettelsauer Senblinge fidi bamals 
anfdiloffen, gefidiert. föbe batte bamit eine Urt 
Kolonialpolitik in bie IDege geleitet. Cr badite 
fogar an bie Stiftung eines ipanbernben, im Dienfte 
ber Kolonifation ftebenben Kapitals. «TFIit bem= 
felben follte immer ein zufammenbängenber Canb« 
komplex in ber Habe ber jecoeils beftebenben 
Kolonie angekauft unb an eine öefellfdiaft lutberi= 



79 r^rcsr^rarsarorcjfo 

fdier Rusroanberer oerkauft toerben. Beim Perbauf 
bes Canbes an Unfiebler roollte man auf jeben Hcre 
einen kleinen Ruffdiag iegen, um baburdi bie 
Kapitalzinfen unb eine kleine Tlbzalilungsrate zu 
getpinnen.*» Cin Kapital tourbe aufgebradit, audi 
Plätze zu neuen flnfiebelungen rourben angekauft. 
Tiber bie öeringfügigkeit ber zu öebote ftelienben 
lüittel zog bem öebanken befcöeibene Grenzen. 
IDer coeiß, ob biefe Beftrebungen nidit von roeit= 
tragenben Folgen begleitet gecoefen roaren, coenn 
nidjt balb barauf tl2 Kolonien oon ITeuenbettelsau 
fidi losgefagt hätten, nadibem tk THiffiourifynobe 
ilire Perbinbung mit Cöbe aufgetioben hatte. llm= 
fonft tDaren bie Bemühungen nicht geroefen. Auf 
bem ganzen Unternehmen lag ztueifellos ein gött= 
lidier Segen unb «bas kleine Kolonifationskapital, 
roeldies nie höher als auf 3000 rhein. öulben fleh 
belief, hat im Eeiblichen unb öeiftlidien reichliche 
3infen getragen.»» 3um letztenmal rourbe basfelbe 
fluffig gemacht im Jahre 1X52 zur Errichtung eines 
**Pilgerhaufes»» in SaginacD=City, welches föhe als 
Bergungsort für bie ankommenben flusroanberer 
bis zur feften Unfieblung unb als 3ufluchtsftation 
für Kranke fich bachte. Als folches ipurbe basfelbe 
oon keiner großen Bebeutung mehr, roohl aber ipurbe 
es bie öeburtsftätte ber Joroafy nobe, roeil in bem Pilger= 
haus auch bas erfte beutfch^lutherifche «Schullehrer= 
feminar«* untergebracht roar, tuelches ben letzten 
flnftoß zur Coslöfung oon ber ITIiffourifynobe gab. 



Jebenfalls zeigte fidi audi öier Cöbe's ganze 
Originalität, tpie feine organifatonTdie Begabung. 
futl}erifcl]=kirclilicber Sinn unb beutfäi^nationales 
Denken vereinigten fidi l}ier in feiner Perfon. Unb 
jene IDorte, mit ipelclien er im Jalire 1E45 bie 
beutfdien ölaubensgenoffen in ITorbamerika mahnte, 
audi in ber neuen IDelt bie alten guten beutfdien 
Sitten zu pflegen unb zu toaliren, oerbienen immer 
ipieber aus ber üergeffenl}eit gezogen zu werben: 
«ll}r feib Deutfcfte. Cine (diöne Sprache babt ibr 
über ben Ozean gerettet. Im öeirirr ber Sprachen, 
bie man jenfeits fpridit, ift keine fcböner. Behaltet, 
roas ihr habtl Ihr habt burch öottes önabe bas 
gute Teil. . . . Cure Sprache ift neben Curer Kirche 
euer größtes Kleinob, bas Ihr in bie IDuftenei 
Curer IDälber mit hinübergenommen habt. Uber= 
legt iPohU roas Ihr oerlieret, roenn Ihr biefe eble 
öabe Cures öottes unbankbar bahin roerfetl IDir 
ipollen es Cuch mit großen Buchftaben oor flugen 
malen. ITlit Curer Spradie oerliert Ihr Cure 6e= 
fd]ichte, bamit bas leiditefte Perftänbnis ber Re= 
formation, bamit bas leiditefte üerftänbnis ber 
wahren Kirche öottes, ferner Cure tnunberfdiöne 
beutfdie Bibel, Cure Cieber, bie bis in ben liimmel 
roiberklingen, Cure Katechismen, bie ihresgleidien 
nidit haben, Cure Poftillen, bie fo herzlidi finb, 
Cure Crbauungsbudier, bie -fo kinblidi beten, Cure 
ganze heimatliche Citeratur, bie geiftlidie unb jebe 
anbere, enblidi Curer Pater Sinn unb Urt, ja audi 



bie nditung biesfeits unb jenfeits bei ben 3eit= 
genoffen ; benn ber ift tDalirlidi keiner Rditung ipert, 
ber feine Crftgeburt für ein Cinfengeridit ba^ingibt 
— Darum behaltet, tuas ihr babet 1 Behaltet es für 
Cud] unb Cure Kinberl Ergebet cpeber Cud], nod} 
Cure Kinber ben fremben Hationen! In Cuern 
Käufern, in Cuern Dörfern, in Cuern Stäbten, in Cuern 
Sdiulen, in Cuern Kirdien, in Cuern Synoben lebe 
unb berrfdie bie beutfdie Sprache Curer beutfcben 
Kirche, bas befte IDort bes beften Sinns, ber fchönfte 
faut zum ebelften öebanken. ferne aber bleibe 
von Cuch bie Strafe, bk fich an Verachtung Curer 
ITIutterfprache knöpft. Denn tpahrlich, ein Deutfcher, 
ber nicht beutfch ift, ift ein geftrafter JTIann auf Crben, 
toeil ihm alle Prioilegien, bie ihm öott oor ben 
Tlationen aus önaben gab, entipenbet unb — mit 
nichts erftattet irerben!« Fürn7ahr, iras ein 
beutfcher f utheraner an feiner beutfch=eoangelifchen 
Kirche hat, kann es beffer, kann es hcrzanbringen= 
ber gefagt toerben?; 

«Innere TTliffion fuhrt zur äußeren,« fchrieb 
föhe im erften Jahrgang ber «Kirchlichen Illit= 
teilungen aus unb über Tlorbamerika*». Die Kolo= 
nifation foUte zugleich eine Brücke für bie Q ei ben = 
miffion luerben. Das roar ein weiterer öefidits= 
punkt, unter toelchem Cöhe bas Kolonialunternehmen 
betrachtete. Urfprünglich ftanb fogar ber Kolonie 
fationsgebanke ganz im Dienft ber lieibenmiffion. 
Die öegenben, in toelchen bie fränkifchen Bauern fich 

eidjncr, Cötje. 5 



nieberließen, coaren oon Inbianerftämmen zum Teil 

becDolint ober roenigftens umtDolint. Die Koloniften 

tiatten als Cl}riften barum bie Pflidit biefen Heiben ein 

Segen zuirerben. Daß fid] auch liier fränkifcl]e£anbs= 

leute fanben, ipeldie biefes IDerk in Flngriff nahmen, 

hat ipolil nidit minber feinen örunb in ber gei(tesge= 

roaltigen Perfönlidikeit iCölie's. So ipurbe benn bie 

Kolonie «Frankenmut» ber Ausgangs^ unb niittel= 

punkt ber neuen lüiffionsunternebmung. Dorthin 

roaren aus Franken flustoanberer gezogen, geleitet 

oon Paftor Crämer. Saq. fi^^belten fidi im Jalire 1845 

in SaginaiP=County an. llirer Tüelirzalil nadi geift= 

lidie Kinber Cölie's, erhoben fi^ Rd], ipas diriftlidie 

unb kirdilidie öefinnung anlangte, bebeutenb über 

ben religiöfen Stanbpunkt ber großen ITlaffe ber 

flustpanberer, fo baß Eolie in einem Briefe an fie 

fagen konnte : «THeine teuren Kinber, bie \^ jalire= 

lang mit Mild] unb füßer Koft, ja audi mit ber 

Speife ber Cripadjfenen genährt habe. Il]r feib 

mein Brief an bie lieiben.» fin ihrem perfönlidien 

Chriftencpanbel unb gottesbienftlidien Teben follten 

bie heibnifdien Inbianer mit flugen fdiauen können, 

«roie fdiön unb gut es bei Jefu fei». £öl]e hatte 

ihnen eine eigens oerfaßte Kirdienorbnung mitge= 

geben. 3ipei ölod^en aus ber lieimat zierten als= 

balb bie gottesbienftlidie Stätte, eine Sdiule für 

Inbianerkinber cDurbe erriditet. Die Kolonie ent= 

ipid^elte fidi unter Gottes Segen unb zählte balb 

aus ben Inbianern Taufbeirerber. Das Hliffions^ 



W2vk cDurbe ausgebclint unb als (lilfskraft bcr 
Dresbner ITliffionar Baierlein gcroorbcn. ITIitten 
unter ben Inbianern tat letzterer feine. Arbeit, eine 
eigene niiffionsftation, «Bethanien»» genannt, entftanb, 
Baierlein rourbe auf ein anberes lüiffionsfelb nadi 
öftinbien abberufen. Die Hadifolger arbeiteten 
treulid] roeiter. IDeitere Stationen traten ins f eben. 
Dodi fielen biefelben allmäblicii roieber ab. nud) 
bie TTIiffionsftation in Bethanien batte nict]t mebr 
lange Beftanb. Die Inbiäner ipurben oon ber 
Regierung genötigt toeiter zu ziehen, ipo fie fidi 
bann leiber zerftreuten, fo baj^ bie Arbeit an ibnen 
nid]t fortgefet?t ererben konnte. 

Trot^bem gab £öbe bie [joffnung nidit auf, 
anberipärts eine offene Tur zu ben Inbianern zu 
finben. Die Joirafynobe follte bie in Hlicbigan ein= 
geftellte ITliffionstätigkeit unter ben Inbianern toieber 
aufnebmen. Cs gelang, am PöCDber=RiDer eine Station 
zu grünben. Der eoangelifdi=lutberifciie miffions« 
oerein in Bayern bot bilfreidie fjanb, inbem er zur 
Unterftütfung bes Unternebmens nidit unbeträditlidie 
öelbmittel fpenbete. ITliffionar Bräuninger, toeldier 
bortbin abgefanbt roorben toar, tourbe jebodi am 
23. Juli 1860 meucbiings oon Inbianern ermorbet. Die 
Station tourbe aufgehoben, fln ber Deer Creek 
ipurbe ein neuer üerfudi gemacht, bas IDerk 
ber lüiffion zu betreiben. Die Arbeit fehlen zu ge= 
beihen. Da begannen fdion im lahre 1862 b\2 
Inbianeraufftänbe unb bebrohten auch bas neue 

6* 



mifliönsunternelirnen. ITIit bem flusbrud) bcs 
amerikanifdien Bürgerkrieges geriet bas ganze 
IDerk ber Inbianermiffion Dollenbs ins IPanken. 
Die roeiße Beoölkerung mußte bie Inbianergebiete 
oerlaffen, roeil biefelben oon militärifdiem Sdjutf ent= 
blößt !Paren. Die ITIiffionare liarrten zirar in großer 
öefal}r aus. Aber balb mußten fie, oon ibren 
eigenen feuten getoarnt fid} zu eiliger Flucht 
entfdiließen. Unb mit ber Tlliffionsarbeit cDar es 
zu Cnbe. Cöl)e tpar mit umpiberftebliciier Illadit 
bazu getrieben tporben, «einem fterbenben üolk 
mit ber Fackel bes Coangeliums lieimzuleuditen 
zum etpigen Ceben.»> Cs mar Saatzeit geroefen. 
Das Felb mürbe nicht reif zur Crnte. «Die 
Frucht blieb nicht.« Die Joroafynöbe, \Az \\^ unter= 
ftutfenben Freunbe in Bayern, bie TFIiffionare, roelche 
oiele Tlöte unb Befchmerben ertragen haben, hatten 
getan, roas fie konnten. Jebenfalls ift um menig 
Ijeibenoölker oon ber TTfiffion mit fo marmer, an= 
bauernber fiebe geroorben roorben als um \Äz 
Inbianer Jlorbamerikas. 



6. Die eefelirctjaft für Innere nTiffion 

im Sinne Der lutfierifdien Kirci)e unb 

5er luttierifctie Uerein für tpeiblf ct}e Diakonie« 

Sdion in ben erften Jahren Der Amtstätigkeit 
ftanben bem fpätercn Pfarrer oon Tleuenbettelsau 
freunbe zur Seite, coeldie fidl non ber öetoalt 
feiner Perfönlidikeit angezogen fülilten unb für bie 
Peripirklidiung feiner öebanken fidi begeiftern ließen, 
nn foldi' treuen geifern l}at es £öl]e ipälirenb feiner 
ganzen geiftlidien IDirkfamkeit nidit gefehlt.*) Cine 
größere flnzal}! feiner öönner unb Freunbe fdiloß 



*) Hus ber Reil]e ber ITIitarbeiter ocrbicnen neben ben 
im Cebensbilb bereits genannten befonbers Ijeroorgeljoben zu 
werben : Oberappellrat Freiherr eottlieboonTudierCf 1877); 
füblte fidi frühzeitig oon Cöhe angezogen unb ipurbe burdi ibn 
auf bie Balin bes Bekenntniffes geftellt; bebeutenber Kenner ber 
kird]liclien Tonkunft; mannhafter Vertreter ber Richtung följe's 
auf ber eeneralfynobe 1849; Tüitbegrünber bes Diakoniffenliaufes 
unb niagbalenenafyles in Jllündicn; feine eble öattin Tbekia geb. 
oon öemmingen. — Bezirksgeriditsrat Friebrid] Qommel 
(f 1892); lieroorragenber fjymnolög; fdienkte bem Diaköniffen= 
l)aufe ben 3. Teil bes «l]ausbud)es»; oerblent um bie Pflege bes 
Pfalmenfingens in ber flnftalt; feine treffliche öattin Tlierefe geb. 
Cicfdiing. — öeriditsbirektör Hit (f 1874); roeldier burd] faft 
20 Jal)rc bas Redinungsroefen ber flnjtalt mit liingebenber 
Treue führte. 



fidi im Jaftre 1X49 zufammcn in ber «öefellfdiaft 
für innere lüiffion im Sinne ber Iutlie = 
rifcl]en Kir die in Bayern.» Die formlidie Kon= 
ftituierung erfolgte im Jabre 1X50. Die Cntfteliung ift 
auf bieim labre 1E4X burd] IDidiern, ben Begrünber 
ber inneren Tlliffion, gegebenen Anregungen zurüd^zu= 
fuliren, ftanb aber oon ünfang an, ipenn audi nidjt 
in beipul^tem öegenfat?, fo bod) als Ergänzung zu 
benfelben. «IDir konnten«, fo fdirieb fölie im Jalire 
1X56, «mitbem konfeffionslofen Stanb biefer inneren 
niiffion nidjt ubereinftimmen. lOir ipollten nid]t 
mit biefem Strom \Az Flut ber guten IDerke in bie 
Kirdie einftrömen laffen, fonbern uns an bie Pforten 
[teilen unb il}m ipomoglidi eine konfeffionelle Balin 
tpeifen.»* Sdion im erften Jaliresberidit ber öefell= 
fdiaft kennzeidinete Cöl}e Aufgabe unb Stellung ber 
Uereinigung mit ben IDorten: «Das, toas fie lieut= 
zutage innere lüiffion nennen, ftat eben feine Stufen 
unb Grenzen. Cs ift ipie mit ben konzentrifdien 
Kreifen, roie mit ben IDellen, bie ein fallenber Stein 
im Teidie bilbet. Da ift ein toeitefter Kreis: er Ijeißt 
menfdilid); ein engerer zweiter, ber Ijeißt d]riftlid] ; 
unb ein britter engfter, ber bellet kirdilidi. Unb im 
3entrum oon allen ift Jefus, ber nad] bem Maße 
ber Cmpfänglidikeit aller feine Strablen in alle 
Kreife fdiid^t, Strablen ber önabe unb bes Segens. 
Steuere bem Bettel, baß ift menfdilidi unb nid)t 
roiberdiriftlid]. liilf allen Kranken unb roeife fie 
zum Qeilanb, es ift diriftüd}. Tiber oergiß nid)t. 



ba(? bas Ci}riftlidie in feiner Pollenbung zum Kircli= 
lidien n7irb, unb ba(^, toenn bu mit allen Hlenfdien 
burdi ein allgemeines Banb, mit allen Cliriften 
burdi bas Banb ber Taufe oerbunben bift, biet) 
niditsbeftoipeniger bas engfte unb oollkommenfte 
Banb mit benen einigt, mit roelciien bu ben Ceib 
unb bas Blut bes fjerrn genießeft, in ber nbenb= 
mablsgemeinfdiaft ftel}ft unb Clirifti Hlenfdilieit um= 
faffeft.»> TTIan wollte innere Tlliffion treiben nicht 
auf Koften ber lutberifdien Kirdie, fonbern im Sinne 
ber lutberifdien Kirdie. So entftanb bie öefellfdiaft 
beren geiftiger lüittelpunkt £ölie blieb, aud} roenn 
er im Jahre 1860 mit Kuckfidit auf anbertoeitige 
Inanfprudinalime bie öbmannfchaft an ben JIIit= 
begrunber Pfarrer Fr. IDudierer (geft. 1X81 zu 
flha) abgetreten hatte. Die Intereffen ber öefell= 
fcftaft oertrat anfänglich ein Korrefponbenzblatt, an 
beffen Stelle 1867 «freimunbs Kirchlich=Politifches 
IDochenblatt für Stabt unb Tanb» trat. 

Die öefellfchaft eignete fich befonbers oier 
Arbeitsgebiete an: 1. innere ITliffion burch Prebiger 
unb Eehrer unter ben oerlaffenen ölaubensgenoffen; 

2. innere TTIiffion burch Perbreitung oon Schriften; 

3. innere ITliffion burch Fürforge für bie austDan= 
bernben ölaubensgenoffen unb für lutherifche 
Kolonifation; 4. innere Tlliffion burch Abhilfe lokaler 
Ubelftänbe bes geiftigen unb geiftlichen febens. 
Bekenntnistreue unb unanftößiger febenstoanbel 
ipar Bebingung für bie 3ugehörigkeit. Tn fokal=, 



Diftnkts= unb Bczirksocrdncn fd]loffen ficil bie 
eiiebcr berfelben zufammen. IDar bie 3at]! ber= 
felbcn oerl}ältnismä(?ig nidit zu groß, fo roar dirift» 
Ijdie unb kird]lld]e Keife berfelben beren l]eroor= 
tretenbes lüerkmaK öeiftlidie unb Tliditgeiftlidie, 
befonbers fanbleute in einzelnen öemeinben bes 
nitmül]ltales, bes Riefes, audi öberfrankens bilbe« 
fen bie Beftanbtelle. BW alljäbrlidien Perfammlungen 
gaben öelegenljeit zur flusfpradie über brennenbe 
kirdilidie Fragen; hier entiPickelte Eölie immer 
zuerft bie il}n beiregenben großen öebanken unb 
fanb aufmerkfame Ijörer foroie billige lielfer. Ja, 
llätte er nidit hinter fid) biefe Getreuen getDußt, 
roeldie fidi in ber öefellfctjaft zufammenfd]loffen, 
iper roeiß, ob er für bie Crlialtung beutfdi=lutl}e= 
rifdi=kirdiliclien IDefens in Tlorbamerika fo Diel zu= 
roege gebracht hätte, unb ob bie üerbreitung gläubiger 
Traktate unb Schriften in fo ausgebehntem Tllaße 
erfolgt cDäre. 

Der anbere freunbeskreis, in welchem Cöhe 
befonberes Perftänbnis für feine bahnbrechenben 
Diakoniebeftrebungen fanb, fdjloß fich zufammen 
in bem «lutherifchen Derein für meibliche 
Diakonie in Bayern», toelcheram IS.lRärz 1X54 
auf örunb ber oorgelegten Satzungen oon ber Kgl. 
Regie ung genehmigt ipurbe. Die örünbung ipurbe 
oeranlaßt burch bie im Jahre 1X53 oeröffentlichten 
«Bebenken über roeibliche Diakonie innerhalb ber 
protcftantifchen Kirche Bayerns, infonberheit über 



X9 

zu crriditenbe Diakoniffcnanftalten». Tn bcnfelbcn 
roies £ö\)2 zunädift barauf bin, wW fdion anent= 
halben Frauen, bem natürlidien Drang folgenb, fidi 
ber Kranken unb Clenben melir als anbere an= 
nelimen («natunrüdinge Diakoniffen«), tpie es aber 
a7ünfdiensipert fei, biefe Kraft in ben Dienft ber 
Kirdie zu ftellen zum Segen ber leibenben inenfdi= 
lieit («biblifdie Diakoniffen»>). (lier rourbe ficll !ein 
geeignetes Tlrbeitsfelb für bie Töditer unferes Polkes 
auftun unb ber unmittelbare Dienft an ben Kranken 
käme mittelbar ber ganzen roeiblidien Beoölkerung 
zu gute. Derartige Bilbungsanftalten ipürben ein 
Segen für bas roeite Canb coerben unb fid] nicht 
ausfdilieülidi auf Krankenfurforge zu befdiränken 
haben, obtuohl nichts fo fehr für bie Frauentoelt 
zum Bilbungsmittel fich eignete als bie Befähigung 
zum Dienft unter ber leibenben ITlenfchheit. Der 
ITIittelpunkt für bk Rnftalten müßten Spitäler fein, 
ganz gleich, ob zu biefem 5ipeck beftehenbe 
Krankenhäufer in Betracht kämen ober erft kleinere 
auf bem platten f anbe errichtet roürben. Die liaupt= 
fache fei, baß bie rediten Eeute zur Sache fich ücr= 
einigten, ba alles an Perfonen, aber nicht an ben 
öebäuben liege. Der örunbgebanke märe alfo: 
«einen Frauenoerein für meibliche Diakonie zu 
grünben, beffen Wirkungskreis bas lutherifche 
Bayern, beffen Tlnfangspunkt bie örünbung eines 
lutherifchen Spitals, beffen Fortgangspunkt Dielleicht 
bie Übernahme ber Bebienung ber kleineren unb 



größeren Spitäler ufip., beffen liebftes 3iel Bilbung 
ber roeiblidien Jugenb bes Canbes zum Dienfte 
Jefu in ber leibenben Tnenfd]!}eit ipäre«. neuen= 
bettelsau roürbe ber naturgemäj^e Ort für bie nus= 
geburt unb erfte Formung ber Sadie fein unb l)ier 
ipäre ber Anfang zu machen mit einer l^leinen 
finftalt für tueiblidie llngefoditene unb fdjipadi^ 
finnige Kinber» Cöbe toollte alfo mit biefen «Be= 
benken« ein Feuer ber Hebe unb Barmherzigkeit 
über bie ganze proteftantifdie Beoölkerung Bayerns 
anfadien unb einen bas ganze fanb umfaffenben 
Perein ins fcben rufen. In ber Diözefe lDinbs= 
bad), zu ipeldier Heuenbettelsau geborte, oerbanb 
man fid] barum alsbalb zur «ITIuttergefelifdiaft», 
3n7eig= ober Töditeroereine follten fidi im Canbe 
anfdiließen. 

In ben überaus eingebenb unb forgfältig aus= 
gearbeiteten Satzungen bes neugegrünbeten «lutbe= 
rifcben Pereins für cDeiblid]e Diakonie in Bayern« 
tpurbe als allgemeiner 3ipeck angegeben: «er= 
tpeckung unb Bilbung bes Sinns für ben Dienft 
ber leibenben Tllenfclibeit in ber lutberifdien Be= 
oölkerung Bayerns, namentlidi in bem roeiblidien 
Teil berfelben,« Als ITIiitel zum 3ipeck rourben 
genannt: «1. örünbung lutberifdier mit Diakoniffen= 
anftalten berfelben Konfeffion oerbunbener Spi= 
täler. 2. Husbilbung oon Diakoniffen ber oer= 
fdiiebenen Arten, b. i. fold]en, bie in Qeilanftalten, 
JTIiffionen unb Schulen, unb foldien, bie in öe= 



91 rororar^ror^rciro 

meinben unb Familien bienen können. 3. flus= 
bilbung ber ireiblidien lugenb überhaupt für ben 
Dienft ber leibenben Menfclibeit. 4. Ubernatime 
ber Krankenpflege in Iieilanftalten.» Die feitung 
bes Pereins ipurbe ber «Tnuttergefellfdiaft» zuge= 
ipiefen. Diefelbe fet?te fidi zufammen aus einem 
Kollegium oon männlidien «*lielfern*>, bem «leitenben 
Frauenoorftanb» unb ben «Helferinnen«. 3u Por= 
ftelierinnen berief bamals Cölie im Tluftrag ber 
TTIuttergefellfcljaft brei Jungfrauen, ipeldien oor 
allem bie Durdifülirung ber Pereinsztpecke oblag. 
Der niuttergefellfcliaft glieberten fid] an unb tuaren 
in ihr oertreten bie «J]ilfsoereine»>. Schnell liinter= 
einanber bilbcten fidi foldie [jilfspereine in nürn= 
berg, liersbruck, IHemmingen, flltborf, Tforblingen, 
Tleuenbettelsau, Furtli, IDenbelftein. fölie felbft 
bekannte: «fllle menfdilidien IDerke leiben an lln= 
pollkommenlieit unb nie unb nirgenbs erreicht 
man, toas man fidi oorgenommen unb zum 3iele 
gefetjt hat.»» Die fjoffnungen, roeldie er auf bie 
Sad]e gefetft, erfüllten fid) nidit oöllig. «IDir roaren 
unb bleiben ein geringer l]aufe, fanben überall 
Ijinbernis unb faft nirgenbs bie freubige Teilnahme 
unb nrbeit, auf bie roir gehofft hatten.» .... 
«Dennodi lebten bie Pereine fort, unb tpenn man 
alljährlidi bie Frage erhob, ob es eta7a an ber 
3eit CDäre, bie Tätigkeit ber einzelnen Pereine ober 
bes gefamten Pereins abzufd]lie|^en, fo roar bodi 
bazu niemanb ipillig, fonbern im Gegenteil, neue 



flnftrengungen rourben gemadit unb je länger je 
mehr ipucfis bodi bas üertrauen, ba|^ bie ettpas 
fdjipaclie Pflanze bes üereins für toeiblidie Diakonie 
in Bayern nodi einmal auskränkeln unb nod) 
bal}in kommen könnte, mit Kraft unb Freubigkeit 
emporzugelien,« öeipann ber Perein audi nidit bie 
erl]offte räumlidie Ausbreitung, bie einzelnen 3cpeig= 
oereine tparen nicht umfonft ins Ceben getreten. 
Daß gerabe ber nürnberger 3ipeig kräftig trieb — 
in ber Errichtung ber Pflege= unb Krippenanftalt — , 
konnte bem Begrunber bes «lutberifdien üereins 
für cDeiblidie Diakonie in Bayern*» eine öenug= 
tuung fein. Im Sdioße bes Pereins, bezro. ber 
muttergefellfdiaft aber follte nach öottes Fügung 
jene große Schöpfung entftehen, mit toelcher ber 
TIame Cöhe für alle 3eiten oerknüpft ift bie örün= 
bung ber TIeuenbettelsauer Diakoniffenanftalt. 



r<3C5^ 



7« Die Diakonirrenanftatt Tleuenöettelsau. 

Um 9. niai 1X54, am Tage fjiobs, cpurbe bie 
Diakoniffenanftalt in ITeuenbettelsau eröffnet 
Der eigentlidie burdi hld oberfte Beliörbe gegebene 
Titel roar: «Diakoniffenbaus für bie proteftantifcli= 
lutberifdie Beoölkerung Bayerns biesfeits bes Rbeins.*» 
Die flnftalt roar Cöbe's ureigenftes TDerk. In ibr 
follte ficb bie Fülle feiner reidien öaben entfalten 
unb ipie in einem Brennpunkt gleidifam zufammen= 
fehlleiten. Ibr IDerben unb IDadifen nabm neben 
ber Crlebigung ber pfarramtlidien öefdiäfte fortab 
fein ganzes Denken unb Sinnen in flnfprudi, fo 
baß er naturgemäß im Pergleidi zu feiner bis= 
berigen allgemeinen, öffentlicben IDirkfamkeit all= 
mäblicb fidi mebr in bie Stille biefer befonberen 
Arbeit zurückzog. Bis in bie Cinzelbeiten rourbe 
bie nnftalt oon ibm burdibadit unb georbnet. Die 
erzieberifdie Arbeit lag anfangs ausfdiließlidi in 
feinen flänben. üor allem ein gottesbienftlidies 
feben follte fidi in einzigartiger IDeife innerhalb 
bes liaufes entfalten. Das öanze trug oom erften 
Tag an ben Stempel ber Originalität Cöbe's. 

Cöbe felbft bat bies beftätigt, roenn er in ber 
Schrift: «Ctiras aus ber öefchichte bes Diakoniffen= 
haufes TIeuenbettelsau« ^heroorhob: *«lDir haben 



keine Reife gemadit um Fliebner's*) große unb 
mit Recht berulimte Urbeit anzufeilen; roir liaben 
kaum einen Bericht gelefen, ipir haben uns bie 
öebanken je nach unfern Bebürfniffen gemacht unb 
haben recht roohl geipußt baß roir nicht bie Ceute 
iparen, anbern nachzufolgen, öbenbrein iraren 
cDir ja Eutheraner, bie bereits ihre öefchichte ge= 
habt unb abgefchloffen hatten, bie nichts öeroifferes 
tDußten, als baß man ihnen oon Dielen Seiten her 
fchon um ihrer Vergangenheit roillen toenig Der= 
trauen fchenkte. Dennoch fahen ipir felbft in unferer 
Pergangenheit gar kein Hinbernis, unfrer Qeimat 
zu bienen, fonbern im Gegenteil glaubten roir, ber= 
felbigen unfern praktifchen Dienft fchulbig zu fein 
unb es babei getroft abwarten zu können, bis 
unfere lüißgönner an bem oon uns zu leiftenben 
Dienft klar cpürben, roas unb roie toir es meinten. 
IDas tDir je unb je gecoollt haben, fehlen uns recht 
zu fein, unb baß man uns oon oornherein roeber 
glaubte noch zutraute, baß toir es gut meinten, 
fehlen uns nicht an unferm Perhalten, fonbern an 
ben Perhältniffen zu liegen, unter benen trir nach 
öottes roillen zu leben, unb bie roir burch feine 
önabe zu uberipinben hatten. Cs fehlen uns, als 
fei oon uns gefchrieben: Dazu feib ihr berufen.« 



*) Über fein üerljältnis zu FHcbner äußerte £öl)e im Jaljrc 
1857 : «niemanb kann fllebner's üerbienfte fo rourbigen, roie 
idi, bcr id) felbft eine foldje Rnftalt zu leiten babe.»» 



Im «öaftliaus zur Sonne«, tpo audi bfe inif|iöns= 
fdiule ibrc crfte Unterkunft gefunben liatte, bis 
bjefelbe in bas eigens bazu gekaufte liaus ihres 
Infpektors überfiebeite, toar audi bie Diakoniffen= 
anftalt bie erften Ulonate zur lierberge. Die brei 
üorftelierinnen (Caroline Rlieineck, flmalie Rel]m, 
l}elene oon TFIeyer) übernalimen bie feitung ber 
flnftalt; fieben Diakoniffenfdiülerinnen Ratten fidi 
gemelbet, tuälirenb adit weitere Sdiülerinnen nus= 
bilbung für ilire lieimatlidien Perliältniffe fuditen. 
ein firzt (Dr. Sdiilffartli oon IDinbsbad]) , in ber 
Hälje CDolinliaft, ubernalim mit großer IDilligkeit, 
ja Begeifterung ben ärztlidien Unterridit. Den 
geiftlidien Unterridit erteilte fotie, ipälirenb ein 
britter Celirer (Kantor öüttler) ben öefangsunter= 
ridit leitete. Die Porftelierinnen unterriditeten in 
roeiblidien Arbeiten, bann imEefen, Sdireiben unb 
Redinen, «im Eefen», cDie nad] ben ITIitteilungen 
Eölie's auf ber Paftoralkonferenz zu Furtli am 25. 
npril 1854 ein Beridit jener 3eit fagt, «ipeil Kranke 
nid}t jebes Cefen oertragen, im Sdireiben, bamit 
bie Pflegerinnen audi orbentlidie Krankenberidite 
abfaffen lernen, im Redinen, um bas öebörige audi 
barin für XA^ Kranken beforgen zu können.» In 
biefem Beridit beißt es am Sdiluß: «Die Diakoniffen= 
anftalt foll zugleidi eine finftalt für ireiblidie 
Bilbung überhaupt fein; benn [jelfen unb Dienen, 
Pflegen unb lieilen ift bes IDeibes eigentlidier 
Beruf, unb ihre ganze Bilbung foUte fie zu biefem 



Berufe fällig madien. So ift es alfo in bem oor= 
liegenben Unternebnien nidit bloß abgefeften auf 
Perfonen, tueldie bie Krankenpflege als befonberen 
Beruf im engeren Sinn treiben. Die in ber be= 
gonnenen nnftalt öebilbeten möchten in ein Per= 
hältnis treten, in roeldies fie trollten, fo könnten 
fie mit bem öelernten liausl)alten. Cine tpeife 
Frau ift eine IDoljltat in jebem Dorf, unb fo ift bie 
Sadie ja nidit allein auf bie fog. gebilbeten Staube 
zu befcftränken, IPobl befonbers zu benutzen roäre 
biefe Bilbungsfcftule für Töctjter aus Pfarrliäufern, 
aber außerbem ipäre nidit zu überfelien, über= 
liaupt lüäbdien auf bem platten fanbe l]inzu= 
fcfticken. firme können obne alle Sorge kommen. 
IDenn aber eine Diakoniffin Permögen hat, fo be= 
kommt fie nichts, fo lange noch eigenes ba ift. 
Für eine Kleinkinberfchule, \A^ mit ber flnftalt zu 
oerbinben ift, roirb fchon geforgt. fluch benkt 
man baran, Schtoachfinnige aufzunehmen unb 
hofft für biefe bann eine eigene Schule einzurichten.»» 
In ben Satzungen tourbe als 3ipeck ber flnftalt be= 
zeichnet: «Bilbung bes roeiblichen öefchlechts zum 
Dienfte ber unmünbigen unb leibenben Hlenfchh^it, 
insbefonbere flusbilbung oon Cehrerinnen für Klein- 
kinberfchulen unb oon Krankenpflegerinnen in 
Familien unb Spitälern.» Die flnftalt follte fein 
eine fehranftalt, eine Übungsanftalt im Dienfte 
ber leibenben Hlenrchheit unb eine erziehungs= 
anftalt. Sie roar eine Stiftung ber «Tllutter« 



gefellfdiaft«, unter beren üeripaltung biefelbe 
audi ftelit. 

Die Eröffnung rourbe am 9. TTIai 1X54 feier= 
lidi Döllzogen. Hierüber beriditete föbe tpie folgt: 
«Tladimittags um 2 Ulir oerfammelten fidl bie 
ITIänner im bortigen Pfarrbaufe, Frauen unb Iung= 
frauen ber teilnelimenben Kreife in ber IDolinung 
ber brei Porfteberinnen zur Sonne. — üon ba aus 
zog man in bie bidit befet^te Kirdie, ipo Rdl ein 
zalilreicftes Publikum ber Umgegenb oerfammelt 
hatte. Tladi bem örgelprälubium bradi bie Per= 
fammlung in bie beiben erften Perfe bes Eiebes: 
«Komm heiliger ;öeift»> aus. 3cDei 3öglinge ber 
iriiffionsanftalt oertraten bie Stelle oon Rektoren 
unb lafen oom örgeldior herunter als Coangelium 
bes Tages TTTatth. 25,31-46 unb als epiftel Rom. 
16,1 — 16. Darauf fang man Pers 1 unb 2 bes 
Oebes: «Hun bitten ipir ben h<2ilig<2n öeift.« 5ier= 
aufvKebe bes Dekans Badimann als Pereinsoor= 
ftanbes, an beren Sdilu(^ berfelbe namens ber 
TITuttergefellfcliaft bem leitenben Kollegium ber 
Diakoniffenanftalt in Tleuenbettelsau bie letztere 
feierlich unb förmlich übergab. TTach bem britten 
Perfe bes angefangenen Oebes anttuortete ber 
Pfarrer £öhe als Porftanb bes leitenben Kollegiums 
bem Dekan unb akzeptierte bie gefchehene Über= 
gäbe ber Diakoniffenanftalt, rebete auch bei biefer 
Gelegenheit bie Porfteherinnen unb bie Schulerinnen 
ber Tinftalt, bie famtlich am flltar oerfammelt 

Cid] n er, Cölje. 7 



tparen, an. ITadi bem oiertcn Perfe jenes Oebes 
folgte nodi eine Rnfpradie bes eripäl)lten nnftalts= 
arztes, Dn Sctjilffartli. Darauf fang ber IDInbsbadier 
Sängerctior „Exaudi nos domine'* unb Katediet 
Bauer fpradi Gebet unb Segen, iporauf bie üer= 
fammlung ben erften Pers bes Oebes: «IDie fcfion 
leudit uns ber TRorgenftern» fang, unb baraufzog 
man fidi an bie orte zurüd^, oon benen man aus= 
gegangen roar, unb blieb oergnügt bis nach 6 Ubr 
abenbs zufammen.*> Ulsbalb enttoid^elte fid] ein 
frolilidies unb reges Treiben in ber Hnftalt unb — 
halb Sdierz, halb Crnft — meinte fölie fpäter, fo 
wo\}\ fei es ber Diakoniffenanftalt nie getuefen als 
«in ber Sonne». 

Die Crrid]tung eines eigenen Tlnftaltsgebäubes 
cpar ein unauffdiiebbares Beburfnis. Rlsbalb einigte 
man fidi über ben Finkauf eines Platzes an ber 
bödiftgelegenen Stelle bes Ortes, bes fogenannten 
Förthner'fdien Ijopfenad^ers. Profeffor Bohrer in 
Hurnberg lieferte ben Plan. UTeifter Sdieuenftuhl 
Don Klofler lieilsbronn übernahm ben Bau — unb 
am 23. Juni 1854, St. Johannis bes Täufers üor= 
abenb, konnte bereits ber örunbftein gelegt 
werben. Cs luar am Freitag nach Trinitatis nach= 
mittags 4 Uhr, als eine anfehnliche 3ahl oon Teil= 
nehmern aus nah unb fern zum Bauplatte zog, 
über roelchem roahrenb ber ganzen Bauzeit eine 
oon Schroeftern gefertigte Flagge roehte. Unter 
bem öefang bes Ciebes: «ein Cämmlein geht unb 



trägt Die Sdiulb»> betrat man t)ie Bauftätte. nn ber 
fuböftlidien Ccke, an bcr Stelle bes liaupteinganges 
unb an ber Tlorbfeite ipurben nadieinanber Bibel= 
ftellen (mattli. 20, 20-- 28; Jot 13,4-17; Hlattl). 
25,31-46) oerlefen unb kurze öebete gefprodien. 
IDälirenb bes Umzuges fang man ben 5. unb 6. 
Pers bes begonnenen Ciebes, Pers 1-3 oon «l]erz= 
lidi lieb bab idi bidi, o fierr», Pers 1-3 oon «Fang 
bein IPerk mit Jefu an.» Inztpifdien toar man an 
ber norböftlidien Ccke, roo ber örunbftein gelegt 
ipurbe, angelangt. Dekan Badimann hielt eine 
kurze FInfpracbe unb oerlas hierauf bie Urkunbe.*) 
Diefelbe ipurbe aisbann in eine Kapfei gelegt unb 
in bas öemäuer oerfenkt, nactjbem nodi Pfarrer 
ITIuller oon Immelborf einige IPorte ber IPeilie an 
bie Perfammelten geriditet hatte. Der örunbftein 
lourbe^nunmelir «Im Hamen öottes bes Paters unb 
bes Sohnes unb bes heiligen öeiftes» mit ben bref 
üblichen Hammerfcblägen oerfcftloffen, iporauf bie 
übrigen Hnipefenben ihre f^ammerfchläge taten. 
Katechet Bauer intonierte bie Schlußliturgie unb 



*) Dlefdbe trägt folgcnbe namcnsunterfdiriftcn : Karolin«? 
Rl) ein eck. flmalie Rcbm. Helene d. ITIeyer. CDuarb 
Badimann, Dekan unb Pfarreraon IDinDsbadi. Dr. Sdiilffartli. 
JHullcr, Pfarrer zu Tmmclborf. Kunbingcr, Pfarrer zu 
Petersaurad). J]enfolt, Infpektor bes Pfarripaifcntiaufcs zu 
roinbsbad). Fifdier, Pfarroikar zu IDeifienbronn. Friebrid) 
Bauer, Infpektor ber ITIifnönsanftalt. Johann Georg öüttler, 
Rnftaltskantor. r 6 I) e, Pfarrer oon neuenbcttelsau. IDilbelmine 
Ijenfolt. Sofie d. Tudjer. Julie Bauer. 

7* 



mit bem öefang oon Pcrs 4 u. 5 bes Oebes : «Fang 
bein IDerk mit Jefu an» fdiloß bie Feier. 

Don bem erfteftenben Bau l}ieß es in ber lJr= 
kunbe: «Dies fjaus fotl fein ipie ein flitar bes 
3eugniffes auf biefer (lölie bem lierrn, bem brei= 
einigen öott, bem Dater, Sol}ne unb öeifte, zum 
Rul}m unb Preis unb Dank für feine eroige Barm= 
Herzigkeit unb önabe gegen uns arme THenfdjen 
auferbaut. Der lierr laffe fid) unfere arme Stiftung 
iDoblgefallen unb laffe bies (jaus Sein f]aus fein, 
bis feine 3eit ooruber ift, unb es roie alle irbifdien 
Dinge baliin fallen roirb. Cs kann niemanb einen 
anbern örunb legen, als ben, ipeldier audi biefem 
Haufe gelegt ift, unferen einigen bodigelobten 
Herrn unb Heilanb Jefum oon Hazaretli, ben Cbriftus 
öottes. üuf biefem örunbe foll bleiben bies Qaus 
bis an fein Cnbe. öefegnet feien, bie in biefem 
ßaufe unb über biefem örunbe ipolinen, roanbeln, 
bleuen, leiten unb lebrenl öefegnet feien \i\^ fer= 
nenben, bie Ubenben, bie Kranken, bie Sterbenben 
auf biefem unferem einigen örunbe I Der Segen 
gebe aus oon biefem ßaufe rings in bies Canb 
roie bie Quelle Siloab, bie ftill ift unb klein, unb 
bennodi reidi unb bocliberubmt im Ijaufe öottesl 
öottes öruß unb Segen gebe in barmherziger 
bienenber Hebe oon biefem l)aufe aus in bie oier 
IPinbe, auf bie Berge unb in bie Täler unb in bie 
Breiten unferes l]eimatlanbes 1 Cs fei aud] Friebe 
mit biefem Ijaufe unb mit benen, bie brin ipobnen. 



unb bas Blut Jefu Cbrifti, bes Sofines öottes reinige 
uns Don aller unferer Sünbe!» 

mit «eilen ber Cntrciiloffenlieit» tourbe bas ftatt= 
lidje Baucoerk aufgeführt, Sdion am 12. Oktober 
zu Cliren bes bamals regierenben Königs ITIax IL 
follte basfelbe feiner Beftimmung übergeben roerben. 
«♦niles ipurbe angecoenbet, bies 3iel zu erreidien, 
unb roir Ratten bamals in ber Tat nici]t zu klagen, 
baß uns ICoiele Hinberniffe entgegengekommen 
tDären. einen foldien Fleiß unb Cifer ber Bauleute 
liaben toir fpäterbin nidit ipieber zu feigen be= 
kommen«, fcbrieb Eolie fpäter. Der lüaximilianstag 
kam, es roar ein Regentag. Der oerliältnismäßig 
große Bau roar f ertiggeftellt. «IDeg, Wetter 
unb Regen bot kein Qinbemis, unb roir erlebten 
es, mitten im Sdimutf eines armen Dorfes ein 
überaus frolilidies Freubenfeft zu feiern.» Um 
12. Oktober 1854 tuurbe basDiakoniffenmutterliaus in 
flnioefentieit vieler Freunbe unb öäfte unter Teil= 
nalime zalilreidier öemeinbeglieber feierlid] ein = 
gecDeilit. 

Um niorgen bes Fefttages prebigte Cobe in 
ber örtskirdie über Pfalm 73, 25 unb 26. Cin e4n= 
fadies niittagsmalil Don ungefähr XO öebecken oer= 
einigte bann in ber Sonne t)k Feftgäfte. TTadimittag 
um 2 Ulir begann hierauf bie eigentlidie Feftfeier, 
roeldie infolge bes Regens nid]t oor bem liaufe, 
roeldies eingeireiht roerben follte, fonbern in ber 
Kirdie abgehalten ipurbe. Diefelbe oermodite frei= 



lid] ble nicnge ber Teilnelimenben nid]t zu faffcn, 
fo baß oiele braußen im Kcgcn fteben mußten. ITlit 
öGfang ipurbe begonnen, l)ierauf liielt Dekan 
Badimann bie feftrebe über £uk. 5J7— 26. Cs 
folgte eine Reibe oon fiebern unb f ektionen , spelcb 
letztere teils aus ber Sdirift (Hlattb. 20, 20-28; 
Job. 13,4-17; mattb. 25,31-46), teils aus Patern 
ber Kircbe (Scrioer unb Heinricb Hluller) genommen, 
teils eigens bazu oerfaßt toaren. Hacbbem biefe 9 
fektionen oon Sdiulern ber ITIifflonsanftalt oerlefen 
!Porben iparen unb bie öemeinbe immer mit bem 
öefang eines Cieberoerfes geantwortet batte, fcbloß 
ein oon ber ganzen üerfammlung gefungenes Te 
Deum ben erften Teil ber f eftfeier. In georbnetem 
3uge begab man ficb oor bas mit Blumen unb 
Kränzen gefcbmückte fiaus, «bas in länblidier Cinfalt 
ben erbabenen Crnft feiner Beftimmung an ber 
Stirne trägt.« Der Regen batte inzrolfcben nacbge= 
laffen. Por bem liaufe angekommen fangen bie 
Feftteilnebmer bas Oeb: «♦Jefu geb ooran.« Dekan 
Badimann betrat bie oberften Stufen bes Eingangs, 
öffnete im Hamen bes breieinigen öottes bie Türe 
unb fprad] ben Segen über bie Diakoniffen mit 
ibren Porfteberinnen. Tllan zog nun in bas l}aus 
ein unb toanberte burd] feine Räume, flus bem 
Betfaal erklang ber öefang geiftlid]er Oeber, in 
einem 3immer toaren bie Feftgefdienke aufgeftellt. 
niit eintretenber Dunkelbeit begann ber britte Teil 
bes feftes, ber erfte Qausgottesbienft im Betfaale. 



Tladi bem CieDe: «Cbrifte, bu Eamm öottes« oer= 
breitete fidi Cölie über ben 3ipeck bes neuen 
l]aufes. Die £itanei mit eingefdialteten Bitten, bie 
fjdi auf ben 3ipeck unb bas Ceben in ber flnftalt 
bezogen, tuurbe oon ber feiernben öemeinbe ge=^ 
betet. Pater unfer, Segen unb bas Oeb «Jerufalem, 
bu liodigebaute Stabt» beenbeten bie feien nnge= 
fidits bes flitares mit ben brennenben Kerzen Der= 
einigte man fid} aisbann zu einem fiebesmabl. 
Die IDitipen unb Armen ber öemeinbe in ber TITitte, 
faßen in bem Betfaale über l)unbert Tifdigenoffen 
beim einfachen, aber Dom öeifte ber Jefus= unb 
Bruberliebe reidilid] getuürzten Jllalile. Kurze Tln= 
fpradien, gemeinfcliaftlidi gefungene fieber unb 
Deriefung einiger zu biefem Tage gefanbter öe= 
bidite geftalteten ben flbenb zu einer lieblidien 
Familienfeier. 

Cin großes IDerk roar oollenbet. ITIan Ijatte 
gebaut «nicht aus bem Reichtum ber Unternehmer, 
fonbern auf IDagnis bes göttlichen IDohlgefallens.« 
öefchenke, unoerzinsliche unb oerzinsliche Darlehen 
mußten ben Bau oollenben halfen. Huf ber erften 
Seite bes erften Sdiulbbuches fteht oon Cöhe's fjanb 
gefchrieben: «Der etuig reiche öott, zu beffen Chre 
biefe Diakoniffenanftalt erriditet ift, cDolle nach 
Seiner önabe ber Sunbe berer nicht gebenken, 
loelche es auf Seinen großen Hamen getoagt haben. 
Keinen ITlenrcben toolle Cr burch bies [jaus Schaben 
nehmen laffen, fonbern Cr laffe uns unb anbere 



crfaliren, baß Cr mit uns ift. Timen.« Die Bau= 
l^often beliefen fid} [auf annäliernb 15000 öulben. 
flnfänglid} betrugen bie öefdienke über 1000 öulben. 
Cöbe felbft bezeichnete es «als ein reines IDagnis, 
aus foldier flrmut fictl zum Bau zu>ntfdiließen.»» 
«Dennodi ift roeber ber Bauunternehmer nodi ber 
öelbbarleiber zu Sdianben geroorben, unb cpenn 
audi meljr als einmal bem erfteren bie IDaffer ber 
Sorge bis an ben l)als gingen, fo iftjbm bodi nidit 
bloß zu ber Baufumme, fonbern noch zu toeit mehr 
geholfen roorben, nämlich zu all bem großen fiaufen 
öelb, ben er auch ferner zum Unkauf fo oieler 
örunbftucke unb zum Bau fo oieier Räufer beburft 
hat» «Ich roerbe roohl auch fagen bürfen unb 
muffen, baß meine IPaffer im Pergleich mit benen 
anberer ber ftillen Quelle Siloah's glichen, aber in 
IDahrheit, es ift mir boch fo oiel burch öott ge= 
lungen, baß ich es nicht zählen noch n7iegen kann, 
unb ich bin boch eines pon ben oielen Beifpielen, 
an benen öott beroiefen hat, roas Jefu ITIutter 
(Cuc. 1,53) fagte: «Die f)ungrigen füllt er mit 
öütern unb läffet bie Reichen leer,» - bekannte 
Cöhe im Rückblick auf bie weitere Cntcpicklung ber 
nnftalt. 

Das Diakoniffenhaus tourbe als Backfteinbau 
aufgeführt. Cs beftanb aus einem 100 Fuß langen 
zipeiftöckigen Qauptgebäube nebft einem 65 Fuß 
langen toeftlichen Flügel. Der oftliche Flügel tuurbe 
im folgenben Jahre oon einem Freunbe ber flnftalt auf 



eigene Koften gebaut unb fpäter bem ITlutterbaufe 
überlaffen» Ilodi zu Cöhe's 3elten tourbe bas fjaus 
oergrößert. Inztpifdien ftatte ein frolies Urbeiten 
in bem eben eingeroeiliten Diakoniffenmutterliaus 
begonnen. IPar ber oberfte 3ipeck bes liaufes 
nusbilbung oon Celirerinnen für Kleinkinberfdjulen 
unb oon Krankenpflegerinnen in Familien unb Spi= 
tälern, fo Ratten bod] fdion im öaftbaus zur Sonne 
foldie Sdiulerinnen Flufnalime gefunben, tpeldie 
lebiglidi eine gebiegene toeiblidie Tlusbilbung fürs 
fpätere Ceben \\\^x fuditen. So entftanben bie 
Tleuenbettelsauer Sdiulen, beren enge €in= 
glieberung in bie finftalt barin fidi bekunbete, baß 
biefelben im Diakoniffenmutterbaufe untergebracht 
tpurben. öleidizeitig ipar oon Anfang an ben= 
jenigen Diakoniffen, roeldie zu febrfdiipeftern aus= 
erfeben toaren, bie ITIöglidikeit geeigneter Por= 
bilbung für ibren Beruf gegeben. Der Sci]ulorga= 
nismus glieberte Heil alsbalb in brei Teile, bie 
«rote»> Sdiule für unkonfirmierte Hläbdien, W^ 
«grüne»> Sdiule für konfirmierte ITIäbdien, \in 
«blaue« Sdiule als bie eigentlidie Diakoniffenfdiule. 
Die erfteren beiben Hbteilungen ermogliditen bie 
Bilbungsftufe einer bob^ren Toditerfdiule unb traten 
im Jabre 1855 (grüne) unb 1862 (rote) ins Eeben. 
Der Bezeidinung ber Sdiulen nadi oerfdiiebenen 
Farben lag bas Banb zu örunbe, toeldies bie 
Sdiulerinnen als Rbzeidien am Kleibe trugen. Über 
bas Perbältnis ber einzelnen Sdiulen aufwerte fidi 



Cöbe bereits in ben frulieften Beriditen: «Die fo oft 
bel^Iagte große Cinfeitigkeit unb Citeli^eit bes ipeib= 
lidien Inftitutslebens fdieint burd] bie üerbinbung 
mit ber Diakoniffenanftalt glucklidi oermieben zu 
fein. Die l^leine Sdiule ift integrierenber Beftanb= 
teil bes Ganzen: bie Sctiulerinnen nel^men an allem 
teil, CDas bas liaus beroegt; roäbrenb es ooller 
Crnft mit bem fernen ift, gel}t \\}v feben bodi nidit 
gar im fernen auf, fonbern fie finb oon einem 
reidien feben umtoogt, beffen Cinflüffen {12 fid) 
nicht entziehen könnten, auch wenn fie looliten.« 
Por allem bie «grune»> Schule lag f öhe am Herzen 
unb er nannte biefelbe gerabezu «bie THiffion ber 
blauen», hoffte er boch, ba|^ bie Schulerinnen ber= 
felben nach ihrer Cntlaffung Diakoniffenfinn unb 
üerftänbnis für bas Diakoniffentum in roeitere Kreife 
trügen , toenn fie nicht lieber felbft ben Diakoniffen= 
bienft zum f ebensberuf roählten. Der 2. Juli (Ulariä 
Ijeimfuchung) trurbe oom Jahre 1X61 ab als ein 
Perfammlungstag ber geroefenen grünen unb roten 
Schülerinnen in TIeuenbettelsau beftimmt unb rourbe 
feitbem ein Fefttag befonberer TIrt. 

Tlur kurze 3eit beherbergte bas Diakoniffen= 
mutterhaus in feinen unteren Räumen eine Unzahl 
leiblich unb geiftig Kranker. Dagegen fanb bauern= 
ben IDohnfit? in bemfelben bie im Jahre 185S ge= 
grünbete Paramentenanftalt, burch roelche 
föhe eine tpürbige ^erftellung oon ?lltar= unb 
Kanzelbekleibung anbahnte, föhe's Perftänbnis 



für basSdiöne unb Cblc, foirie bie ilim eignenbelDcrt= 
fci]ät?ung bcs Rltarfakramentcs tuar bie Urfadie zur 
Pflege biefer Seite diriftlicfier Kunft ein IDerk, cDeldies 
gebeil}lid]en Fortgang nalim unb feit 1859 in einer f]anb 
(Dial^oniffe Sarai] Ijalin) coar. Im Jal]re 1866 ipurbe 
ein eigener Paramentenoerein gegr unbet, bef fen 
3ipeck ipar: «bei feinen lüitgliebern unb burdi 
biefe in roeiteren Kreifen ben Sinn für diriftlid] 
roürbigen Sdimuck ber öottesliäufer zu ertoecken 
unb focDoliI praktifdi ais theoretifd) auszubilben,»» 
Die oon Heuenbettelsau ausgelienben Anregungen 
fulirten alsbalb bie Cntftetiung einer finzalil äl}n= 
lidier Pereine in ber eoangelifciien Kirdie lierbei. 
Mit ber Paramentenanftalt toar aud] bie Hoftien = 
backerei oerbunben. «fölie bat in biefen beiben 
Arbeitsgebieten», liieß es beim fünfzigjährigen 
Jubiläum, «feinen Diakoniffen ebelftes Frauencoerk 
anoertraut unb roie einen lieblidien Kranz um all 
bie inübe gerounben, \A^ täglid] gefdieljen unb ge= 
tragen toerben mu(^.» 

ettpas öro(?es ipar mit ber Diakoniffenanftalt 
gefdiaffen. IDolil meinte f öl]e fpäter : «Cs ift frei= 
lidi alles anbers gea7orben unter öottes befonberer 
Führung, aber iras nun getoorben ift liaben roir 
eigentlid] nidit geroollt,« aber er batte bodi eine 
Brunnftube ed]t ipeiblidi diriftlid]er Bilbung ge= 
fdiaffen, einen Quellort eoangelifdier fiebestätig= 
keit erfdiloffen zu einer 3eit too gerabe bas Per= 
ftänbnis für beibes erft getoeckt tperben mußte. 



f öl]c felbft badjte fclir bcfdidben oon feiner Sdiöp« 
fung. Beim Hblauf bes erften Jalirzelints fdirieb 
er: «So tpirb audi bie Diakoniffenanftalt fdion ein= 
mal ipieber untergeben, fintemal nidits 3eitlicbes 
einen eroigen Beftanb bat; toann aber, nad] roie 
langer 3eit toer lueiß bas? Die Diakoniffenanftalt 
foll ben ßerrn ibrer Tage anbeten unb zu Ibm 
fagen: «Hleine 3eit ftebt in Deinen Hänben»>; bann 
aber foll fie auffteben unb toie ein Jüngling, ber 
am morgen an fein Tageroerk gebt ibre Sebnen 
ausftrecken, in Cbrifto Jefu Hlut unb Kraft anzieben 
unb ficb aufs neue, bei begonnenem zweiten Jabr= 
zebnt pornebmen, nicbt zu ruben, fonbern ibrem 
berrlicben 3iele entgegenzuringen.» Damit aber 
iDurbe Cöbe ber Propbet einer rubmreicben ee= 
fcbidite bes oon ibm gegrunbeten Diakoniffenbaufes. 



8. B^r Husbau Der DiakonflTenanftatt 

IDalire Diakoniffenbilbung unb ecl)t tpciblidie 
Bilbung fielen für £öl}e zufammen, tuie fein 
großer Biograpl] Deinzer mit Redit lierporliebt. 
Pom erften Rugenblick an nabm barum bas SdiuU 
ipefen in ber Diakoniffenanftalt eine beoorzugte 
Stellung ein. Sdion im erften Kurs ber eben ge= 
grünbeten Diakoniffenanftalt ftanben bcn eigent= 
lidien Diakoniffenfchulerinnen acht Schülerinnen 
gegenüber, «bie nicht eigentlich bie Tlbficht hatten, 
Diakoniffen zu toerben, fonbern Diakoniffenbilbung 
für ihre h^itnatlichen Perhältniffe fuchten.« föhe 
oertpanbte barum auf bie IPeiterentroickelung bes 
Schulroefens oiel Tllühe, beauffichtigte mit größter 
Seipiffenhaftigkeit ben Unterricht unb ftellte fein her= 
Dorragenbes erzieherifches Können in ben Dienft bes 
liaufes. Sein öeift toaltete in ber blauen, in ber 
grünen unb in ber roten Schule unb fuchte bie 
Qerzen bem einen zuzuführen, ber auch für ihn 
bas ölück bes febens geworben roar. 

Dl2 Uerhältniffe brängten ireiter. So entftanb 
1856 bie Kinberfchule, 1X61 bas Kettungshaus. Da= 
mit cDollte föhe ber Pfarrgemeinbe nützen. Das 
Kettungshaus erhielt am 6. Dezember 1862 ein 
eigenes fjdlm unb toar zunächft beftimmt [Zur 
Aufnahme armer unb oeripaifter Hlabchen aus ber 



Pfarrei,barum aud] «lDaifcnliausfct]ule»> genannt Diefe 
biente zugleich als l?olks= unb Clementarfdiule für 
bie nnftalt unb roar für 12-15 Hläbdien beredinet. 
Um ben Im Rcttungsliaus ausgebilbeten IHäbdien 
nach ber Konfirmation cDeitere Tlusbiibung ange= 
beihen zu laffen, tuurbe bie Inbuftriefchule (ürbeits^ 
fchule) begrünbct. Diefelbe trat am 1. Dezember 
1X65 ins f eben unb legte ben ITachbruck auf prak= 
tird]e flusbilbung, SW wnv in einem an bas Pfarr= 
haus angrenzenben Bauernhaus untergebracht unb 
fanb alsbalb zahlreiche Inanfpruchnahme. 

föhe bezeichnete es felbft als eine «göttliche 
Porfehung», ba(] bie Diakoniffenanftalt zugleich 
mit bem öebanken an eine Blobenanftalt auf= 
treten mußte. «Dem Ijerrn hat es eben gefallen«, 
— fchrieb er — «bas hi<^figc liaus zunachft an ben 
freuben unb Eeiben ber Bioben oorüberzufuhren. 
Das tpar fein IDille unb ift baher fein IDerk.» 
Schon ehe bie Diakoniffenanftalt ins Ceben getreten 
tuar, ipar Cohe für bie Blöbenpflege intereffiert 
iporben. Cin zur öemeinbe gehöriger örtsDor= 
fteher hatte feinen einzigen Sohn, welcher blöbe 
roar, ber Fürforge bes Pfarrers empfohlen, föhe 
tDurbe baburch auf ben Kretinismus (Blöbfinn) auf= 
merkfam, forfchte bem Übel, feiner Verbreitung unb 
feiner Urfache roeiter nad] unb befuchte flnftalten, 
tpelche anberipärts für biefe Unglücklichen einge= 
richtet iparen. Als am 9. ITIai 1X54 im öafthaus 
zur Sonne bie Diakoniffenanftalt eröffnet ipurbe, 



begann h\2 Diakoniffcnarbcit mit öcr Pflege jenes 
blöbfinnigen Knaben. Kurze 3eit tparen bann bie 
Blöben im fubipeftliclien Eckzimmer bes Tnutter= 
Kaufes untergebradit. Die 3alil ber Pfleglinge ftieg 
zufebenbs» 3ipei kleine nebeneinanberftelienbe 
fjäufer in unmittelbarer Tlälie bes Pfarrbaufes 
CDurben für bie Unterbringung ber Blöben ange= 
kauft bis im Jabre 1X64 ein eigenes ftattlicbes 
breiftöckiges öebäube als «Stein göttiidier flilfe 
burd] 10 Jabre Tlot unb Drangfal»> in ber Habe bes 
Illutterbaufes bie Kranken aufnabm. Im Jabre 
1X66 CDurbe für hk männlidien Kranken in Pol = 
fingen bei Öttingen eine 3n?eiganftalt erricbtet 
fo ba^ oon ba ab in TIeuenbettelsau nur coeiblicbe 
Pfleglinge untergebracbt n7aren. In Polfingen 
ipurben auf^erbem ein Diftriktsbofpital, Kettungs= 
baus unb Kinberfdiule erriditet. 3ur finanziellen 
Sidierftellung ber Blöbenpflege ercoirkte £öbe eine 
jäbrlicbe Kirdienkollekte. Cr felbft ging ben Armen 
mit feelforgerlidier fiebe nadi unb mubte fid] bis 
an fein Cebensenbe mit ibnen ab. Denfelben ge= 
borte feine ganze oäterlidie Fürforge unb in ben 
Jabren zunebmenber feibesfcbtradibeit oerzebrte 
er an ibnen feine letzte Kraft, feiber toar fein 
Bemüben, eine eigene Rnftalt für Cpileptifcbe zu 
grunben, oergeblid]. Soireit es anging, ipurben 
biefelben in ben Blöbenanftalten untergebracht. Die 
Blöbenanftalt auf bem Territorium oon Dettelsau 
nannte er «eine fdiöne Infel, bie fid] rings Don 



betn £ant)e unb Flnftaltcnkomplex zu ibrem üortd! 
lierausbebt unb gcitenb madit Unfere Sctiulan=: 
ftaltcn ftelien im Flor unb es ift keine Urfadie oor= 
lianben, [12 nidit zu rounfdien ober niciit zu förbern, 
aber bie Blobenanftalt bat bennodi einen Porrang 
oor ben Sdiulen unb bas kommt baber, baß fi^ 
einem fo großen unb namenlofen Clenb fteuert 
Si2 bient ben Biöben aller Art unb aller Stufen, 
fie bient Cpileptifdien , fie bient öeifteskranken.» 
Als Cöbe ftarb, roaren oiele berartige Kranke in 
ber Pflege ber oon ibm begrünbeten Finftalt, roeldie 
er ipobl «eine 3ierbe ber inneren Uliffionstätigkeit»» 
nannte. Das Clenb ber Biöben batte er zu bem 
Crften gemadit, an bem bie Diakoniffen «ficb ab= 
muben, üben unb plagen follten.« Tluf ber Haupt= 
front ber Ileuenbettelsauer finftalt batte er bie ln= 
fcbrift anbringen laffen: «Den Biöben ift Cr bolb.»> 
Als am 11. Huguft 1X64 bas (jaus eingeroeibt 
tpurbe, gab ibm biefe Infcftrift bas Tbema zu 
feiner TInfpracbe. Cr fagte bamals: «fragt man 
nacb bem biblifcben Beleg bes Sat?es, fo gebort 
bieber alles, luas oon ber Beziebung bes fierrn 
zu ben Kinbern gefdirieben ftebt benn bie Biöben 
finb unb bleiben Kinber ibr Ceben lang. Die Kircbe 
bacbte lange nicbtbaran, ficb nacb ben Perbeißungen, 
roelcbe bie Pflege ber Kinber bat audi burdi Für= 
forge für bie Biöben auszuftrecken, aber in neuerer 
3eit finb Rügen unb fjQVZ für biefe €lenben oon 
öott geöffnet toorben, unb barum a7ollen roir nur 



redit red]t liolb ben Blöben fein, ba ^r il}nen 
fo liolb ift.» «Für bW Blöben irar fölie nichts 
fchön unb gut genug»>, fdirieb ber Jul7iläumsbericlit= 
erftatter im ««Überblick über 50 Jalire öefdiidite 
ber Diakoniffenanftalt in TIeuenbettelsau*>, «l]C)cli= 
fcbattige Bäume, faubengänge, Unlagen fdimückten 
bie nädifte Umgebung.» Das f]aus in TIeuen= 
bettelsau felbft tuar bamals ber beberrfdienbe Bau 
in ber roeiten Kolonie, um 10 Fuß länger unb ein 
Stocktoerk Iiolier als bas Illutterliaus, «fo baß Cölie 
fcberzenb toarnte, fie möge fidi nidit Ijoffärtig über 
bie Hlutteranftalt ergeben, ipie tjagar gegen Sara,« 
ein weiteres Arbeitsgebiet bes Diakoniffen= 
Kaufes iDurbe bie Fürforge für bie gefallenen unb 
gefäbrbeten ölieber bes ipeiblidien öefdiledites 
(Tnagbalenenfadie). In ben erften lal^ren 
liatte er biefelben in bas Haus felbft aufgenommen, 
iDO fie unter befonberer Huffidit einer Scl]cpefter 
ftanben. Dank ber Barmherzigkeit ebler Frauen 
konnte am 23. Juni 1X65 ein eigenes liaus für 
biefe Unglücklidien eröffnet toerben. Das inagba= 
lenium übernalim bie Beforgung ber IPäfdie fämt= 
lidier finftalten fomie fpäterliin bie Hälierei. öe= 
tDölinung zur Tirbeit rourbe liier mit Folgeriditig= 
keit als bas IPiditigfte unter ben menfdilidien Cr= 
zieliungsmitteln erkannt Die Cinglieberung biefer 
befonberen finftalt in ben Organismus ber gefamten 
Tlnftalten unb bie Teilnalime an ben geiftlidien 
Segnungen bes großen Haufes eripies fidi als ein 

etdjner, Cölje. g 



befonberer Vorzug. Den Diakoniffenpoften ber 
TTIagbalenenoberfdiiPefter bielt Cölie in oicler Be= 
Ziehung für ben fdicDierigften unb äußerte rool}!: 
«Idi habe Diel flbnlidikeit zroifdien ihm unb bem 
Poftcn eines Pfarrers gefunben, aber immerbin 
babe idi ibn auch toie jenen größeren als preis= 
ipürbig unb berrlidi anerkannt» Seit 1362 beftanb 
baneben eine Staatserzieb u ngsanftalt für 
TTIäbdien, «ipeicbe gemäß bem Strafgefet?bud]e ent= 
roeber zur Tladibaft eines halben Jahres [hieher 
gebracht werben ober toegen Strafunmünbigkeit 
zroar freigefprochen, aber zur ftraftoeifen Unter= 
bringung verurteilt tnurben.» 

Don Anbeginn an rourben im Diakoniffenhaufe 
Kranke aufgenommen. Im Jahre 1X57 hatte man 
bereits ein eigenes «Pfrünbhaus» imJDorfe, in roelchem 
auch Kranke bes Orts gepflegt tourben («Dorfhofpi= 
tal»>). 3ugleich bekam bie finftalt einen eigenen 
flrzt unb eine eigene Apotheke. |Im Jahre 1X61 
ipurbe ein Flügel an bas Diakoniffenhaus angebaut, 
ber 'zur Aufnahme oon ipeiblidien Kranken beftimmt 
ipurbe. Diefer Siechenfaal zu beffen Bau eine 
Sdiipefter ihr üermogen gefchenkt hatte, roar bie 
Hachahmung eines oon Cöhe kurz zuDor gefehenen 
Porbilbes im Hotel de Dieu in Cyon. Hlit bem 
Jahre 1X65 erweiterte fich bas Kranken roefen. 
3iPifdien bem Diftrikt unb bem Diakoniffenhaus 
cDurbe ein Pertrag abgefdiloffen, wonach alle armen 
Kranken bes Diftrikts im liofpital bes Diakoniffen= 



liaufes unentgeltlidi oerpflegt toerbcn follten, ba= 
gegen burften bie Sdiroeftern j'älirlidi zroeimal in 
allen örtfdiaften bes Diftrikts freicoillige öaben 
fammeln (terminieren). Um für ben 3ubrang ge= 
ruftet zu fein, courbe im lalire 1X67 ein Ijofpital 
für niänner unb im Jalire 1X69 ein foldies für 
Frauen erbaut. Sdierzenb nannte folie biefe ben 
Tlnftaltskomplex nad] öften zu abfd]ließenben öe= 
bäube bas «öftenbe ber Dettclsauer Dial^oniffen= 
l^olonie.»» Der Pertrag mit bem Diftrikt ipurbe 
nad] toenigen Jahren ipieber aufgelöft unb für bie 
Diakoniffen fiel bas roenig angenehme öefcöäft 
ber Sammlung freitoilliger öaben tueg. für bie 
nädifte 3eit iparen infolgebeffen bie Kranken^ 
abteilungen coeniger belegt. Im Jabre 1X71 cpurben 
ztDeimal oertDunbete Solbaten aufgenommen unb 
gepflegt. IDenn in Tleuenbettelsau felbft bas Kran= 
kenroefen fid] in befdieibeneren Grenzen \}k\t, fo 
batte bies feinen bauptfäd]lid]ften örunb in ber 
3urüd^baltung ber bäuerlidien Beoölkerung anftalt= 
lidier Krankenpflege gegenüber. «Die ambulante 
Krankenpflege« unter bem Eanboolk, ipie biefelbe 
burd] bie Diakoniffen bin unb \}2v in ben fjäufern 
geübt ipurbe, fanb mebr Anklang. IDobl einge= 
rd)ät?t rourbe audi bie Tlnftellung eines Tlrztes (zu= 
erft Dr. Jobannes Cnzler, 1X64-1X77 Dr. nifreb 
Riebe! unb feit 1X7X Ijofrat Dr. liermann Dietlen) 
fotüie bas Porbanbenfein einer flnftaltsapotbeke. 
für föbe tparen bie Krankenanftalten eigentlidi 

8* 



mittel zum 3!Peck, roie er benn audi in einem ber 
erften Berichte fcbrieb: «In unferem öaufe finb ge= 
nau genommen nidit bie Pflegerinnen für bie 
Kranken, fonbern biefe für jene ba.» Uls Ubungs= 
anftalt im Dienfte ber leibenben Hlenfäilieit ipurbe 
bas TIeuenbettelsauer Spital oon nidjt zu unter= 
f(l]ät?enber Bebeutung. Im 3ufammenliang bamit 
tpäre föl}e's f ürforge für IDanberer nodi zu er= 
roäljnen, inbem er ben an «Stral^enübeln« Ceibenben 
luenigftens unentgeltlictienufnalime unb Perpflegung 
im fjofpital geroälirleiftete, 3ur Crriditung eines 
Xenobodiium (Frembenliofpital) feliltenilim bie mittel. 
Ijanb in lianb mit ber €ntipicklung ber Diako= 
niffenanftalt in iliren oerfdiiebenen Unternelimungen 
ging bie erricl]tung oon öebäuben, ireldie ben Tln= 
ftaltsbebürfniffen zu bienen liatten, als Bäckerei, 
Ökonomie unb bergleidien. folie's praktifcfter Blick 
tpar biefen Cinriditungen nidit minber zugetoanbt 
als ben eigentlidien Arbeitszcoeigen ber Unftalt. Cr 
geipann für biefe Urbeitenaudi männlicl]el)ilfskräfte, 
tpeldie fid] teiltpeife bem IJaufe als «Brüber» enger 
anfcbloffen. eine befonbere Stütze fanb er an feinem 
bankbaren Konfirmanben, bem Bauirart Stapfer, 
toeldier oom Jabre 1X62 an bie Baufacl]en ber 
Diakoniffenanftalt leitete, unb an bem Bruber 
lieiber, tpeldjer «bie taufenberlei kleinen Höten unb 
Sorgen» beforgte, Don ben Steuern unb Abgaben 
bis zu ben einfacl]ften bäuslidien Bebürfniffen. 
Um bie Umgebung bes Diakoniffenbaufes zu oer= 



rdiönern, lie|^ er eine ftattlldje öartenanlage lier= 
ftellen unb nannte biefelbe zum Unbenken an feine 
Heimgegangene Cliefrau «(]elenengarten»>. Cin eige= 
ner öärtner cDurbe angeftellt unb zur Durdifülirung 
ber notcoenbigften Arbeiten unb flnfcftaffungen 
[teilte Cölie feine «Sieben Porträge über ble IDorte 
Jefu Cbrifti oom Kreuze» zur Perfügung. Cs tpar 
in ber Paffionszeit 1X59, als fobe bem öärtner 
bas nianufkript ausbänbigte: «Pielieidit gibt ein 
Perleger fo oiel für ble geringe Arbeit als Sie be= 
bürfen. IPas Sie empfangen, legen fie bann CDie 
Samenkörner in bie Crbe unb laffen zum Preife 
ber IPunben lefu einen befto fcböneren öarten ber= 
ooripaclifen.*> 

Im TTIittelpunkt ber bamaligen Schöpfungen 
ftanb für föbe ber B et f aal. Bk bisberige eottes= 
bienftlidie Stätte bes Diakoniffenbaufes — es toar 
bies ber größte, gegen Süben gelegene Saal — 
tDurbe in ben erften Jabren für bie täglicben 
liausanbaditen benutzt. Bei bem rafdien nn= 
ipadifen ber Beipobnerfdiaft ertüies fidi biefelbe 
als unzulänglidi. Für bie fonntäglidien öottes= 
bienfte ipar balb aud] bie befdieibcne örts= 
kirdie zu klein. Die öemeinbe ließ fid] zur 
Cripciterung bes öottesbaufes nicbt bcrbei. So 
fcbritt man an ben Bau eines eigenen Betfaales, 
tpeldier oftlidi oom ITIutterbaus zu fteben kam unb 
in ber Form einer Bafilika fid] näberte. IPar ber= 
felbe im Äußeren fdjmud^los, fo fanb bas Innere 



um fo tDürbigere öcftaltung. Hus freitoilligen öabcn 
follte er erftelicn. fölie fclbft opferte bas Honorar 
für bie «Rofenmonate» zu bem Bau bes Betfaales. 
Um 20. nuguft 1X58 luurbe ber erunbftein gelegt. 
Cölie befanb ficil m jener 3eit zur lDieberl}erftellung 
feiner öefunblieit in Karlsbab, fo ba(? Konrektor 
fol^e bie Feier leitete. Pon biefem Tage an 
«flackerte eine blauireiße Faline mit fdiiparzem 
Kreuz auf rotem örunb, unter coelchem bas IDort 
oremus (Caßt uns beten) eingenäht cpar, über bem 
Bauplat? bis zur Pollenbung bes Baues.» Tim 
25. Dezember 1X59 irurbe ber erfte l]ausgöttes= 
bienft in bemfelben gebalten. «Das neuerbaute Bet= 
Ijaus foll eine Krippe fein, in ipeldier ber fjerr feine 
lOolinung l]aben möge», fagte Eolie in ber erfte n 
flnfpradie. Tim 27. Illai (Pfinfttag) 1X60 rourbe 
ber erfte Qauptgottesbienft unb tags barauf bie 
erfte Sakramentsfeier im Betfaal gebalten, nadibem 
tiierzu bie kirdienregimentlictie Erlaubnis erteilt 
roorben ipar. Um 14. Oktober 1X65 konnte bie 
Glocke bes Betfaales feierlidi bem öebraud] über= 
geben toerben. Ruf ber einen Seite berfelben ipar 
bas Diakoniffenroappen angebracht, auf ber anbern 
bie niutter mit bem Jefuskinbe unb um biefelbe ber 
hl2 Infcbrift Et verbum caro factum est («Unb bas 
IDort iparb Fleifd]»). Tllit bem Porbanbenfein biefer 
gottesbienftlidien Stätte mar ein bebeutenber Sdiritt 
in ber kird]lid)en Perfelbftänbigung ber Diakoniffen= 
anftalt oorroärts getan. TTIit fobe's Tob löfte fidi 



bekanntlidi bic Tlnftalt oon ber Pfarrgemcinbe unb 
ipurbe einem eeiftlidien mit bem Titel «Rektor» im 
Hauptamte übertragen. Cöbe's Tladifolger ipurbe 
ber lieffirdie Pfarrer friebridi ITIeyer (f 5. Juni 
1E91), feit 4. ökt. 1X91 ftelit an ber Spitze Rektor 
D. Dr. I]ermann Bezzel. 

Im labre 1X65 lie|^ fölie am äußerften Cnbe 
bes nnftaltsganzen nalie bemlOalbeben öottes = 
acker anlegen, nadibem bie erften Toten bes 
fjaufes auf bem 1X40 eingetoeiliten Dorfgottesacker 
\\}v örab gefunben hatten. 

5 morgen unb 3X Dezimalen befaß bie Tlnftalt 
an örunb unb Boben, als auf bemfelben bas nTutter= 
baus entftanb. 3ufelienbs loergrößerte fid] ber 
örunbbefit?. f]aus an [jaus tat fidi auf.*) flus bem 
erften (jaus toar eine ganze Kolonie geroorben. 
IDacbstümlid] tpar alles geroorben. Cobe batte bie 
Aufgaben nidit gefudit aber toenn bie Tlot gebiete= 
rifdi an bie Tür klopfte, ging er berfelben nidit 



*) einen einblick in bas bamalige Unftaltslcbcn geroä^rt 
ber Ruffat? aus ber feber bes nact)maligcn Konfiftorialrates 
rippolb in 3erbft: ««Aus früheren Tagen, ein Bcfud) in neuen= 
bettelsau [1S57» unb bie Sct]ilberung eines Bcfudies in 
Dcttclsau Don bem Didjter Julius Sturm aus bem Jat]re 1869. 
Intcreffant ift aud) eine Tlotiz in ber «Rllgemeinen 3eitung»» 
oom 1. Rpril 1856, in rocldier es anfangs tjeifit: «Klan muß 
es ben flltlutlieranern laffen, ba^ \\2 mit aller Energie unb 
Öpferfäliigkeit ilir 3iel oerfolgcn» . . unb oon föbe gefagt mirb, 
er fei «ein cftarakterooller, oon feiner ölaubensanfidit burd]= 
brungener IlTann.» 



c^ic5^c?^cMcMC5^c>ic>i 120 rorororarorororo 

aus bem IDeg, €s irurbe ilim immer wkMv bie 
redite IDeislieit oon oben gegeben [unb es fehlte 
ihm audi nie an ber nötigen !]ilfe burdi nienfdien. 
mit ben Bauten ftiegen wo\}\ bie Sorgen nadi jeber 
Hinfidit. Cöbe l]at baruber mandi fcölaflofe fladit 
geliabt. Tatfäcblidi rourbe «unter bem Druck ber 
Sorge um bas täglidie Brot bas oft erbettelt cperben 
mußte — ipenn bie IDagen oon ber flitmülil 
herauf über Sdilauersbad) mit Korn unb Rüben 
unb Brot kamen, roar es ein Fefttag! — unb 
unter manchem Tlfißlingen, aber mit bem ITIute 
eines guten öeiriffens unb in bem BetDußtfein, oon 
öott geleitet zu toerben unb oon ihm fich leiten zu 
laffen, begonnen unb gearbeitet.»* Hußerorbentlidie 
Tlöte tpurben Peranlaffung zu einem im jnutter= 
haus befinblichen Bilbe mit ber Unterfdirift: «Die 
bu porübergehft, höre, ift nidit jebe Perlegenheit 
eine Knofpe?» Cr follte nicht umfonft bem grollen 
Sorgenbrecher oertrauen. Dabei hatte man in ein= 
fachfterlDeife begonnen unb größtmögliche Sparfam= 
keit cDurbe geübt. Daß bie Porfteherinnen felbft 
ihre Schulzimmer tünditen, roar in ben erften 3eiten 
nichts UngetPöhnliches. Cs h<^rrfditen zuweilen 
«patriarchalifche» 3uftänbe. flls noch kein öe= 
bäube ben Blick ins Dorf aufhielt tpar bes fierrn 
Pfarrers heraustreten aus bem Pförtchen bes 
Pfarrgartens für frau Oberin bas 3eichen, zur 
«Stunbe»> zu läuten, eine Uhr roar in ben erften 
Jahren nicht oorhanben. Oft lief man zur Frau 



cMCMC5^oicMc?'Tc?'TCM 121 r^rcjrorororarorci 

Oberin, Die ja eine Tafdienulir liatte, um ficil zu 
erkunbigen, in treldier 3eit man gerabe lebe. 
So fcf]uf Cölie's liolier öeift unb feine männlidie 
Tatkraft unteröottes^fiditbarem Segen unb ber f reunbe 
opfertüilligen Beiliilfe biefe «großartige diriftiidie 
Kolonie.» IDas er \]m fdiuf, es roirkte anfpornenb 
unb aneifernb auf bas ganze fanb unb beffen 
eoangeüfdie Beoölkerung. föbe roar ber Tllann, 
toeldier zu foldi grunblegenber unb cpeiteririrken^ 
ber nrbeit oon öott beftimmt luar. Cr ipar, coie 
ber üerfaffer bes Budies «bie innere TTIiffion in 
Bayern bsf. b. Rl].*> fdireibt, «ein organifatorifdies 
öenie oiinegleidien. Cr befaß eine feltene öabe 
ber Uberfdiau bes öanzen unb einzelnen, ein 
flbminiftratiotalentoolljPünktlidikeit unb örbnungs= 
liebe im kleinften, baß oft Fernftelienben Be= 
CDunberung einflößte. So liodi ilin ber Flug ber 
öebanken trug, fo blieb bod] bas große Rüge bes 
großangelegten TTIannes audi für bas Kleinfte bell 
unb offen.» Cöbe, ber Tflann ber Kirdie, trurbe 
ein Babnbredier für bie Eiebesarbeit in feiner Kirdie. 
TIeuenbettelsau ipurbe burdi ibn ein 3entralpunkt 
für Diakonie im Sinne bes eoangelifdi=lutiierifdien 
Bekenntniffes ober, toie es in bem TDerke: «Die 
Kirdie Deutfdilanbs im XIX. Jabrbunbert» beißt: 
«eine Unioerfität ber Barmherzigkeit.» 



9* 3ur Dfakonjffenbilbung unb Diakoniffens 
arbeit 

fölie toar fidl oom erften Hugenblick an bar= 
über klar, Daß bas ganze Unternelimen eDange= 
lifcber Oebesarbeit, tuie er es In Die IDege zu leiten 
berufen roar, oon Perfönlidikeiten getragen coerben 
müßte, unb baß nur bann ein ftetes Fortfcbreiten 
bes IDerkes zu eriparten fei , ipenn bie zur Diai^onie 
berufenen Kräfte roirklich tudjtige unb burct)gebil= 
bete Perfönlidikeiten feien. Die Tlusbilbung ber 
Diakoniffen toar barum ganz befonbers öegenftanb 
feiner Sorge unb Arbeit. 

In klaffifdien IDorten liat er bas Bilb einer 
rediten eoangelifd}en Diakoniffe gezeid]net, ipenn 
er fcbrieb: «Ich bin ipeber ein TTfaler nodi ein 
Sänger, tuenn idi's aber roäre, fo malte idi eine 
Diakoniffin, cDie fie feinfoll, in ihren oerfcftiebenen 
Cebenslagen unb Arbeiten. Cs gäbe eine [ganze 
Reihe oon Bilbern unb ebenfooiele Cieber. TFIalen 
tpürbe ich bie Jungfrau im Stall unb — am Altäre, 
in ber IDäfcherei unb - roie fie bie Tlackenben in 
reines f innen ber Barmherzigkeit kleibet, in ber 
Kirche unbj— im Krankenfaale, auf bem Felbe unb 
— beim Dreimalheilig im Chor, unb roenn fie ganz 
allein ben Kommunikanten bas Nunc dimittis fingt, 
ich roürbe alle möglichen Bilber oom Diakoniffen= 



berufe malen, in allen aber eine Jungfrau, nidit 
immer im Sdileier, aber immer eine Perfon , . . . 
Unb tuarum? IDeil eine Diakoniffin bas öe = 
ringfte unb öröj^te können unb tun, fidi 
bes öeringften nidit fcbämen unb bas liödifte 
Frauentperk nidit oerberben foll. Die Füße im 
Kot unb Staub niebriger Rrbeit, bie Iiänbe an ber 
Ijarfe, bas Haupt im Sonnenlid]t ber flnbadit unb 
Erkenntnis Jefu — fo toürbe id] fie aufs Titelkupfer 
ber ganzen Bilberfammlung malen. Darunter 
ipürbe id} fdireiben: «Tllles oermag fie: arbeiten, 
fpielen, lobfingen.» 

Die Don einer Diakoniffe an fid] felbft geridi= 
tete Frage: IDas toill idi? beantn7ortete er alfo: 
«IDas tüill id]? Dienen tuill id]. IDem irill id] 
bienen? Dem fjerrn in Seinen Clenben unb firmen. 
Unb coas ift mein fobn? Id] biene toeber um Eobn 
nod] um Dank, fonbern aus Dank unb Hebe; 
mein Cobn ift, ba|^ id] bienen barf» Unb toenn 
fd] babei umkomme? Komme id] um, fo komme 
id] um, fprad] Cftber, bie bod] Ibn nid]t kannte, 
bem zu riebe id] umkäme, unb ber mid] nid]t 
umkommen läßt. Unb roenn id] babei alt cperbe? 
So lüirb mein f]erz grünen tuie ein Palmbaum, 
unb ber l]err toirb mid] fättigen mit önabe unb 
erbarmen. Id] gebe mit Frieben unb forge nid]ts.»> 
ein anberes TTIal fdirieb Cöbe mit Bezug auf ben 
Diakoniffenftanb: **ld] gäbe mein feben unb alles, 
toas es in fid] bat, für ein ölas TIarbe auf bas 



fjaupt meines Ijerrn. Da er mir aber entrückt unb 
ferne weggezogen ift, fo nehme idi midi unb alles, 
toas id] bin unb babe, CDie eine Traube unb preffe 
es aus, um Seinen auseripäblten Stelloertretern 
ein kleiner f abetrunk zu tuerben. Preffe mit mir 
beine Traube aud] aus, bringe bein febenskeldi= 
glas bem Ijerrn , unb Seine Clenben follen es ganz 
austrinken auf bein IDolil. Das ift fdiöner als alles 
ölüd^ ber Crbe.« Das Od}t, bas, inbem es anberen 
leuditet, fidi felbft oerzebrt, toar ibm ein fdiönes 
Symbol aud] für bie Diakoniffe, roie es in bem 
Diakoniffengebet beißt: «Alle meine Dinge, hk idi 
früber getrollt, alles roas idi fudite unb nidit babe 
erlangen können, bas fei begraben. Cines tpill idi: 
idi toill bem (lerrn bienen! Cin 3iel ipill idi baben: 
idi roill fein roie bas brennenbe Odit, bas fidi 
felbft oerzebrt, inbem es anberen leuditet. In bem 
beilfamen Sdieine für bie Clenben unb Armen 
unb Kleinen , töill idi tnidi oerzebren, unb irenn 
meine 3eit kommt, bann nimm midi, obne baß 
idi etroas anberes mill, bin in Deinen Freuben= 
bimmel. — faß midi nidits anberes mebr fudien als 
bas: nieine Urbeit fei meine freube, Dein Wo\)U 
gefallen mein Troft; mein öebet, meine Tlnbadit, 
mein feiiger Umgang mit Dir, bas fei meine 
IDonne, bis idi fterbe.» Cifrig forfdite babei £öbe 
bem biblifdien Diakoniffenamt nadi unb Stellen 
tpie Rom. 16; 1. Tim. 5,3-16 tpurben oon ibm 
baraufbin ipobl burdibadit; mit Bezug barauf, baß 



Die Diakoniffe tocnig im Heuen Teftament eripälint 
tpfrb, fagte er roolil: «Die Diakoniffin ftelit eben 
in ber Bibel, toie im öarten bas befdieibene üeildien, 
kenntlid] burdi feinen öerudi, lieblicJ} oor öott 
unb nienfclien, in einer Perborgentieit, bie öott 
felbft gecDollt bat.» 

Cöbe badite bei feinem Diakoniffenibeal roobl 
an «b'iQ gottoerlobten Jungfrauen» ber alten Kirdie, 
aber, irie Deinzer fdireibt, er verkannte nicht, «baj^ 
bas eoangelifcbe Diakoniffentum anbererfeits aud} 
etroas fo Heues, Eigenartiges fei, ba(^ es nicbt ein= 
fad] in alte Sdiläudie, b. b. in antike Formen 
kirdilidien febens gefaßt roerben könne, baß mit= 
bin- bas Ibeal einer eoangelifdien Diakoniffin erft 
gefdiaffen, burdi cbarakteroolle Perfönlidikeiten im 
Diakoniffenftanbe erft oorgelebt toerben muffe.» 
IDenn er barum bie Sdilagroörter ber romifdien 
örben: Hrmut, Keufdibeit unb öeborfam aud] für 
bas eDangelifd]e Diakoniffentum in Hnfprud] nabm, 
fo ipar er fid] über ben Unterfd]ieb oöllig klar, 
baß in ber alten Kird]e ber burd] öelübbe gebun= 
bene, in ber eoangelifd]en ber oöllig ungebunbene 
freie n)ille bie brei eblen Früd]te trägt. «Der freie 
roille ift ber Boben, auf n?eld]em bas proteftantifd]e 
Diakoniffentum enpad]fen muß, unb zipar ber oöllig 
ungebunbene in feiner täglid]en Erneuerung.» 

Die grünblid]e unb allfeitige Husbilbung ber 
zum Diakoniffenftanb fid] melbenben Jungfrauen 
lag föbe gar febr am fjerzen. Er ftellte fid] babei 



ein boppcites 3iel: «Peroollftänbigung unb l^ebung 
ber allgemeinen unb Erteilung ber befonberen 
Berufsbllbung.» Im britten Jaliresbendit ber Tlnftalt 
entroarf Cölie ben Celirgang irie folgt: «Jeber Kurs 
cDirb mit einleitenben Porträgen eröffnet, tueldie 
keine anbere Tlbfidit liaben, als bie Sdiülerinnen 
zu einer richtigen Tiuffaffung ihrer Stellung in einem 
Diakoniffenhaufe, in einer diriftlidien öemeinbe unb 
in ber Kirdie zu bringen. Tln ber Spitje aller Por= 
träge fteht einer über flmt unb Beruf ber Dia= 
koniffin nadi bem IDort öottes unb ber öefdiidite. 
Diefem folgen Porträge über bie züditigenbe Ciebe, 
roeldie im Diakoniffenbaufe Königin fein foll ; über 
bas Eefen im göttlidien IPort, öebraudi bes Bet=: 
budis unb ber Poftille, über bas Ijerzensgebet über 
bas jungfräulidie feben, über ben öottesbienft, 
über ben feligen öebraudi ber Beidite unb Kommu= 
nion. 'lieben biefen einleitenben Porträgen gebt 
eine Repetition unb PerooUftänbigung ber allge= 
meinen Sdiulkenntniffe ber; Übung unb Unterriebt 
im öefang unb im 3eid]nen gibt bem feben im 
flaufe liebung, Unmut unb Feier. 3u gleicher 3eit 
tritt bie Schülerin in ben phyfiologifchen Teil bes 
ärztlichen Unterrichts ein. (Der ärztliche Unterricht 
ipar auf zroei Semefter oerteilt.) Im ztpeiten Teil 
bes halbjährigen Kurfus tritt bie befonbere Belehrung 
über bie geiftliche Krankenpflege unb bie flnipeifung 
zur Kinbererziehung unb zum Kinberunterricht, zur 
Führung oon Kleinkinberfchulen unb Rettungs= 



anftalten lieroor.»» Der gefamte Unterricht tourbe 
in ber erften 3eit allein oon fölie gegeben. Der 
Jubiläumsberidit fagt oon biefer feiner Tätigkeit: 
«Eölie's öeift bilbete fidi feine Heute. TDas er Dor= 
trug, balb in einfadifter Bibelerklärung, balb im 
fiodiflug feiner finnenben unb ooripärtsftrebenben 
öebanken, Crlebniffe zur Erläuterung, kirclien= 
gefdiiditlidie Bilber, Hlärtyrergefdiiditen, Reife= 
befdireibungen, bie öebeimniffe bes Kalenbers unb 
ber Redienkunft, . . ob er bie Bebeutung |ber 
fdiönen Sdirift erläuterte, er felbft ein lüeifter, 
. . . . tuenn er oollenbs in bie lierrlidikeit ber 
beutfdien Spradie einführte, bie'[öefd]id]te eines 
Polkes erklärte, . . . immer ipurben feine öebanken 
oon eifrigen, oerftänbnisDollen f ehrerinnen . . . . 
aufgenommen, oerarbeitet, in Kleingelb umge= 
roedifelt unb toeiter gegeben. Unb es ipurbe 
luditiges gelernt.»* Die Schülerinnen unb Schroeftern 
ber erften 3eit zeichneten fich burch große Be= 
gabung aus unb ließen fich aufs höchfte begeiftern 
burch Eöhe's Eehrroeife. Einer befonberen lDert= 
fchätfung erfreute fich im Unterricht ber^^Kalenber, 
meil, roie er fich roohl ausbrückte, hier Tlatur unb 
önabe im innigften Perein erfcheinen. Er nannte 
ben Kalenber «ein herrliches Eehr= unb Bilbungs= 
mittel für Kirche, Schule unb Ijaus. IDer in bem 
unterrichtet ift, toas er vom Ijimmel unb ber Erbe 
berichtet, hat oiel oon ber Tlatur gelernt, unb toer 
ipeiß, toas bie Texte unb bie fefte unb bie Hamen 



beuten, ber lueil^ melir als bie Tllenfdien unferer 
Tage aus ber Schrift, ber eefcöidite Jefu unb feiner 
lieiligen Kirdie,» Tlus biefen öebanken tieraus oer= 
faßte fölie im Jalire 186X bas ««TTlartyrölogium«, 
toeldies zu jebem Kalenbernamen eine kurze 
febensfkizze bes betreffenben lieiligen gab unb 
ipolil beffen Bebeutung für bas Reid] öottes l]erDor=: 
l]ob. IDenn im Diakoniffenliaus beim 0efangs= 
unterricl]t ber Pfalmengefang in ben Uorbergrunb 
trat unb bem gottesbienftlichen feben eine Be= 
reidierung gab, fo irar bas aud] Cobe's üerbienft 
einer grünblidien Tlusbilbung ging zur Seite eine 
immertpälirenbe Fortbilbung ber Diakoniffen. In 
ben fogenannten «akabemifdien Stunben« bot er 
ben Diakoniffen aus feinem großen IDiffensfctjat? 
unb feiner perfonlidien Crfabrung immer roieber 
neue unb bereidiernbe Anregungen. Die Diakoniffen= 
bilbung, coie er biefelbe burchzufüliren fudite, ipar 
Don bem örunbfat? geleitet: «Alle Tüditigkeit unb 
Berufsbilbung ift kainifcl) obne lierzensbilbung unb 
lieiligung.« 

Die öeftaltung ber Diakoniffenanftalt als eines 
eigentlidien Tllutterbaufes ergab fid] aus ben üer= 
llältniffen felbft. IDie toenig fölie anfänglidi an 
ein feft organifiertes Diakoniffenmutterliaus 
badite, gebt aus ben <*Bebenken über toeiblidie 
Diakonie» beutlidi bcroon Cr cDollte nidit ein 
Diakoniffenbaus, biefe «ITIadit über bem l]aupte 
bes IDeibes» (1. Kor. 11, 10), zunädift baben, fonbern 



eine burct) bie fanbe gelienbe Dfakoniffengemelnbe, 
bie in ben orten, oon benen fi^^ i^ire Bilbung emp= 
fangen füllten, roie ben geiftigen Ausgangspunkt 
fo ben innerlidien mittel unb Cinigungspunkt 
llätten unb ben öemeinben zurückgegeben, bie 
ibre Husbilbung verlangt unb beftritten hätten, für 
biefe ein Salz unb burdi biefe unb über fie hinaus 
«cDürzenbe Kraft« roären, Cs follte TIeuenbettelsau 
nad} npcftelgefd}. 2, 42 geipiffermaj^en ein «*3entrum 
apoftolifdier Cebensbetätigung» iperben. «I]ier follte 
ein fefter, tragkräftiger unb tragfreubiger örunb 
gelegt irerben, in bem bie febre Chrifti unb Seiner 
npoftel aus bem Ulten Teftament erläutert, im 
fidite bes Heuen oerftanben, burdi ben öang ber 
öefcbicbte beroiefen unb oerbeutlidit tperben, bie 
(jerrlidikeit lutlierifcften Bekenntniffes in Cieb unb 
Sdirift unb örbnung, in Oturgie unb Sdimuck, in 
Farbe unb Ton gepriefen unb gezeigt fein follte.« 
nis bie in ben «Bebenken« niebergelegten öebanken 
rd)on eine beftimmte form angenommen hatten, 
meinte er nod]: «ITicht für immer, fonbern nur 
einftcDeilen roollten tpir uns in TIeuenbettelsau felbft 
f^t?en,« es kam anbers. Eöhe roar auch hier ber 
TUann, bie rechten Hlaßnahmen zu treffen, auf 
welchen bie toeitere Cntroickelung bes Hlutterhaufes 
Tich aufbauen konnte. Die fich bilbenbe Diakoniffen= 
gemeinfchaft nannte er tpohl gern in Anlehnung an 
1. Kor. 16, 15 «ben örben oom liaufe Stephana.« 
TDurben in ben erften 3eiten bie Diakoniffen 

eidjner, Cöljc. q 



meift mit «Fräulein» angerebet, fo kam allmäl]= 
lidi bod) ber TIame «SditDcftern» in öcbraudi. 
Diakoniffen fdiloffen fid] an bcmfelben Ort ober 
in berfelben öegenb zu Kapiteln zufammen, 
«in benen fie Rcil burdi gemeinfames öebct unb 
f efen bes göttlidien TDortes, burd) gegenfeitige ermal)= 
nung unb Seelforge in ber Treue bes IDanbels unb 
ber Berufsfülirung unb im Becpußtfein ber öemein= 
fdiaft ftärken follten.» Pom Jal}re 1X5E ab oer= 
mittelte ein eigens gegrünbetes Blatt: «Correfpon= 
benzblatt ber Diakoniffen oon Heuenbettelsau»» ben 
geiftigen flustaufd) unb ftärkte bas öefubl ber 3u= 
fammengeliörigkeit. eine befonbere Diaköniffen= 
tradit, bie lange öegenftanb ber Kritik roar, fülirte 
fidi allmälilidi Don felbft ein. £öl}e roußte biefelbe 
fpäter in finniger IDeife *) zu beuten unb bezeidinete 
fie als «ipolilfeil unb fdiön zugleidi unb bennodi 
niditftatiös, iPölilabermagblidi.»> In feierlidien Hanb= 
lungen (Flusfegnung burdi Oberin unb Sdiipeftern= 



*) Die fdiparzi? Kleibung follte auf IDeltentfagung Deuten, 
bie ipetl^e Sdiürze, bie zum feiertäglidien Sdimuck geijörte, follte 
an jenes Cinnentudi erinnern, mit bem «ber größte aller Dia= 
honen»» fid) gürtete, als er fidl anfcl)ickte, feinen Jüngern bie Fü|^e 
zu [pafcl}en. Diefelt7e Sdiürze cpurbe an IDerktagen in Blau ge= 
tragen, ber Farbe ber Beftänbigkeit unb Treue. UerDollftänbigt 
ipurbe biefe Tradit burd) einen bei feierlid)en 6elegenl)eiten 
getragenen Sd)leier, ber «als eine niad)t auf bem fjaupte ber 
Diakoniffm»» eine erinnerung baran fein follte, baß»» fie fid) bem 
ecDigen Bräutigam Ct)rifto, fo lang es ihm gefällt, unb er fie nid)t 
anbers füt)re, zum Dienft für feine firmen unb ^lenben ergeben 
l)abe.»» Die ipeiße fjaube luar urfprünglid) bem CanbDolk ab= 
gefel)en. 



fcbaft, Cinfegnung burdi bcn Seelforger) tpurbe . ber 
3ufarntnenlialt bes fiaufcs ben Sdiipcftcrn ftets 
aufs neue nat]egebrac!]t Diefe Feiern, liturgifdi 
rejd) ausgeftaltet oerfeblten ihres Cinbruckes nidit. 
In ben «Cinfegnungsreben», rpcldie Cöl}e babei hielt, 
tüurbe bie Bebeutung unb ber3a7eci^bes Diakönif|'en= 
tums immer roieber oon neuem beleuditet. fjatte 
f öbe als Kektor bie ganze Teilung unb fluffidit bes 
fjaufes in ber f]anb, fo roar bie innere feitung 
Sadje ber «Frau Oberin». Pon ben brei Por= 
ftelierinnen, roeldie bei ber Begrunbung bes Ijaufes 
an beffen Spitze getreten cparen, coar Karoline 
Rlieineck am 21. Huguft 1855 geftorben unb lielene 
oon Uleyer (f 26. Febr. 18X8) hatte in ITürnberg 
mit ihrer Sditoefter bie «Pflege^ unb Krippenan= 
ftalt» ins Eeben gerufen, roährenb fimalie Rehm 
mit bem Titel «Frau Oberin» bis an ihren lob 
(11. Illärz 1SX3) bem [jaufe oorftanb. Seit 20. npril 
18E3 ift Oberin bie Diakoniffe Therefe Stählin, 
ipelche am 4. flpril 1E57 in bas JTIutterhaus ein= 
getreten toar. 

Die 3ahl ber Schtoeftern touchs. Hls fohe 
ftarb zählte man 96 eingefegnete unb 55 Probe» 
fditoeftern, alfo 151 Diakoniffen. Cin flrbeitsfelb 
nach bem anbern erfchloß fid]. Cs tparen zuletft 
23 einheimifche Stationen, überall in Bayern zer« 
ftreut, unb E außerbayerifche Stationen. Die Dia= 
koniffen getpannen Schritt für Schritt bas Per= 
trauen unb roahrten burch treue unb geroiffenhafte 

9* 



Arbeit bie Clire ilires Tllutterliaufes. In ben Kriegs= 
zelten bes Jalires 1866 unb oor allem 1870|71 
lelfteten fle erfprleßlldie DIenfte. Im Jal}re 1867 
erhielt fölie bereits in Anerkennung feiner Tätlg= 
kelt auf bem öeblete ber Diakonle unb feiner üer= 
blenfte um Pflege bayerlfcfter Dertounbeter Im Krieg 
oon 1866 bas Ritterkreuz 1. Klaffe oom örben bes 
lielllgen Tllichael, «bie einzige öffentlldie Fluszeicl]= 
nung, bie fein Wirken jemals fanb.»> Bei blefer 
öelegentjelt kam tobe nad] Tnundien unb legte 
gleldizeltlg ben örunb zu ber reldigefegneten Tätig= 
kelt TIeuenbettelsauer DIakonIffen In ber bayerifcben 
Refibenzftabt Uon ber Königin Hlarie tourbe er 
bamals In Aubienz empfangen. Die «*berzensgute»> 
Furftin, bie Dettelsau unb Cöbe längft gern gefeben 
bätte, freute ficb ber Unterbaltung mit Ibm unb 
bebnte blefelbe über IV2 Stunben aus. 

öroße erfolge iparen erzielt, aber audi nilß= 
trauen unb üerkennung ipurbe bem fiaufe unb 
feinem örünber genug zuteil. IDenn oiele Por= 
urteile nadi unb nadi ubercpunben rourben unb 
bie Diakoniffenarbelt eine liebepollere IDertung fanb, 
fo ipar bles bie Frudit ber unabläfflgen Arbeit 
Cöbe's in ber Diakonlffenfadie. lücbtlge, gerelfte 
Perfönllcbkeiten gingen aus feiner Scbule beroor. 
Cr felbft betrieb mit bellig<2rn öebetselfer fein großes 
IDerk. IDas er oon öottjidi Immer tpieber erbat, bas 
follte er in IDIrklidikelt fein: «faß midi in Deiner 
f]anb fein ein IDerkzeug bes Segens unb Deiner Cl]re.*> 



10. SdirlftrteUerirdje Celftungen^ 



Dernadimaligeöbcrkönfiftorialpräfibent D. von 
Stäblin zätilte £öl]e zu bcn «bebeutenbften kircl]= 
lidien Sdiriftftellern bes Jalirliunbcrts.» Unb in ber 
Tat Dcrbicnt biefe Seite feines IDirl^ens befonbers 
berDorgelioben zu tperben. IDas föbe an tiefen 
unb grollen öebanl^en in fid] trug, bem CDußte er 
mit glulienber Berebfamkeit, in ebelfter Sprache 
flusbruck zu oerleilien. Pilmar zollte ihm balier 
bas £ob, feit öoetbe habe niemanb mehr ein fo 
fcl]önes Deutfdi gefdirieben, toie f öbe.*) ]\}m eignete 
eine ungecDöiinliche Hlacfit ber Spraci]e. Cr Der= 
fügte über eine feltene rd)riftftellerird)e Begabung. 
In ben Dienft feiner glänzenben Teiftungen für, bas 
Reidi öottes fteüte er bas gebruckte IDort. Daburdi 
brang er mit feinen Plänen unb Cntroürfen in 
roeitefte Kreife feines Polkes unb fo floffen il)m 
CDieber bie lielfenben Kräfte unb mittel zu, ireldie 
er braud)te, roenn feine IDorte in \>k Tat umgefetjt 



*) ein alter eaftbofbefit^er in Carlsbab, ber 6öetl)e Don 
feinem bortigen flufentl}alt ber i?annte, war erftaunt über bie 
frappante flliniiclikeit ber erfdieinung unb bes Auftretens Cöbe's 
mit bem bes Dichters. Das Ruhige, IDurbeDölle bes Beneljmens 
beiber mag ben alten ITIann zu feinem Dergleidi oeranlaßt 
haben, fchreibt Deinzer. Cöhe felbft roar oon ber Sctiönbeit ber 
Sprache 6oethe's ftets eingenommen, «<ipenn er ihn auch als 
IHenfchcn oerabfcheute.»> 



tperben füllten, flllc feine Sdiriften, iPol}l über 
fedizig: «finb aus Den Crfabrungen bes geiftlidien 
Amtes beroorgeipaclifen, bienen praktifdien Be= 
bürfniffen unb finb babei faft immer oon einem 
größeren kirciiiidi=ibealen (]intergrunb getragen.« 
Sdilidite Traktate roedifelten mit tiefgegrünbeten 
Unterfudiungen/kurze fluffätfe mit ftattlidien Büdiern. 
Der augenblick!iciien3eitlage, befonbersin ben ernften 
Kampfeszeiten, bienten aufklarenbe üerteibigungs= 
fdjriften unb roieberum anfefinlidie Prebigtfamm= 
lungen oermittelten feine öebankeniuelt bem f ern= 
ftelienben. Überall paarte fidi getpiffenliafte Durdi= 
fuörung mit roiffenfdiaftlidiem Streben. Unb ipenn ein 
öerci)iclitsforrcl)eripieKankeDonbem£öl)eTcl}enBucl}e: 
«crinnerungen aus ber Reformationsgefcbiclite in 
Franken» (1847 . . , Die Jal}reszal]l in Klammer be= 
beutet immer bas Jal]r bes erften Crfcfteinens) fagte, 
Cöbe zeige Beruf zum fiiftoriker, fo fällt fold] ein Ur= 
teil ins öetoidit. öefdiiditlidier Sinn ipar eine ber be= 
fonberen Cigenfcftaften Eölie's unb berfelbe ift zu 
finben in allen feinen Schriften, modite er bie ngenben= 
frage belianbeln ober über bie Diakoniffenfadie 
nadibenken, modjte er erbauliebe Büdilein, ipie 
«Conrab» fdireiben ober fein «Ulartyrologium» zu= 
fammenftellen. Cöl}e lebte in ber öegentoart unb 
laufcbte ilir bie Bebürfniffe ab, er forfdite in ber 
Pergangenbeit unb bradite für feine 3eit unge= 
liobene Sdiät?e ans Odit, er fdiaute in \in 3ukunft 
unb ließ in feine ITIitojelt Croigkeitsgebanken fallen. 



Die Prebigtfammlungen feien an erfter Stelle 
genannt: «Sieben Preöigten» (1X34); «Prebigten 
über bas Paterunfer»> (1835); «eoangelienpöftille» 
(1X4E); «17 fektionen für bie Paffionszeit» (1854); 
«epiftelpoftiüe» (1858); «Sieben Porträge über bie 
IPorte Jefu Clirifti oom Kreuze»> (1859). Tladi feinem 
Tobe ipurbe oon feiner loditer eine ipeitere PrebiQt= 
fammlung für bk feftlidje ijälfte bes Kirdienjalires 
tierausgegeben, foipie bie erbaulidien Betraditungen 
«Daoib unb Salomo*>. Pen feinen Prebigten urteilte 
D. 0. Stäiilin: «öroß ift £ölie als Prebiger, er 
zälilte zu ben größten bes lalirbunberts. Cs tritt 
aus feinen Prebigten ebenfo bie unmittelbar quel= 
lenbe Kraft einer tief in öottes IDort eingetauditen 
originalen Perfönlidikeit, als bialektifdie Hbrunbung, 
erliabener Sditoung unb liturgifd]e Feier entgegen. 
. . . . Urroüdifige Kraft, blülienbe Pliantafie, pro= 
plietifdien Crnft atmen feine erften liomiletifdien 

Crzeugniffe Das üollenbetfte bietet er in 

feiner eoangelienpoftille: Tiefe Derfenkung in ben 
Text abgeklärte, ebenmäßige form, plaftifdie Scl]ön= 
fteit, teilroeife, namentlid] in ben Feftprebigten ein 
liturgifdi=l]ymnifclier Ton zeidinen fie aus. Tief« 
gelienbe Sdiriftauslegung, großen Keiditum ber fln= 
ipenbung bietet bie Cpiftelpoftille. üortrefflidi finb 
audi bie «fieben Porträge über bie IPorte lefu Clirifti 
oom Kreuze«. 

«Als hk Frucht feines Cebens unb TPebens im 
nmte» bezeichnete folie felbft bas «f]aus=, Scl]ul= 



unb Kirdienbudi für Cbnftcn bes lutlicrifctien Be= 
kenntniffes»> unb fagtc oon bemfelben: <*lcli liabe 
nidits Befferes naciizulaffen.*> Das l^ausbucJi war 
audi ein Teil feiner Ciebesarbcit für Tlorbamerika 
unb bie bortbin ausgecoanbertenpeutfchen rutbera== 
ner. Cs follte burdi basfelbe ben Altern, roeldie 
obne alle kirdilidie Pflege in ben Prärien unb 
TDälbern norbamerikas irobnten, (janbreidiung 
unb Anleitung zu teil roerben, ipie fie ibre Kinber 
in ben flnfangsgrünben cbriftlidier Erkenntnis unter= 
tpeifen follten. «Solcben Cltern», fdirieb er in ber 
Porrebe, «mit biefem Budie eine liilfe in bie 
IDüftenei zu bringen, roar bes Perfaffers unb 
Herausgebers liebftes Augenmerk bei feiner Arbeit.»* 
Der erfte Teil, beffen Inbalt ift: ber kleine Kated]is= 
mus Dr. ITIartin Cutbers mit IPorterklärungen, 
Fragen unb AntiPorten zu ben fedis liauptftucken, 
Sprudikatediismus, Dr. Bartbolomaei Rofini Frag= 
ftucke auf bk bobcn Fefttage, Betbudilein für 
Kinber, Pom Ausipenbiglernen - erfdiien im Jabre 
1X45. Bebeutenb fpäter (1859) erfdiien ber zireite 
unb britte Teil. Der zroeite Teil mirb eröffnet 
burcb einebelebrenbeCinfubrung in bie oerfdiiebenen 
Gebiete kirdilicben Eebens unb bringt bann ein 
Kaienbarium, Cektionarium, Oratorium unb Cbroni= 
kon. Im britten Teil bes Hausbuches tpurbe ber 
Pfalter abgebruckt in Bearbeitung bes um lDieber= 
belebung bes Pfalmengefanges bodioerbienten 
Freunbes Friebridi l]ommel. 



Bcfonbers gefegnet roaren Cölie's öebetbudicr, 
bje ipeit oerbreiteten «Samenkörner bcs öcbetes» 
(1840), bie «Kaudiopfer für Kranke unb Stcrbenbe 
unb bercn frcunbe» (1840). fiicr toären cDobl audi 
zu nennen bie trefflidien Beiditbüdier: «einfältiger 
Beiditunterridit» (1836) unb «Beictit= unb Kommu= 
nionbudi für eoangelifdie Cl}riften»> (1837) bekannter 
unter bem Titel: «Prüfungstafel unb öebete für 
Beidit unb flbenbmalilstage». 

TDertPoll era7iefen fidi bie «Drei Büdier oon 
ber Kirclie*> (1845) unb bie paftoral=tt}eö!ogifcl]e 
flbbanblung : «Der eoangelifdie öeiftlidie« (1852). 
Cetftere coar aus Cölie's Tätigkeit in ber Hliffions^ 
anftalt lieroorgegangen. Das ztoeite Bänbdien 
(1857) toibmete er aud] «ben 3öglingen ber beiben 
engoerbunbenen Pflanzfdiulen bes eoangelifdi^ 
lutlierifdien Prebigerfeminars IDartburg in St. Se= 
balb am Quell, Jotoa, unb ber eoangelifd]=lutl}eri= 
fdien Tniffionsfdiule zu Tleuenbettelsau in TflitteU 
franken.« 

In ben kirdilidien Fragen über Stellung ber 
öemeinbe zum lieiligen Umt roeldie in Umerika 
brennenb courben, gab Töbe's flnfdiauung beutlid} 
zu erkennen : «fipliorismen über bie neuteftament= 
lidien Ämter unb ilir üerl]ältnis zur öemeinbe», 
(1849) unb <^\!\^ neuen npl)orismen»> (1851), ipeld]' 
letztere Deinzer «als feine bebeutenbfte tlieologifdie 
feiftung»> bezeichnet. In jenen ernften 3eiten, ba 
Cölje ritterlidi für echtes Cuthertum in Bayern 



kämpfte, erfdiienen mehrere Arbeiten, roeldie biefe 
Perliältniffe beleudjteten. Baönbredienb courben 
bie Arbeiten, ipeldie £öl}e über bie flgenbenfrage 
Deröffentlidite unb muftergültig blieb bie «Rgenbe 
für diriftlidie öemeinben lutt)erifd]en Bekenntniffes»>. 
In erfter Cinie cDollte er mit ber TIgenbe (1S44) 
bem Bebürfnis ber neugegrunbeten luttjerifdien 
öemeinben in Ilorbamerii^a bienen unb aus biefem 
örunb ift biefelbe audi bem bamaligen Paftor oon 
Fort IPayne, fpäterem Präfibenten ber Synobe üon 
Tniffouri, friebnd] IDyneken getoibmet, ber burd] 
feinen Weckruf £öl}e zum IPerk ber amerikanifclien 
Uliffion angeregt Ijatte. «Seine TIgenbe roirb immer 
als eine Ceiftung oon grunblegenber Bebeutung 
unb Doli fruchtbarer Anregungen für bie lutberifdie 
Kirdje ber 3ukunft gelten,» 

ein Quellenbudi für bie flnftaltsgefdiidite ipurbe : 
«etipas aus ber öefdiichte bes Diakoniffenliaufes 
neuenbettelsau»(lE70). 3ubenbeftenDeröffentlicl3ten 
Traktaten toirb ber Traktat geredinet: «Pom göttlidien 
IDorte als bem Eidite, bas zum Frieben fübrt» (1X37). 
Derfelbe tourbe aud] ins franzöfifdie überfetjt. 

öroßes Auffeben erregten hk im Jabre 1860 
erfdiienenen «Rofenmonate beiliger Frauen» unb 
bas «Hlartyrologium» (186X). Befonbers erftere 
Sdirift trug Eöbe ben oielleidit fürs erfte nidit ganz 
unbereditigten Doripurf ein, er oertrete uneoange^ 
lifdie örunbfätje unb neige zur katbolifdien Kirche 
bin. Cntfdiieben oerojabrte er ficb bagegen unb 



fdirieb: «Id] l]abe keinen Umgang mit Kömifd]= 
katbolifdien, id] habe nie einer ihrer £el)ren bei= 
geftimmt icii bin gar kein üniiänger bes Papismus, 
id] l)abe keine einzige römifdi^katliölifdie Befont)er= 
beit zu ber meinen gemadjt idi hänge, toie el]e= 
bem, an ben fymbolifdien Sätzen unb Celjren ber 
lutlierifdien Kird]e.» Eölie hatte bei Hbfaffung ber 
Röfenmonate praktifdie Flbfiditen, nämlidi «bas öe= 
bäditnis ber hingefdiiebenen l^eüigen fruditbar zu 
madien.» Hus feinem gefdiid]tlid)en Sinn heraus, 
ipeldier fo gern Anknüpfungspunkte für bie öegen= 
ipart in ber Uergangenheit fudite, lä|^t fidi ipohl 
am beften hk Streitfrage fdiliditen, Cr roollte mit 
biefen (leiligenbilbern feiner 3eit fittlidie Impulfe 
geben, ohne babei aud} nur irgenbtoie ben Stanb= 
punkt eoangelifdier Glaubensfreiheit zu befdiränken. 
nur^bie luiditigften Sdiriften tourben ertpähnt. 
es hätte iPohl nodi einmal hingeipiefen roerben 
füllen auf: «Conrab, eine öabe für Konfirmanben»>, 
es müßte eigentlidi genannt coerben bas Büdilein: 
«*Dön ber toeiblidien Einfalt« ober «Cebenslauf einer 
heiligen Hlagb öottes aus bem Pfarrftanbe» — bod) 
es mag genügen, mit ben genannten Sdiriften 
£öhe's rchriftftellerifdien Fleiß roenigftens ahnen zu 
laffen. IDie bebeutfam alle feine Peroffentlidjungen 
toaren, erhellt aus ber latfadie, baß bis in bie 
öegenipart feine Arbeiten neue Auflagen unb ftete 
Beipunberer finben. So heißt es in ben Paftoral= 
blättern (48. Jahrgang 1905/06): «In ben lOirrniffen, 



in bje !ieutzutagc bei oiden bic innere Stellung 
zur Kirdie geraten ift, modite idi reclit naclibruck= 
lid] auf bas feine Budjlein aufmerkfam madien, 
bas einft IDillielm Tölie gefdirieben bat: «Drei 
Büdier oon ber Kirche.« Tlidit baß es alle Probleme 
löfte ober aud} nur anrulirte, aber es ift mit fo 
iparmer Hebe zur Kirdie unb foldier Begeifterung 
fürs futberifdie unb mit foldiem — mandimal an 
Sdileiermadiers Reben erinnernben — Sd]ipung 
gefdirieben, ba|^ es audi fiebe unb Dankbarkeit 
toed^en kann. Die Stimmung bes Budies prägt 
fidi am fdiönften in ben IPorten aus: «Die Kirdie 
ift ber fdionfte Ciebesgebanke bes (lerrn, in ipeldiem 
fidi feine eigene Hlenfdienliebe unb bie Hebe zu 
feinem Solin mit entliülltem Tlntlit? zeigt. Sie ift 
ber öegenfatf ber Cinfamkeit — feiige öemeinfdiaft.» 
IPenn nadi fedizig Jaliren Budier nodi foldie Cob= 
rebner finben, tualirlidi ein gro|?er öeift muß bier 
bie feber geführt baben. 

nimmt man binzu, baß Eobe längere 3eit 
Sdiriftleiter mehrerer Blätter roar unb für bie 
oerfdiiebenften 3eitfdiriften Ruffätje lieferte, fo tDirb 
man fagen können, baß er audi als Sdiriftfteller 
gerabezu Ungeroobnlidies leiftete, ganz zu ge= 
fdiroeigen oon feinen befonberen fdiriftftellerifdien 
Arbeiten im Dienfte bes Diakoniffenbaufes. 



11« Qäuslidies unb Perrönliciies* 

Als Cölie im nuguft Des Jalires 1X37 bie 
Pfarrei Heuenbettelsau übcrnonnmen liatte, toar er 
am 25. Juli zuoor, feinem örbinationstag, in ben 
heiligen Clieftanb getreten, lielene flnbreä= 
liebenftreit, toeldie er einft in ber Kirdie zu Beli= 
rinjersborf konfirmiert hatte, CDurbe t)l2 CrtDäl)lte 
feines Qerzens. Cs roar eine «geiftlidi tief geroeilite 
C\)(i.*> In bem «Cebenslauf einer heiligen ITIagb 
öottes aus bem Pfarrftanbe»> entcoarf Cohe ein 
«tpahrhaftiges unb getreues Bilb« oon feiner lielene. 
Sie roar ihm eine treue öehilfin. Cinfalt unb 
Cauterkeit oerbanb fidi bei ihr mit fjeiterkeit unb 
frohfinn. Tiefe Religiofität, ernftes Streben nach 
fjeiligung unb große öecoiffenhaftigkeit oerliehen 
ihrem IDefen Crnft unb IDürbe. Sie roar ein Bilb 
echter IDeiblichkeit. Im häuslichen Beruf betoies 
fie große Tüchtigkeit, mit Umficht roaltete .fie im 
Pfarrhaus, roelches erft burch mehrere Umbauten 
unb Anbauten ein ftattliches flusfehen unb eine 
zipeckmäßigere Einrichtung in ber Amtszeit Cöhe's 
erhielt. Den örtsoerhältniffen cDußte fich bie 
«frankfurterin« gar iDohl anzupaffen. Der öe= 
meinbe ging fie mit beftem Beifpiel noran. Ihrem 
TTIann toar fie im beruflichen Eeben, fotoeit es in 
ihrer macht ftanb, eine Stütze, irenn fie auch ge=- 



niffentlidi fid] nidit In flmtsbinge mifdite. Den 
Pfarrkinbern wm fic eine treue, roolilroollenbe 
freunbin. TDäbrcnb fölie bie Kranken mit bem 
IDorte bes Cebens fpeifte, erquickte fie bie öattin 
mit leiblicher lDol}ltat. Einmal in ber IDodie oer= 
fammelte \k bie Knaben, bas anbere TTIal bie 
niabdien zu einer «Singfdiule» um ficii; fie befaß 
große mufikalifdie Begabung. IPenn es galt, für 
kirdilidie 3tDecke aller Art zufammenzufteuern, fo 
toar fie immer ber einigenbe Hlittelpunkt bes tpeib= 
lidien Teiles ber öemeinbe. 

Cöbe üerlebte an ber Seite feiner öattin gluck= 
liehe 3eiten. Pier Kinber gingen aus ber Che l)er= 
oor, Don ipeldien bas jungfte aber bereits im 
zarteften Tllter ftarb. ITIit großer Ciebe hing er an 
feinen Kinbern. Bis zur Konfirmation roaren fie 
ganz in feinem Unterricht unb unter feiner feitung. 
Der niartinsabenb unb bas IPeihnachtsfeft rpurben 
befonbers fröhlich begangen. Cigenhänbig fchmuckte 
föhe ipohl ben Chriftbaum. «Das Familienleben 
toar ein wahrhaft fchones, ein Familienleben im 
höheren Chor.» 

Bei allem ölück, welches bie Ehegatten gegen= 
feitig empfanben, mußte Eöhe fchon nach fechs 
Jahren fchreiben : «Ich ipurbe ber flrmfte unter ber 
Sonne.»» €in fchroeres Tleroenfieber brachte [jelene 
bem Tobe nahe. «Sie ftarb am 24. Tlooember 1X43, 
nachmittags gegen 3 Uhr, am Tobestage, in ber 
Tobesftunbe bes lierrn. f]ier guf Crben hat fie 



24 Jahre unb faft 5 ülonatc gelebt- fim 21. ITIärz 
besfelben Jalires toar bereits il]r bie eigene TTlutter 
im Tobe oorausgegangen. Cölie trug fdiiper an 
ber öattin Tob. Hlit ftiller, ernfter Feier beging er 
alljälirlid] ben Sterbetag. Im Jabre 1S57 fcörieb 
er: «Seit 14 Jaliren ift mir mein perfönlidier öang 
ein trüber , mein irbifdies Ceben eine abgebrochene 
Säule; aber meine öälfte ift in ber lierrlidikeit bes 
ßerrn unb mir ift auf meinen Ruinen hW Sonne 
bes febens böber geftiegen unb fid]t unb Klarlieit 
ift mir in manches öebiet gefallen, bas mir Dor= 
mals näctjtlicti roar.» Cinfam toar er geroorben, 
feitbem bas IDeib feiner IPabI ihm genommen 
wnr, unb ein einfamer IITann ift er geblieben. 
TDol)l bas Pfarrhaus tourbe ber Sammelpunkt gar 
oieler Hlenfclien, Freunbe Don nah unb fern kehrten 
gaftlicherroeife hier ein, bie h^rantoachfenben Kinber 
brachten feben unb Sonnenfchein in bie «Pfarr= 
hutte« — aber bas Gefühl ber Pereinfamung rourbe 
oom fjausoater nicht mehr genommen. :: Unb^ es 
roar «ipie eine Sage aus feruDergangenen 3eiten«, 
tDenn Cöhe auf bie Jahre feines ehelichen ölückes 
zu fprechen kam unb er irehmutsooll abbrach: 
«fluch ich tpar einmal oerheiratet.» Sein [Ceben 
erfchien ihm oon ba ab als ein «getroftetes Clenb». 
Pom Jahre 1X53 an übernahm Cohe's Tochter bie 
Führung bes Qaushaltes, nachbem zuoor längere 
3eit eine ältere Dame bas ßausroefen geleitet hatte. 
Arn 6. Juli 1X53 ftarb Cohe's betagte JTIutter in 



x::y\anicyv:yv:^'\o^\o^vcy\ 144 roror^rcararararo 

feinem Ijaufe. Aus feinen fijänben empfing fie ihr 
letztes Tlbenbmalil unb unter feinen f]änben ift fie 
nadi hartem Kampf ^entfcölafen, toie es fidi ber 
ftets bankbare Solin einftens getDünfdit tiatte. Alien 
biefen lieimgegangenen (Sdiroiegermutter, öattin, 
jüngftes Kinb, geftorben 14. September 1E44, unb 
IHutter) bat er in ben «toabrbaft gefalbten unb 
roeibepöüen Cebensläufen, bie er über ibren Särgen 
üerias, ein Denkmal ber Cbren gefetft.» 

föbe's perfönlidies £eben ipar ausge= 
zeichnet burd] Cinfadibeit, Beburfnislofigkeit unb 
Uneigennütyigkeit. Sein Pfarreinkommen roar ein 
febr mäßiges. IDas er als oäterlidies Permögen 
geerbt, opferte er für 3ipecke ber Kirdie. Pon 
ben einnahmen aus feinen Druckfctiriften floß ein 
ftattlidier Teil ben flnftalten zu, roeldie gar mandi= 
mal in finanzieller Hot fidi befanben. «Die flrm= 
lidikeit feiner Umftänbe roar für Eobe nicht beshalb 
brückenb», fchreibt Deinzer, «roeil fie ihm Cnt« 
behrungen unb Befchränkungen auferlegte. Cr 
liebte im Gegenteil bie Urmut, bie toenig hat unb 
toenig bebarf, unb ging in ber Beburfnislofigkeit, 
bie er anbern empfahl, felbft als ITfufter ooran.» 
Seine Kleibung, feine Eebensireife roar oon hochfter 
Einfachheit. Cr befaß, foroeit fich Deinzer erinnern 
kann, roeber FImtsrock noch Cylinber noch lianb= 
fchuhe. nis er barum in ÜTünchen zur flubienz 
bei ber Königinmutter ITIarie : befohlen rourbe, 
mußte er fich bei Freunben erft ausftaffieren laffen. 



Der zu kleine flut flog ifttn bamals oom Kopfe unb Cöl]e 
mußte bemfelben burdi Straßenlänge nacheilen. Im 
Trinken unb effen roar er febr mäßig, in Speifen 
nidit a7äl)lerird), ber biblifdien Regel Cuc. 10, X 
geliorfam. Dabei übte er in ireitgelienbftem ITIaße 
öaftfreunbfcbaft unb bas Pfarrhaus burfte oiele 
unb lieroorragenbe öäfte beljerbergen. 

fötie's Uneigennüt?igkeit tuar nidjt minber 
groß. Cr nalim oon bem Diakoniffenliaus für all 
bie große Arbeit, bie er an bemfelben tat, keinen 
öelialt, aud] nicht in ber inbirekten Form oon öe= 
fdienken. Die Tnittags= unb Tlbenbkoft, bie er fidi 
üon ber Kudie ber Diakoniffenanftalt zeitroeife nadi 
liaufe bringen ließ, bezahlte er um ben bamals 
ublidien Preis. Als bie Cinparodiierung bes Filiale 
borfes Reutli nad] TIeuenbettelsau unter bem Dor= 
belialt geftattet tourbe, baß ber bisherige Pfrünbe= 
Inhaber im öenuß ber Cinkünfte aus biefem Dorfe 
bleibe, ging Cöhe barauf ein unb fdirieb an feine 
Tochter: «Dicfe Arbeit bringe ich bem Qerrn lefus 
als ein geringes Opfer meines Dankes bar, barum, 
baß Cr mich {unb Deine feiige Jllutter unb Cuch 
mit feinem Blute erkauft unb zu feinem eipigen 
Eigentum erkoren hat.» TDar nicht auch hier 
brennenbe Jefusliebe ber innerfte Impuls? 

Seine an fich ftarke öefunbheit toar Derhält= 
nismäßig frühe gebrochen. Die riefige firbeitslaft, 
ipelche in ber Pereinigung oon Pfarramt unb ?ln= 
ftaltsleitung gegeben irar, erfchütterte allmählidi 

eidjner, Cölje. 10 



feine öefunblieit. Im Jahre 1X55 tpurbe er oon 
einem fdiiueren typi]öfen Fieber befallen, 1X57 
zeigten fidi Spuren eines beginnenben Tlieren« 
leibens, beffentroegen föbe zipeimal h\2 Kur in 
Karlsbab gebrauefite.*) Damals erflelite er fich oon 
eott «eine fllterszulage irie ßiskia«. Tatfächüdi 
bauerte fein IDirben nodi fünfzehn Jalire. Im 
Jahre 1861 befudite er bas Bab Ragaz in ber 
Schweiz. In biefer 3eit fdirieb er bas öebetbudi 
für Premblinge unb Reifenbe betitelt «Rapliael»». 
Diefe Crbolungsreifen brachten es mit 
fid), baf? £ölie mehrere bebeutfame öegenben 

*) In Karlsbab madite Cölie bie Bekanntfcbaft bcs Didjters 
Julius Sturm, ber iljm eines feiner Sonette roibmcte. «In leidit 
oerliülltcr Form enthält basfelbe eine fdiöne Cijarakteriftik Cötje's» 
unb iautet: 

Dem lieben Sdiroeiger. 
Dem Bädilein ift bas muntere Piaubern eigen, 
Jet^t raufdit es platfdiernb auf am felsgeftein. 
Dann murmelt's frol], burdjblil^t oom Sonnenfdjein , 

Unb tanzt burdi 6ras unb Blumen feinen Keigen. 

* * 
* 

Der mädjt'ge Strom trägt fdion ein anbres 3eicJ)en, 
€r raufcl}t gespaltig in bas Canb hinein, 
Umtoft ben Fels mit roilben lUelobei'n 

Unb gibt bann roieber Raum bebäcbt'gem Sdiroeigcn. 

* * 

TDoiil finb fie beibe fct]ön in ibrer IDeife, 
Död) fdjöner ift ber See, auf beffen Flut, 

Die tief unb klar, ein fanfter Friebe ruht. 

* * 
* 

Um Ufer flüftcrn nur bie fjalme leife, 

Unb leife furcbt bie Flut ein leiditer Kalin, 

Unb ber brin rul)t, blickt fdimeigenb bimmclan. 



zyvo^io^yomo^zyxcyviyy 147 rorororaror^rarci 

kennen lernte. Audi begleitete er feine kranke 
Tochter nadi bem Suben unb kam über Cyon nad] 
Hizza unb Cannes, oon too er eine Illeerfalirt nad) 
ben £erinifd]en Infeln unternahm, auf bem Rud?= 
ipeg über ben Col bi Tenba nad) Turin unb lüaiianb, 
befud)te er ben Euganofee unb kehrte auf ber alten 
öottöarbftraße über bie fllpen zurud^. IlTit Bezug 
gerabe auf biefe Keife rd)rieb Cöbe im Diaköniffen= 
kalenber für 1X64: «Id) armer Ulann, oon TIatur 
ungeeignet zum Reifen, bin bod) notgebrungen 
l)ie unb ba geirefen. 1d) bin einmal auf ben 
Infeln ber fjeiligen St. ITIarguerite unb St. f)Dnorat 
ben fogenannten Cerinird)en Infeln, geroefen unb 
l)abe oon ben marmornen Ruinen über ben öolf 
Juan hinüber auf bie tDunberrd)önen l)Dl)en bes 
Cfterellgebirges unb bie hinter ihnen fid) erhebenben 
Seealpen gefehen, beim ftrahlenbften Sonnenfdiein, 
unter bem farbenfpiel bes rd)önen ITIeeres unb 
fpäter ber Hbenbfonne. So toas habe \^ nie 
cDieber gefehen unb id) möd)te bie öutrd)med?er 
aller Cänber fragen, toas fie oiel Sd)öneres ge= 
fehen haben. Id) habe oom Col bi Tenba hinab= 
gefehen in bas rd)öne, grüne, oon fd)neeigen, 
ftrahlenben Bergen begrenzte Eanb Piemont. Id) 
habe mid) mehr als einmal roieber nad) bem 
fuganofee gefehnt, in beffen milben füften bie 
hohen Berge ihre Ceiber, ihren Fuß aber in feinen 
TDaffern baben. Id) habe mehrere Jllale bie fd)öne 
Sd)a7eiz burd)zogen unb kurzum allerlei gefehen, 

10* 



fö baß id] fdiier fagen möd}te, idi bin mebr als 
einmal Segens unb Sdiauens fatt gctoorben, Unb 
nun benke, idi kann's bennodi auf ber armen 
Dettelsau nicht bloß aushalten, fonbern mir gefällt's 
ganz gut. Id] babe oiele W ftille flue oeraditen 
boren unb ibnen obne Störung meiner Freube an 
ber öegenb für ibren Stanbpunkt recbt gegeben, 
es finb aber audi öfters recbt toeit gereifte unb 
roeltkunbige lllenfcben bierber gekommen, gegen 
h\2 icb nur tuie ein unkunbiger Stubenfit^er ober 
einfiebler zu reebnen bin, hxo, aber bennocb obne 
alles mein Begebren mit ber Dettelsau zufrieben 
tparen roie icb.» Berufsreifen fübrten Cöbe in oer= 
fcbiebene öegenben Deutfcblanbs. Der flufforberung, 
nacb Amerika zu reifen, konnte er nicbt nacb= 
kommen, ipie er aucb ben öebanken an eine Paläftina= 
reife nicbt oeripirklicbte. Scbon ö. f\, p. Scbubert 
lub ibn im Jabre 1836 zu einer gemeinfamen 
«paläftinenfifcben IDallfabrt» ein. fln ben fei. Diffelboff 
oon Kaifersroertb, roelcber ibn in ben fpäteren 
Jabren für eine örientreife zu gewinnen fucbte, 
fcbrieb er in b^rzlicber IDeife, «ba(^ er an b^iligcr 
Stätte für ibn beten, ein Säcklein Onfen kaufen 
unb ben Ort, tpo ber l]err bas 1)1. flbenbmabl ein= 
gefeilt habe, era7erben roolle,« unb ergötfte ficb an 
ber nntcDort bes Scbeik, «baß, ipenn er bie IDelt 
babe, er biefen Ort nicbt zum Kauf bekommen folle.»» 
Im Jabre 1X63 unternahm Cöbe eine größere 
Reife, um ficb oon einem leichten Scblaganfall zu 



crliolen, roeldicr ibn an Pfingften t)cs gleichen 
Jahres bei ber Austeilung bes heiligen flbenbmalils 
gerührt hatte. Crnfte Sterbegebanken erfüllten fein 
öemüt. Cr Jerholte fich iPieber, ging mit freuben 
an bie firbeit, aber ganz allmählich nahm feine 
Kraft ab. In ben letften Jahren feiner IDirkfamkeit 
ftanben ihm u. a. hdfenb zur Seite Crnft fot^e, 
ipelcher zehn Jahre lang Konrektor roar, Dr. IDeber, 
toelcher fpäter fein Tlachfolger im Pfarramt rourbe, 
unb Johannes üeinzer, fein gro|?er Biograph. Cohe 
felbft ipanbte feine ganze noch übrige Kraft auf. 
Da feine Tochter zur öenefung lange 3eit in Bäbern 
fleh aufhalten mußte, toohnte ber «alternbe ITlann» 
oft allein im Pfarrhaufe. Cs rourbe immer ftiller, 
immer einfamer. Cnbe 1X69 traten neue Schroäche= 
zuftänbe ein, fo ba|^ fohe zum großen feibroefen 
mehrere UTonate auf bas Prebigen oerzichten mußte. 
Die Kraft roar erfchopft. Dann unb roann noch 
ein letztes Tlufraffen unb Fluf flackern — noch bis 
ein halbes Jahr oor feinem Tobe fuchte er zuroeilen 
zu prebigen — aber bie Tage roaren gezählt. Kurz 
üor roeihnachten 1871 trat ein neuer Schwache« 
anfall ein. Um 4. flboent begehrte er bas heilige 
flbenbmahl, er fühlte bas nahe Cnbe. Diel be= 
fchäftigte ihn in ben letzten Tagen ber öebanke an 
bie Seinigen unb bie 3ukunft ber finftalten. 3u 
letftroilligen üerfügungen ift er nicht mehr ge= 
kommen. Oft horte ber in ben letzten Jlächten 
bei ihm roachenbe flnftaltsbruber ihn bie ftille 



150 rararorarararoro 

Betoegung feiner öebankcn mit ben Eicbesiporten 
unterbredien: 

©Ott toirb's madjen, 

Daß bie Sadjen 

eel)en, roie es tjeUfam ift 

flmneujal}rstaglX72 tpar es ihm etiras toobler 
unb er empfing, in ber Sopbaecke fityenb, mehrere 
BegluckcDunfcftungen. Da, am nachmittag traf ibn 
ein letfter Sdilaganfall, er oerlor bie Befinnung 
unb tüurbe träumenb burdi bie Tobespforten ge= 
führt, fim 2. Januar 1S72 nachmittags 5 Uhr hörte 
bas lierz auf zu fchlagen. nis ber letzte Kampf 
begonnen hatte, fangen bie Umftehenben bas Cieb 
«ö f amm öottes,» unter beffen Klängen er, toie einft 
feine TTlutter, zu oerfdieiben getpunrcht hatte, unb 
beteten bie Sterbeh'tanei. Dreiunbfechzig Jahre 
10 TTIonate unb 12 Tage hatte fein Eeben gebauert. 

Tim 5. Januar CDurbe fein Eeichnam auf bem 
öottesacker in bie öruft gelegt, tpelche bereits 
bie fterblichen Überrefte ber Ungehörigen barg, 
es fanb nur eine liturgifche Feier ftatt, tpie föhe 
es fleh bei febzeiten ausbebungen hatte. Die Be= 
teiligung ipar eine allgemeine. IDie bei Ceichen= 
begängniffen oon Diakoniffen es föhe eingeführt hatte, 
fo fanb im flbenbgottesbienft bes Begräbnistages 
im engften Kreife eine öebächtnisfeier ftatt, toobei 
J. Deinzer über Jefaja 6 - eine Stelle, hk einftens 



bem örbinanbcn «am örbinationstagc in bet)eut= 
famer IDeife zugeeignet cDurbe» (Jefaja 6, 8-10; 
flpo[telg. 28. 25-- 27; Job. 12, 38-^41.)*) -- tl^ 
öblidie Parentation bielt. Hm folgenben Tag, bem 
Cpipbaniastag, l}ielt Unioerfitätsprofeffor oon 3ezrcii= 
mit? in ber Dorfkirdie bk öebäditnisprebigt unb 
feierte in Tlnlelinung an bas fefteoangelium ben 
Heimgegangenen Seelenliirten, als einen Stern, ber 
zur Sonne leitete (tuie ber Stern ber IDeifen zu 
bem neugeborenen IDeltlieilanb) unb als einen 
Priefter, ber bie anoertrauten Seelen zum Opfer 
(Opfer ber Seele unb bes Eeibes) anführte. 

ein einfadies, aber ebel geformtes Tnarmor= 
kreuz, beffen Sockel außer ben Hamen bie Um= 
rd]rift trägt: «Idi glaube öemeinfcbaft ber lieiligen, 
Pergebung ber Sünben, fluferfteliung bes Fleifcftes 
unb ein etoiges Eeben« bezeidinet folie's unb 
feiner flngeliörigen Rubeftätte. Por bem Eingang 



*) <«ld) bat»», fo erzä'bltc Cöfje, «6ott um ein IDört aus 
feinem Tllunbe an meinem Orbinationstag. Id) fdllug meine 
Bibel auf, unb f)anb unb fluge geriet auf bie Stelle Jefaja 6, 
8-10. Da, badite id), ber Text paßt nid)t, ber gefällt mir nidit, 
id) muf^ einen anbern tiaben. Da fditug id) ein zcpeites TTIal 
bie Bibel auf unb biesmal fiel mein Rüge auf Tlpoftelge^ 
fd)id)te 28, 25-27. Da batte id) zum zroeiten ITIal benfelben 
Text. Aber in meiner Torlieit fagte id): Crft red)t mag id) ben 
Text nid)t, id) muß einen anbern haben. Da fd)lug id) zum 
britten ITIal bie Bibel auf, unb biesmal bekam id) bie Stelle 
JqI). 12, 3S-41. Da rourbe mir feierlid) zu mut, zumal id) 
nun las: Sold)es fagte Jefajas, ba er Seine, Jefu f)errlid)keit fal). 
nun l)atte id) genug unb fagte: f)ier bin id), Qerr, fenbe mid).» 



bes Diakoniffcnmuttcriiaufes ftel}t zroifctien Anlagen 
bie 1873 auf Anregung ber Herren öottlieb oon 
Tudier unb flbolf oon Iiarleß erriditete ]narmor= 
büfte f ölie's. In bemfelben Jalire erfcftien ber erfte 
Banb Don IDillielm Cölie's Eeben, aus feinem fd}rift= 
lieben Tladilaß oon bem treuen Tllitarbeiter J. Deinzer 
(t 1897) zufammengeftellt roeldiem im Jaljre 1X77 
-IXSO ber ztoeite unb 1892 ber britte Banb folgte. 
Diefes gro|]artig angelegte unb trefflid] burdigefülirte 
Cebensbilb, gefcörieben oon f rcunbeslianb , rebet 
nodi beffer als Stein oon einem Großen im Reidie 
öottes zu ben nadiipadifenben öefcbleditern. 

Das fdiönfte Denkmal aber follte bleiben bas 
Diakoniffenmutterliaus Tleuenbettelsau , umgeben 
oon einem Kranze diriftlidier Barmlierzigkeits= 
anftalten. mit bemfelben bauert fort unb ragt 
lierein in bie öegentoart bas gottgefcgnete IDirken 
bes feiigen Pfarrers IDilbelm Cobe. 



12* öebanken Cölje's» 

1. öebet um Einigkeit ber Konfeffionen. 

nilmäditigcr, barmherziger Pater unferes öerrn 
Jefu Cbrifti, toir armen Sunber ooll IDel) unb Ceib, 
im öefulile ber Sünben Deiner Kirdie ipenben uns 
zu Dir unb fielen in Clirifto Jefu, Du ipolleft an= 
feilen bie armfelige öeftalt bes Ceibes Jefu Clirifti 
auf erben. 

TDir finb alle zu einem Ceibe getauft, aber 
öerr unb öott, toie finb toir zertrennt, ba|^ luir 
faft mebr Dom öebäditnis bes Streites feben als 
vom öebäditnis ber Einigkeit in Dir. Du baft roie 
Im liimmel fo auf Crben nur eine beilige Kirdie 
wollen bauen, unb nun fteben toir zu liaufe über 
ben Plan ber Crbe bin unb unfere (lerzen finb 
roeber gereinigt burdi Deine Taufe nodi burdi 
Dein IDort. 

Sdienke uns bodi, lieber lierr, oon Deinem 
ßeiligtum Deinen einigen unb einigmadienben öeift 
unb eriped^e in allen Konfeffionen ber ganzen 
Kirdie einen bciligen fiunger unb Dürft nadi einig« 
keit in Dir. 

faß uns im ölanze feben, roorinnen rrir alle 
einig finb, unb morinnen ipir meber einmütig nodi 
einfältig finb, ba gebe auf uns bas Eidit Deiner 
IDabrbeit unb bie Eiebe bränge uns, nadi Der= 



laffenem Streit unb Sdieibung anzufeilen unb zu 
faffen, toas IDalirlieit ift. 

I}ilf uns, barmherziger, etpiger öott, um bes 
f eibens roillen Deines eingeborenen Solines. flmen. 

2. Bei ber IDeibe bes Kirchhofes in 
Heuenbettelsau. 

(2. noDGmber 1840.) 

t?or biefen Toren flieht ber unoerföhnte Sunberj; 
roirb er an fie erinnert, fo roünfcbt er fie oer= 
fchloffen für eirig, nber bie öemeinbe ber oer« 
föbnten unb erloften Sunber naht fich ihnen im 
Frieben. Sie finb Pilgrime auf Crben unb Burger 
im nimmel; bie Tore fcfteiben bie IDallfahrt oon 
ber lieimat, bie IDüfte oon ber Stabt öottes unb 
ihren Brunnen. Selig finb bie, roelche oon ber 
fieimat nichts trennt, als biefe Tobespforten; feiiger, 
a7er hinüber gebrungen ift zur Ruhe bes Ceibes, 
zur Seligkeit ber Seele, (lier finb ipir unb beuten 
uns alfo biefe Tore. Das ganze Ceben ift ein 
Gang zum örabe; h^ute finb roir oorbilblich zu 
unfern öräbern gegangen. Hoch ift's Tag für uns 
unb ipir arbeiten im Schroeil^ bes flngefichts ; aber 
es ift noch eine Ruhe oorhanben bem Polke öottes; 
es kommt bie fuße Ruhe, bie Tfadit, ba man ruhet 
unb nicht mehr roirket. TDie gut cpirb's fich boch 
nach ber firbeit ruhn, toie toohl tuirb's tun! Bei= 



natie roüßten toir kdncn größern Jammer zu 
benken, als toenn roir immerbar im Ceibe bes 
Tobes, im täglidien Sterben bleiben müßten; fo 
felir felinen ipir uns nad] ber lieimat; fo felir 
finb ipir befcftroert. fieblidier als jebe grüne flue 
ift brum ber ftille Rulieplatj unferes feibes, ben 
ipir Dor uns feben. Unter feinen Toren feben roir 
Jefum fteben, boren toir feine freunblicbe Cinlabung: 
Kommt ber alle, bie ibr mübfelig unb belaben feib, 
leb tpill eucb erquicken, 

faßt uns bineingeben burdi biefe Tore, als 
tuenn es nicbt zum örabe, fonbern ins örab ginge. 
Caßt uns beten: Tlllmäcbtiger Ijerr öott, bitnmlifcber 
Pater! öleicbroie roir oon bem alten öottesacker 
zum neuen unter lautem öefang unb öebet ge= 
toanbelt finb, fo fei unb irerbe mebr unb mebr 
burdi bie önabe Deines beiligen öeiftes unfer nocb 
übriges Ceben ein Betlieb, ein Danklieb, ein Cob= 
gefang, ein ununterbrodiener, anbädjtiger Gang 
ber Seelen zum öottesacker, zur Porftabt ber £e= 
benbigen. öib, baß toir je länger je mebr oer= 
laffen, iras fterblicb unb töblicb ift, bie TDelt, ibre 
Freuben, ibre Sünben. öib, baß mir jenes Sterben 
finben, ipelcbes bie Keime unb Unfänge, bie öe= 
roißbeit unb bk Kraft eines neuen, etoigen f ebens 
in ficb trägt, bas Sterben unferer Taufe, bas Sterben 
ber Buße, öleicbirie uns bei biefem öang bas 
Kreuz vorgetragen tourbe, fo fei bas TDort oom Kreuze 
ber Ceitftem auf unferer Eebensbabn, bis a7ir gen 



Betlileliem kommen, wo wir etoig fdiaucn, ben 
unfere Seelen liebten, nodi elie toir llin gefelien. 
Unb bas famm öottes, bas ber IDelt Sunbe] trug, 
fei uns ^ber Herzog unferer Seligkeit, ber Friebefürft 
unferer Seelen im feben unb Sterben, flmen. 

3. Arbeit unb Ceiben. 

Der erfte Beruf, ben ein lüenfcli in biefer IDelt 
Ilaben kann, ift bie FIrbeit: fidi ausleben [unb aus= 
arbeiten für ben Qerrn; ber ztoeite ift ein Beruf 
bes Ceibens, ber britte ift ein zufammengefet?ter ; 
benn ber Beruf eines nienfdien ift nicht, roie er 
foll, roenn er bloß Arbeit unb roenn er bloß Eeiben 
ift; es muffen beibe Berufe oereinigt fein. Ceibens= 
arbeit ift bie liödifte, fo bat fie ber lierr gehabt, 
unb auf feinem beiligen öang follen bie Seinen 
Ibm nadifolgen. Tue bie geringfte Arbeit Cbrifto, unb 
fie ift golben, baburdi toerben alle beine f}anb= 
lungen oerklärt. Die berrlicbe Auferftebung beiner 
IDerke unb ibre Qimmelfabrt unb ibr TDobnen in 
ben !]utten öottes — bat bir bas Coangelium bas 
nodi nidit geprebigt? 

Sprich: l]err, lehre mich bie heilige Kunft, 
meine IDerke Dir zu bebizieren, bamit Du fie 
benebiziereft. Cerne bie heilige Kunft, beim ;ge= 
ringen IDerk einen Blick aufzuheben unb zu 
fprechen: Jefu, Dir tue ich's. Himm beine IDerke, 
hebe beine Seeje auf unb toibme {\2 beinem Jefus, 



fo oerklärft bu beinen zeitlidien Beruf, unb biefe 
Kunft roirb bidi lieiligen. — So mache es audi mit 
bem Beruf ber Eeiben. Cs gibt kleine Eeiben, bie 
jeben TTIorgen roieber kommen. Jebem Tllenfclien 
ift zu feinem feiben zu gratulieren, ö toie heilig 
ift jebes kleine Eeiben, coenn es nur recht Der= 
ftanben ipirb. Alles, toas bu bir mußt gefallen 
laffen, trag's in Jefu Hamen, bann tuirb Salböl 
barauf kommen; unb bir freube baraus erblühen. 
0ott ipirb bir auch ber Eeiben Urfache, bas bofe 6e= 
toiffen, cpegnehmen, fo baß bu, ber Freube doII, 
ipirft tragen können, ipas bu fo nicht tragen kannft. 
Eeiben lernt man am Kleinen. Cs gibt auch eine 
anbere flrt, Eeiben zu tragen. Du haft bas Eeiben 
kommen laffen unb bann geheult, unb bich burch=^ 
geheult, unb ipenn es ooruber toar, tuieber ge= 
geffen unb getrunken tuie zuoor. Hlach's anbersl 
IDenn bas Eeiben anklopft, tuibme es augenblicklich 
Jefu, fage; Ijerr, Dir trag ich's, bann n7irft bu Kraft 
bekommen, im Eeiben zu ipirken, unb bu roirft 
inne a7erben, toelche fierrlichkeit im Eeiben liegt. 
Freue bich, roenn bir alles bricht, wenn bu felber 
brichft. 

Ea|^ bein Eeben, auf ba|? bu es eroig finbeft. 
Eerne beinen Eebenslauf bem l^errn heiligen, bann 
erftarkft bu zu bem boppelten Beruf: in ber Arbeit 
immer zu leiben unb im Eeiben immer zu arbeiten ; 
bann lernft bu, toas fo oft geprebigt tpirb, in 
IDahrheit fagen: 



l^err Jefu, Dir leb' id), 

fjerr jefu, Dir fterb' id), 

Qerr Jefu, Dein bin id), tot unb lebenbig, 

mad)' mid) fromm unb eirig feiig. flmen. 

4. Rus einem Brief. 

Tlleinen berzlidien Dank, baß \\\x in foldier 
Ferne audi meiner nodi gebenket unb fogar an 
meinen Geburtstag Cudi erinnert. Cure freunblidien 
3eilen kamen ganz reditzeitig unb tuürben langft 
eine Tintiport bes Dankes gefunben baben, roenn fidi 
Die 3eit gefunben batte. Hlein ftilles Ceben ift 
bennodi ooll Arbeit unb Bemegung. llelimet jet?t 
meinen lierzlidien Dank, unb trenn er fpät kommt 
fo nehmet es roenigftens als einen Betueis, ba|^ er 
länger als einen Tag am Ceben ift. Ijerrn Kon= 
rektors treue IHülie trug audi mir fdiöne Frudit. 
ITIein Eieblingspfalm unb eine meiner fieblings= 
liymnen (IDadi auf mein (jerz unb finge) ipurben 
mir am Tüorgen bes 21. Februar oor meiner Türe 
fetir fdiön gefungen; wie überhaupt ein ganz 
anberer öeift in allen unfern öefängen ift. Jetjt 
in ber Faftenzeit liaben irir bas ölüd^, in ber 
ftillen niittagsftunbe, nidit bloß in ben abenblidien 
Qausanbaditen, unfern Betfaal benutzen zu können. 
Sdilag 12 Ul)r beginnt lierr Konrektor ein Prälu= 
bium; bann lieft man eine Eektion; barauf fingt 
ber Clior bes Ijaufes einen erliebenben, fcftönen 
öefang. Darauf fallen cuir nieber unb in ber tiefen, 



lautlofen Stille beten wir, ein jebes fo kurz ober 
lang es roill. Diefe Stunbe ift mir ein Paraöies — 
es ift mir auf Sdiriftftellen unb öebete fdion 
großes fidit gefallen, unb idi meine, id] ipollte 
immerzu liegen unb beten. — So hat benn aud) 
unfer Eeben eine lierrlidie Krone unb ber Segen 
unfres fo ernften unb lieblidien Betfaales ftrömt 
bereits, idi tpill nidit hoffen blo|^ auf midi. 

Hudi in ber Sd)ule ift reges Eeben. 3ipar 
bie neuen Spradien treten bei uns immer mehr 
zurud^; unfer lierz neigt fidi immer mehr bahin, 
fie fallen zu laffen, aus guten örunben, irie irir 
meinen; audi ift bie erfte Klaffe nidit mehr bie 
ebelfte, es finb ungefüge, aufrührerifdie öeifter 
ba, beren Entfernung idi tpönfdie. Im Ganzen 
aber geht es oorirärts. Die Sdiule orbnet fidi 
bem fiaufe beffer ein, ipirb immer mehr Diako= 
niffenoorfdiule. Das Diakoniffenhaus geht immer 
oorcDärts; bas Terrain roirb großer unb bie 3ahl 
tüditiger Eeute tpädift. IDir bürfen öott für Segen 
banken. Ilun gehen audi unfre Sinnen oiel in 
bie Blöbenanftalt; toir ipollen alle zufammenhelfen, 
bie Sadie zu heben. Hlir ift immer unter ben 
Blöben unb Clenben befonbers ipohl getoefen. 
Inbem idi Eudi bies fdireibe, furdite idi tuegen 
allgemeiner Haltung meiner Sät^2 langireilig zu 
cDerben; aber Spezialia fdireibt man Cudi bennodi 
genug, roie idi höre; ba furdite idi, IDaffer ins 
ITIeer zu gießen. 



fltn beften ift es, llir kommt einmal toieber unb 
galtet gelftlidie exerzitien unb Kepetitionen in 
unfrer IDüfte. Sotdie regelmäßige öänge, toie Du 
fie täglid] madien mu|]t liebe Toditer, burfen 
ipolll betenb gefcftelien, Cs kommt in bergleidjen 
öänge, id} roeil^ es, eine eigene, einfdimeidielnbe 
Anfechtung biefer IDelt: Die Rügen, bie öftren, 
bas öerz roerben ba fpazieren getragen, unb toie 
manches Kinb ift auf folchen TPegen burd} bie 
Stra|?en einer liauptftabt fdion auf innere Tlbirege 
gekommen. Ift bodi überhaupt für bas Stabtleben 
ein nüchternes, cpaches, betenbes Qerz nötig; es 
ift nötig, baß Ihr unb ipir für Cuch beten. Der 
Cngel bes lierrn geleite Cuch, Sein öeift fchreie in 
euren Ijerzen, auf allen Curen TPegen! 



5. Aus einem öebicht. 

D öottesfohn, ooll Gtoiger öeroalt, 

Tnenfchenfohn in göttlicher öeftalt. 

Der öottes macht unb Chren öberl^ommen, 

Du hochgelöbter Qerr unb Chrift, 

Der Du ber Deinigen Derlangen bift: 

3u Dir, zu Dir, zu Dir begehr' auch Id), 

Hur iDD Du bift, ba finb ich's roonniglich» 

Das felb ift golben, blumenreid) bie flu'. 
Die Berge hehr unb frei, ber Himmel blau- 
IDohl roirb's bem Tüenfchenkinb auf Crben : 
fluch mir ift alles angenehm. 



Dod) gniigt's mir nid)t, id) toill Jerufalem. 
Da, tDo Du tlironft, ba treibt mein Segel l}in, 
Heimat n7irb's nur, roenn id) baljeime bin. 

Dort flanimt ber Cngel fjeer in Deinem Eidjt, 
Unb meine üäter fdjau'n Dein Tlngend}t; 
Die gottoerlobte ITIenj'djtjeit fonber öleidjen 
Ift aufgebed^t Dor iljrem Blick; 
Don il}r roallt l^er ein unermej^lid) öliid? 
Den Seelen zu - es raufdjt itjr Freubenton 
IDie TTTeeresbraufen zu bes Cammes Tljron. 

lOas l)ält mid) auf? £a^i mid) oon bannen get)'n 
3u meinem Dolk, ben Tllenfdienföiin zu fel)'n. 
Den Blid^ nid)t nur, bie Seele roill id) taud)en 
In Seiner Sd)öne Ulajeftät 
Sd)on je1?o f reub' unb 3ittem mid) burd)tDel)t 
faßt mid) l)intDegl D Herr, l)inauf zu Dir, 
3u Deinem T!nfd)au'n fd)reit mein öeift in mir. 



eidjner, Cöbe 11 




IIL 
IDürbigung Cölje's. 

öl)e toar «ein öroßer im Rcidie öottes», 
«eine kirdilidie Perfönüdikeit im großen 
Stii»>, «ein brennendes unb fdieinenbes f id}t 
ber lutl]erird]en Kirdie bes 19. Jalirl]unberts*>, «eine 
Säule unferer lieben, lieiligen eDangelifd]=lutl}en= 
fdjen Kirclje». ,,Die geiftige Bebeutung föl}e's 
künbigte fidi audi in feiner äußeren Crfdieinung 
an. Die mäditige Bilbung feines ßauptes, bie 
auf feinen Reifen wd\)\ audi fremben auffallen 
konnte, bie l]olie Stirn, ber ITIunb mit bem nus= 
brück großer Beftimmtl}eit, bie gewaltige Stimme 
in ben Tagen ber Kraft — alles tüar ungeroolinlidi. 
Sein großes fluge roar i7on liditer Bläue unb konnte 
feör oerfdjieben blicken, febr milb, aber aud) 
burdibobrenb. Huf ben eblen 3ugen feines Tlntlitfes 
lag ein tiefer friebe, ber oft zum Qeimipeb nact] 
einer anberen lOelt ficb oerklärte.» «Sein TIame 
ift in bie öefdiicijte ber lutberifdien Kirche Bayerns, 
üeutfdilanbs, Amerikas, bie öefdiidite ber inneren 
Uliffion unferer Tage, bie öefdiidite diriftlidier Barm= 



163 r^rorararar^roto 

t]crzigkeit tief ocrflochten.» — Dies bie Urteile 
oon niännern, toeldie einem Eöl)e zeitlidi nalie 
ftanben.*) 

Die ITaditDelt toirb allen örunb haben, in 
bankbarer Perelirung biefes ITIannes zu gebenken, 
ber befeelt roar oon einem tieiligen Cifer für öott 
unb fein Reidi. Als Cöl]e fein Tlmt antrat, ging 



*) Profeffor Kal]nis fcbrcibt in bem Bud)e : «Der Innere 
6ang Des beuffdien Proteftantismus»: IDie Qarms bie Qeiben^ 
miffjon pon fjcrmannsburg aus, trieb Cölje bie innere IFIiffion 
oon Tieuenbettelsau aus. lUan liat beibe oft oerglidien. Diefe 
Dorfprebiger waren nidit im Sinne ber IDelt, aber im Sinne bes 
Keid)es Gottes große ITTänner, bie fid] rein burd) bie madit ber 
it)nen periieiienen 6aben Don it}ren abgelegenen Dorfern aus 
einen Wirkungskreis nidit bloß über bas eoangelifdie Deutfd)= 
lanb, fonbern in anbere IDelttGüe bahnten. Beibe tparen burd) 
unb burdi Ctiaraktere, mäctitig im IDort, eifrig in ber Seelforge 
TTIeifter in ber Kunft ber Organifation. IDätirenb aber l]arms 
in einem faft oerzebrenbcn örabe IDille roar, mar £öl]e meljr 
eine burdi bie önabe perklärte JTatur, bie es batjer aud) meljr 
oerftanb, Qütten auf Crbcn zu bauen, es ging burd] alles, roas 
fobe roar unb tat, mctir Rübe. Seine Prebigtcn roaren nid)t 
bloß Dolkstümlid)e 3roed?rcben, fonbern reidi an öebanken, oft 
Don rounberbarer Sdionlicit ber Form. Huf bie öebanken anbcrer 
einzugehen, roar beiber öabe nidit. IDenn aber Cöhe, oom 
nioment ergriffen, aus feinem reidien Innern feine öebanken 
entroid^elte, konnte er reben, roie es roohl nur roenige oermodit 
haben. IDie alle großen Kräfte ber Kirdje zog er feine öebanken 
aus bem Ceben. So hat er bie Kird]e, fo bas geiftlidie Amt 
gefd]ilbcrt. JTadi feinem ganzen Streben, allem, roas er fprad), 
fdjrieb unb tat, eine roürbige Form zu geben, hatte er ein 
befonberes üerftänbnis für bie öottesbienftorbnung. Seine Rgenbe 

11* 



fdion ein öcift ber Cripeckung burdi bic fanbe 
nadi ben burren 3eiten rationaliftifdier Umtriebe. 
Die Ilöte ber Kirdie unb bie Sdiäben im PoIks= 
leben lafteten fdiroer auf feiner Seele. Die Se!in= 
fudjt nadi befferen 3uftänben cpar fein innerfter 
Qerzfdilag. So trat er mit ein in bie Arbeit, bas 
Polk religiös unb fittlid] zu Ijeben, unb mit nie 
erlatimenber Begeifterung oerzelirte er (ein feben 
im Dienfte an feinen lutberifdien Uolksgenoffen. 
In feinem fjerzen loberte hx^ Flamme [peltüber= 
ipinbenben Glaubens. Cr glid} ben Proptieten ber 
Ijeiligen Sdirift unb konnte in geipiffem Sinn mit 
Clia, ber fein Eeben getoeilit batte bem Ijerrn, oon 
fidi fagen: «Idj babe geeifert um ben !ierrn.»> Cr 
bat bas Befte für feine 3eit getrollt unb ift — irie 
ein Hadiruf b^roorbob - «ein Propbet geipefen 



ift nidit bloß oicl gelefcn, fonbcrn aud] gebraudit roorben. IDö 
il)m Freilieit geftattel iPurDe, konnte er ipolil in äuj^eren Formen 
experimentieren, löas iljn aber in bem letzten Flbfctinitte feines 
Cebens 0örzugsn7eife binnaljm, roar bie Diakoniffenanftalt, bie 
er in Heuenbettelsau gegrünbet Ijatte. Um äußere IlTittel braucl)te 
er fid) nidit zu kümmern. Die roarb ber gute Uame, ben er fid) 
in ber cpangelifdien Cljriftenljeit ertoorben. Seine Gabe, allem, 
roas er geftaltete, eine finnige unb fctiöne Form zu geben, fanb 
l]ier bie itir entfpred]enbe IDelt. öbipolil Colie metjr als anbere 
ben einbruck madite, in einer tjöberen IDelt feine eigentlid]e 
fjcimat zu tiaben, l}atte er bodi oie! Derftänbnis für lnbiDibua= 
litäten unb eine befonbere öabe, tpeiblidie Gemüter in ipürbiger 
Weife zu leiten. Unb fo tnarb benn bie blübenbe Diaköniffcn= 
anftalt Cotje's ein fdiöner Beroeis, bafi XAo. innere ITIifflon im 
Bunbe mit Bekenntnis unb öemeinbeleben roalirliaft gebeiljt. 



mit öer Kreuzes= unb Kneditsgeftalt eines foldien, 
ber ipeit liinausfdiaute unb, roas er fall, mit klaren, 
nüc!]ternen lOorten ausfprad]. Cr ift roolil oon 
ipenigen oerftanben iporben, aber er luirb noch 
oerftanben coerben.*> 

Cölje coar ber Sotjn eines geachteten Kauf= 
manns. In einem aufftrebenben öemeinbetoefen 
ipudis er auf. Fürth tuar im Jahre 1E06 bem 
Königreidi einverleibt iporben nnh es enttpickelte 
fich alsbalb ein reges öemeinbeleben, toeldies bem 
heranipadifenben Knaben Intereffe ablod^te, Burger= 
lieh einfaches Familienleben umgab ihn im elter= 
liehen fjaufe, in ipelchem befonbers bie Zkb^ zum 
geiftlichen ffmt gepflegt rourbe. Schon in ber 
Jugenb lernte er ben Crnft bes Cebens unb ben 
IDert eoangelifcher ölaubensuberzeugung kennen. 
Seine Ilfutter rourbe ihm ein leuchtenbes Porbilb 
unb in innigem Derkehr mit feinen öefdiroiftern 
befeftigte fich ber ihm bis ans Cebensenbe eigene 
Familien= unb Ijeimatfinn. Pon flnfang an zeigte 
fich bei £öhe echt beutfches Cmpfinben. Schon in 
ber Schule fanb er ipeit mehr als an ben lateinifdien 
unb griechifchen Klaffikern öefallen an ben beutfchen, 
bie er eifrig unb mit Begeifterung las. IRit be= 
fonberer Ehrfurcht unb Ciebe las er bamals Jean 
Paul, ben er ipohl feinen «Cieblingsfchriftfteller» 
nannte. Im Jahre 1X26 coanberte er fogar zu Fuß 
nach Frankfurt a. HI., um öoethe felbft zu fehen, 
traf ihn aber nicht an. Fanb fein religiofes Sehnen 



^icMO^icMi^i o ^cMO^ 166 rcjrarororaiHDtoro 

in Kirdie unb Unterridit bamaligcr 3eit audi nid)t 
bie gea7un|clite Befricbigung, fo beroalirte ilin ber 
Crnft bes oäterlidien ßaufes unb fein eigenes reli= 
giöfes Ceben bodi oor üerfladjung. Für feinen 
inneren unb äußeren lOerbegang blieben bie erften 
einbrocke unb Uerl)ältniffe maßgebenb. Cr ipurbe 
burdi göttlidie fugung ein gläubiger 3euge bes 
lierrn, «ber lüann bes roagenben ölaubens, ber 
großartigen öebankentoelt; ber glorifizierenben 
Sdionbeit in Spradie unb form, ber Tllann, ben 
ber Herr einfame IDege gelten Ijieß, bamit er öe= 
meinfdiaft bilben i^önne; ben er in bie Stille fülirte, 
bamit er ber IDeite befonbers bienen mödite.» 

Cöbe toar eine oon öott reidi begnabete Tlatur. 
nilmälilidi bradi toolil feine korperlidie öefunbbeit 
unter ber ftetig ipactifenben Urbeitslaft zufammen. 
Aber er tiätte alle amtlidien unb außeramt= 
lieben Berufspfliditen nid]t mit foldier feiditigkeit 
becDältigen können, ipenn er nidit über eine gute 
leiblidie Konftitution oerfugt hätte. Heroorragenbe 
öeiftesgaben roaren ibm oerlieben unb bekunbeten 
fidi in einer erftaunlidien Pielfeitigkeit. IDas bat 
Cöbe nicbt alles ftubiertl IDie bat er bie burcbs 
Stubium ertDorbenen Kenntniffe toieber praktifcb zu 
oerroerten geipußtl üom früben ITIorgen bis tief 
in bie TIacbt binein toar er bei ber Urbeit. Ibm 
eignete paulinifcbe firbeitsfreubigkeit. Der Herr 
bat aber fein IDirken reicb gefegnet unb ibn es 
immer roieber erfabren laffen, baß er nicbt i7er= 



c»ic MCMsy iP^ic?^c^icM 167 rorcirararoror^ra 

geblidi gelaufen fei nod] oergeblid] gearbeitet l}abe. 
Tflifierfolge im eigentlidiften Sinn bes TOortes liatte 
fein Ceben nidit aufzuipeifen. Bradite es ber£nt= 
täufctjungen, ja Bitterl^eiten manche, — es roaren 
nur IPölkdien, cDeldie toieber ooruberzogen — 
feine ganze Eebensarbeit bat reidie frudit getragen, 
beren hk Tladitpelt bis zur Stunbe fid] bankbar 
freut oon roeldier (i<^ beute nod] zebrt. 

föbe tpar eine fdiöpferifdie Kraft. Cr oerftanb 
bie Regungen feiner 3eit unb tou^te FInregungen 
zu geben, ' Sein offenes fluge batte ipobl ad]t au f 
bie 3eitbebürfniffe unb fein männlidier IDille toar 
fofort zur Befeitigung ber Hotftänbe bereit. Un = 
gefudit ergaben fidi ibm bie Aufgaben, ireldie er 
aus ber Fülle ber ibm getDorbenen öaben löfen 
follte. Seine Hatur brängte zu rafdien Cnt= 
fdieibungen unb kräftigen Taten. Cin Flugblatt 
über bie kirdilidien Hotftänbe in Hmerika fällt ibm 
in bie Ijanb — unb «mit abnenbem öemut unb 
mit oorausfebenbem Sdiarfblid^ erkannte er hk 
Bebeutung biefes Tlrbeitsfelbes für bie lutberifdie 
Kirdie.*> Cin blober Knabe irirb ibm zugefubrt 
— unb an beffen Crfdieinung knüpfte fid] für ibn 
alsbalb eine reid] gefegnete fiebesarbeit unter ben 
Blöben. Cr beobad]tet, toie in ben öemeinben 
Frauen bin unb b^r treulid] Kranke pflegen — 
fein burd]bringenber üerftanb zauberte bie «Be= 
benken« aufs Papier unb fein örganifationstalent 
rief ein Diakoniffenmutterbaus ins feben. 



£öl]c befaß dnen liciligcn Ibcaüsmus. Sdion 
in jungen Jahren trar berfeibe bei iöm ausgeprägt 
In ber Hebe zur Tlatur, in bem Sinn für bas Sdione, 
in ber IDertfdiätjiung ber Kunft trat biefer ibeale 
SdjtDung zu Tage» «Drei öaben tuaren \\}m eigen: 
Der l^lare Bück, bie zarte lianb, bas coeite ßerz. 
Das Ibeal ftanb it}m ganz klar oor ber Seele, als 

l)ödifte Realifierung ber ebelften Ibeen Die 

öabe, bas Schone zu empfinben, ließ ilin Ibeale 
feilen, aber audi ble TOirklidikeit zur Sdionbeit 
emporbeben. Die Sdnonbeit irar ibm nicht ber 
Schmuck, fonbern bie Kraft bes febens. . . . Aber 
Blick unb öanb finb nichts, toenn nidit bas roeite 
lierz fie regiert. Unter bem Panzer ber lutherifchen 
örthoboxie, hat es nad] feinem Tob geheißen, 
fchlug ihm ein toeites, reiches fjerz.» In ber Hebe 
zur Kirdie, als ber Braut Chrifti, fanb biefer 
Ibealismus feine höchfte unb feligfte Befriebigung. 
föhe hätte nicht fo oiel, nid]t fo Großes geleiftet, 
tpenn er nidit Ibeale gehabt hätte. liintDieberum 
hatte es für ihn ettoas Beglüd^enbes, roenn er be= 
obachtete, cDie biefe Ibeale fich — eines nach bem 
anberen — Deripirkliditen. Die Freube über bas 
Crreidite konnte ihn bann in fd]a7eren 3eiten unb 
in bcn bunkelften Führungen oor Kleinmut be= 
roahren. 

Cöhe's feben zeidinete ein einheitlicher 3ug 
aus. Den Knaben befeelte fchon ber IDunfch, ein 
tüchtiger Pfarrer zu iperben. Seiner Kirche, feiner 



angcftammten ITluttcrkirdie, toar er oon ganzem 
fierzen zugetan. Cr bat ilir Me Treue gehalten 
bis zum letzten ntemzug unD coar einer ihrer beften 
Pfarrer, In ben ernften Kämpfen, ba er ben Flus= 
tritt ertpog, bat ibn eben bie flnliänglidikeit an 
feine eDangelifcli=lutl]erifdie Kirdie oom letzten 
Sdiritt abgehalten. Die Pietät gegen bas Uber= 
kommene irar in \\}m zu mäditig, als baß er 
fo ohne toeiteres fidi oon berfelben losgeriffen hätte. 
Sein gefdiiditlidier Sinn hätte ihm ein feben ohne 
Perbinbung mit ber üergangenheit zur Qual ge= 
macht. Die Cinbrucke aus bem Clternhaufe blieben 
bei ihm unoeripifcht. Die Erinnerung an bie erften 
gottesbienftlichen Stunben in ber lüichaelskirche zu 
Fürth toar ihm bis an bas Cebensenbe eine Quelle 
ber Erhebung. Die Ciebe zur l^eimat erlofch nie 
in feinem Herzen. IDie er im Familienkreis gern 
an Erlebtes fich zurückerinnerte, fo knüpfte er ba= 
rum auch im Berufstpirken bie Fäben ber Per= 
gangenheit ipeiter. «Er ift«, ipie ITIeyer einmal 
trefflich fagte, «auf ben Schultern feiner Däter ge= 
ftanben unb bie finb auch geroorben burch bie, bie 
oor ihnen geroefen finb, unb fo geht es zurück 
bis in bie Tage ber Rpoftel unb fie finb, toas fie 
toaren, burch Ihn geirorben, ber auferftanben ift 
Don ben Toten, filier Dienft ipurzelt in Ihm, bem 
fluferftanbenen, unb aller Dienft toirb recht oollenbet 
tüerben, roenn Er tuieberkommt, bes roir tparten.» 
Eöhe ipar nur ein ölieb in ber Kette ber treuen 
3eugen. 



c^yey v o^ xo yo^xeyyomo^ 170 rQr^r^rorororQra 

«Crgreifenb ift babei ein tief elegifdier 3ug 
fcl]on in frulier Jugenb«, Cölie's IDefen neigte fruli= 
zeitig zu fditoerem Crnfte. Sein treuer Celirer Kotli 
befurditete einftens ipolil, ba(^ er burdi allzu 
ftrenge 3urückgezogenl}eit fidi übereile. Die eigent- 
lidie Temperamentsanlage (Tlaturbeftimmtbeit) burfte 
getoefen fein «tiefe, faft träumerifdie Hlelandiolie, 
beren Heiligung zur Energie führte, coälirenb ilire 
Betonung biefe mäßigte.« Cin befonbers lierDor= 
tretenber 3ug blieb bei ihm barum lebenslang bie 
Hebe zur einfamen Stille bes friebliofes unb bie 
pietätooUe Erinnerung an bie Perftorbenen. «Id} 
bin fo fabbatlilidi geftimmt«, fagte er fpäter, 
«Pfalter unb l]arfe bringt mir fo kräftig ans öbr, 
ipenn idi im ölockenklang, mit Huferftebungsgefang 
burdi bie ftillen Tore bes friebliofes gebe.*» Cöbe, 
biefer Ulann mit feinem (diarfen Perftanb unb einem 
eifernen IDillen, biefer TTIann ooll b^ilig^^n lbealis= 
mus unb glübenber Pbantafie — auf ber liöbe bes 
febens eine Kampfesnatur — roar zugleidi ein 
niann ooll tiefften Cmpfinbens, ooll innerer Rül}= 
rung, ein TTIann bes öemütes. IDie munberbarl 
«Derfelbe TTIann, ber fo getoaltig für ölaube unb 
Eebre eiferte, tpar zugleidi c>on mäditig fdiöpferifdier 
Kraft auf bem Gebiete barmherziger Eiebe. Auf 
bie Jabre bes Streites folgte unmittelbar, cDie ein 
oerföbnenber flbfdiluß, bie Periobe eines groß= 
artigen Sdiaffens auf biefem öebiete.« 

Cöbe tDußte zu bienen. In ber Selbftlofigkeit 



unb Uncfgennuffigkeit mit roeldier er feines flmtes 
toaltete, trat biefe Cigenfcbaft befonbers zu Tage. 
IDas er von einer red]ten Diakoniffe gefagt bas 
traf auch bei ihm zu. Cr biente ipeber um fobn 
nodi um Dank, fonbern aus Dank unb Ciebe. Die 
Seelen bem Ijerrn zuzuführen, roeldier \\}n fo reich 
begnabet hatte, bas ipurbe ber Impuls feines 
Cebens. Kein Opfer toar ihm bafur zu groß unb 
keine Arbeit tuar ihm bafur zu gering. In großer 
Selbftoerleugnung unb Aufopferung biente £öhe 
bem Qerrn unb Seiner Kirche. Sein Permogen 
hat er im Dienft bes Reiches öottes geopfert. — Unb 
boch tDußte er auch zu herrfchen. öott hat gerabe 
biefen Diener in bas Porbertreffen geftellt* Cr 
führte bie 3ügel ba, wo er zu gebieten hatte, mit 
fefter Ijanb, aber auch mit oäterlicher JTIIIbe. Cr 
tDußte alles bis ins Kleinfte zu regeln, ohne babei 
ben IPeitblick für bas öanze zu oerlieren. In ber 
Errichtung unb im Ausbau ber Diakoniffenanftalt 
follte er biefe befonbere Begabung am beutlichften 
heroortreten laffen. ein öeift ftrenger 3ucht follte 
burch ihn bas TTIerkmal biefes IJaufes irerben. Cr 
iDurbe bemfelben ein Pater, tpar aber auch fein 
l]err. Diefe lioheit bekunbete er ebenfo in feinem 
amtlichen IPirken. «ITlit einer Art founeräner ITlacht« 
Dollkommenheit trat £öhe bistoeilen fchtoerftem 
Jammer ber Crbe unb ben bunkelften Hachtfeiten 
bes menfcftlichen Eebens entgegen.« Sünbe roar 
ihm oerhaßt, Heuchelei ein öreueL 



Die innerftc Triebfebcr feines raftlofcn unb 
fdbftlofen IDirkens tuar ber fromme, kinblidie 
Glaube, tueldier bekannte: «Ihm übergebe idi alle 
meine Dinge, benn Cr ift meine fioffnung.« Sein 
Oeblingsfprudi toar: «Sdiledit unb redit bas be= 
büte midi; benn id) barre Dein.» (Pfalm 25.) 
Cr lebte in ber heiligen Sdjrift unb in ber öefdiidjte 
feiner Kirdie. Cr roar ein Beter mit beiliger öe= 
lualt unb ftellte fidi unb fein £eben Tag für Tag 
binein in bas fid]t ber Cipigkeit. Tlidits konnte 
unb follte ibn barum fdjeiben oon ber Oebe öottes, 
bie in Cbrifto |efu ift unferem Herrn. 

ITIan bat toobl gefragt, auf coeldiem Gebiete 
Cöbe am grollten geipefen fei, ob als Diener feiner 
Kirdie ober als Babnbredier eoangelifdier £iebes= 
arbeit, ob als Cebrer ober als Seelforger, ob als 
Prebiger ober als fiturg. Im letzten örunbe eine 
mulmige Frage 1 fobe roar ein original. Seine Piel= 
feitigkeit in ber Arbeit toar ebenfo beipunberungs= 
tpürbig tpie feine einbeitlidjkeit bei ber Arbeit. Der 
Glaube ipar in ibm mäditig, roenn es galt, eDange= 
lircb=lutberifd}e Eigenart oor aller IDelt zu pertreten. 
Oebe entflammte ibn, roenn bie Tlöte bes üolkes 
ibm ans tjerz gingen. Unb l^offnung erfüllte ibn 
bei feinem ganzen TDirken, bas er als Säemanns= 
arbeit für bie Ccoigkeit betraditete. fln fdicperen 
3eiten bat es audi ibm nidit gefeblt. Cin Pietift, 
ein TTIud^er mürbe er oon mandien feiner 3eitge= 
noffen gefdiolten. Des Romanifierens beziditigten 



il]n bie einen, ber örtboboxie befdiulbigten ibn bie 
anberen. Inbeffen bk Hebe zu feiner eoangelifdien 
Kirdie roar zu grof^, als ba|^ er becDuj^t einer un= 
eoangelifdien Regung Raum gegeben hätte, aber 
aud] ber fjaß ber Feinbe erfdiien ilim zu gering, 
als ba(^ er in feiner Stellung zum Bekenntnis fidi 
llätte irre madien laffen. lüodite er baburdi mandiem 
zu einfeitig geroorben fein, traten barin aud] mandie 
SdiiDädien zu Tage, «ein fkcken= unb irrtumlofer 
Heiliger roar er nidit unb roollte er felbft nid]t fein.» 
Die ITIängel oerfdiipanben oor bem öroj^en, bas er 
nad] Gottes TDillen zu leiften berufen roar. Cr roar 
ein eoangelifdier Cliarakter. 

Den TIeuenbettelsauer flnftalten, ipeldie er be= 
grunbete, mar er ein üater. Die Kirdie Bayerns Der= 
lor in ibm einen ilirer treueften Bekennen Der 
neuen IPelt tuurbe er zum Segen, tv trar — nein 
er ift lieute nodi ein fdieinenbes unb brennenbes 
Cid]t ber lutlierifdien Kirdie. Sein öebäditnis bleibe 
audi unter ben kommenben öefdileditern im Segen! 
Der TTame «£ölie»> aber lebt fort, in bem ipas fein 
eiaubenseifer unb feine Oebesarbeit auf Crben 
gewirkt liaben. llim felbft roirb in ber CcDigkeit 
ber Colin, ipeldier oerlieij^en ift ben getreuen unb 
frommen Knediten bes Ijerrn. «Dann roerben bk 
öerediten leuditen tDie hk Sonne in ilires Uaters 
Reidi.» 



Inlialt 



Seite 

üorn7ort 5 

I. Cöfje's TDerben - 9 

IL Cöbe's IDirkcn 18 

1. Die erftcn Jal)re im geiftUdjcn Amt IS 

2. Der Pfarrer pon ITcuenbettclsau 31 

3. ernfte 3eiten 46 

4. Die Fürforge für bie luff)erifd]en Deutfdien in 
Tlorbamerika 59 

5. Kolonifation unb Inbianermiffion 77 

6. Die öefelirdiaft für innere JITiffion im Sinne ber 
lutl^erifdien Kird^e unb ber lutiierifdie üerein für 
tpeiblidie Diakonie 85 

7. Die Diakoniffcnanftalt üeuenbettclsau .... 93 

8. Der Flusbau ber Diakoniffcnanftalt 109 

9. 3ur Diakoniffenbilbung unb Diakoniffenarbeit . . 122 

10. Sdiriftftellerifdie Cciftungen 133 

11. näuslidjes unb Pcrfönlidics 141 

12. öebanken £öl]e's 153 

III. IDürbigung Cölje's 162 



Pon betnfelbcn Perfaffer ift erfd)icnen unb 
kann burdi jebe Bucl]l}anblung bezogen iperben: 

Cal^t uns beten! 

morgen^ unb Bbenbanbadjten zum öebraud) 
in Krankenfälen 

Don 

Karl eid}ner, 

Seelforger im allgemeinen Krankenliaus zu Hürnbcrg. 

3ipeite Auflage. 

eieg. geb. 80 Pfg.; nik. 1.-, ober mk. 1.20. 

Das K. prot. öbcrkonfiftorium in Tllünclien Ijat 
unter bem 5. Rüg. 1905 obige öebetsfammlung empfohlen. In 
bcr entfdiliel^ung lieißt es: «Das Büdilein ift zunädift zum 
öebraud) bei JIIörgen= unb Tlbenbanbaditen in Krankenfälen 
beftimmt. Jebe biefer Rnbaditen beginnt mit einem gut geroäblten 
SdirifttDort, bem ein kurzes öebet folgt, unb fdiließt mit Sclirlft= 
roort ober Cieberoers. Das Ganze mact)t einen fel}r guten 
ein brück unb kann zu bem genannten 3ipeck, foroeit bie 
konfeffjonellen üerljältniffe es geftatten, burcbaus cmp = 
fol]len n7erben. fiber auctj fonft roirb ber öeiftlidie für bie 
Krankenfeelforgc toillkommenep Stoff unb oielfadje 
nnregung aus ber kleinen Sdirift entnehmen können.» 

Im 3eitraum oon 3 JTIonaten mar bie erfte Auflage 
oergriffen. Diefe öebetsfammlung ift einem oft empfunbenen 
Bebürfnis entgegengekommen unb roirb in Krankentjäufern roie 
bei ber Krankenfeelforge überhaupt gern benijt^t. In tlieologifd]en 
ipie nid}ttt]eologif(tien Kreifen bat biefes Krankenhaus=6ebet= 
buch ungeteilte Anerkennung gefunben. Dasfelbe eignet 
fid) zu öefd)enken für Krankenljäufer, öeiftlidie, Diakoniffen, 
Diakone fomol)! mie für alle biejenigen, meldie biefen Kreifen 
naliefteben.